Kultur

Lange, lange Stuhldebatte

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 16.04.2012

In der Stadttheater-Inszenierung des Fäkalklassikers «Die Präsidentinnen» werden die drei Schauspielerinnen an der allzu kurzen Leine gehalten.

So tief: Mariedl  (Heidi Maria Glössner) machts Erna (Suzanne Thommen, links) und Grete (Sibylle Brunner) vor.

So tief: Mariedl (Heidi Maria Glössner) machts Erna (Suzanne Thommen, links) und Grete (Sibylle Brunner) vor.
Bild: Philipp Zinniker

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Bis 21. Juni in den Vidmarhallen im Liebefeld.

Infos: www.stadttheaterbern.ch

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Bei der einen ist die Mütze getigert, bei der anderen die Weste, und die dritte trägt Tigerschühchen. Dass da unter den kleinbürgerlichen Kluften noch allerlei Wildes brodelt, machen die Erna, die Grete und das Mariedl schnell klar, diese drei abgetakelten Wracks, verurteilt zu lebenslanger Haft im Hinterhof des Lebens.

Sogar der liebe Gott hat sie längst vergessen, und so hat auch Papst Benedikt XVI., Bildschirmstatist in sechsfacher Ausführung und einziger Mann auf der Bühne in den Vidmarhallen, für die drei kein barmherziges Lächeln übrig. Ihnen einen Heiligenschein zu basteln, darauf hat auch Werner Schwab (1958–1994) verzichtet, der als Kellerkind und Sohn einer Hausmeisterin das nach Kohl riechende Unglück im Mietblock aus eigener Anschauung kannte. Schwab entlässt aber seine «Präsidentinnen» für einen kurzen heftigen Ausflug in ihr ganz persönliches Paradies – mit fatalen Folgen. Lässt «ein Fest herabfallen» auf das Trio, an dem sich jede in ihre Sehnsüchte hineinhalluziniert. Die Erna will den bigotten Fleischer Wottila, die Grete den feschen Tubaspieler Freddy, und das Mariedl, das Mariedl wünscht sich noch mehr verstopfte Aborte.

Ein schauriges Schicksal, denn buchstäblich in der Scheisse wühlt das Mariedl, die applaudierte Entstopferin, die jede Verrichtungsanstalt wieder funktionstüchtig macht. Eine Heilige der WC-Muscheln, verzichtet sie doch auf ihrer Mission auf den Gebrauch von Gummihandschuhen. Ihr Lebenselixier, die braune Brühe, verbrämt denn auch das ganze Stück, diesen Fäkalklassiker, mit dem der österreichische Dramatiker 1990 seine kurze heftige Karriere startete und mit seiner gewaltigen Sprache Publikum und Kritiker gleichermassen überwältigte.

Rüstige Seniorinnenriege

Mit Sibylle Brunner (Grete), Suzanne Thommen (Erna) und Heidi Maria Glössner (Mariedl) tritt in der Inszenierung des Berner Stadttheaters eine überaus rüstige Seniorinnenriege an. Ein Trüppchen, das in der Stadttheatererfolgsnummer «Altweiberfrühling», der im September nach Zürich exportiert wird, bewiesen hat, dass auch mit dem Tragen von Stützstrümpfen das Leben noch lange nicht vorbei ist.

Vielversprechend legt denn auch das flotte Trio im Schaukasten der ramponierten Tapeten und Polstermöbel (Bühne Heike Vollmer) los und löffelt mit gesundem Appetit Schwabs Ursuppe aus Frust, Demütigung und Selbstbetrug aus. Selbstgerecht die Erna, durchtrieben die Grete und verstört das Mariedl. «Die Sprache zerrt die Personen hinterher: wie Blechbüchsen, die man an einen Hundeschwanz angebunden hat», lautet einer der meistzitierten Sätze Schwabs. Und die drei liefern sich denn auch mit viel Lust den knorrigen wunderlichen Satzgebilden aus, die aus den verkrüppelten Seelen herausbrechen. «Jetzt muss wieder eine Nächstenliebe aufgebaut werden», sagt zum Beispiel das Mariedl, als sich die Grete und die Erna in die Haare geraten.

Doch seit Schwab 1990 mit seiner Stuhldebatte die Theaterwelt aufschreckte, ist viel Scheissdreck auf den Bühnen aufgetürmt und abgebaut worden. Da will der viele braune Stoff in Schwabs exzessiver Auseinandersetzung mit den menschlichen Absonderungen frisch angerichtet werden, auf dass die drei Frauen nicht am braunen Stoff kleben bleiben wie mit dem Schuh an Hundedreck.

Eine Entschuldigung zum Schluss

Keine Sünde war zu unmenschlich für Schwab, den Outlaw im Künstlerland, der erst Bildhauer war, bevor er die Sprache entdeckte und sich dann in einer Silvesternacht mit mehr als vier Promille Alkohol aus dem Leben schwemmte. Und viel versteckt hat er in den Akten seiner Präsidentinnen: Mysterienspiel und Familiendrama, Praterglück, zwei Hochzeiten und einen Mord, lauter Türchen wie in einem Adventskalender, die man nur aufstossen muss. Doch Günther nimmt keine dieser Fährten auf, an der kurzen Leine hält er die drei Frauen. Kein Ausbrechen wird ihnen zugestanden, obwohl die Scheiben des Schaukastens auf der Bühne längst kaputt sind. Ob im Sofaelend oder im Sehnsuchtsdelirium – gleichförmig bleibt das Spiel, dem Günther zudem ein allzu abruptes Ende beschert.

«Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen», wird vor dem hastigen Abgang noch geflüstert – einer Entschuldigung gleich kommt Schwabs berühmtes Zitat, das Günther aus einem andern Drama in seine gar konventionelle Inszenierung hineingeschmuggelt hat. (Der Bund)

Erstellt: 16.04.2012, 09:07 Uhr

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