Klettern und Krabbeln im Kafka-Karton

Gísli Örn Garðarsson hängt für Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» die Möbel an die Wand. So schafft er im Zürcher Pfauen Raum für viel Aktion – aber wenig Interpretation.

Verdrehte Welt: Claudius Körber in der Rolle von Gregor Samsa, seine Schwester Grete spielt Dagna Litzenberger-Vinet. Foto: Doris Fanconi

Verdrehte Welt: Claudius Körber in der Rolle von Gregor Samsa, seine Schwester Grete spielt Dagna Litzenberger-Vinet. Foto: Doris Fanconi

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Gregor schaukelt verreckend im Vorhang. Das lange rote Stück Stoff ist um seinen nackten Bauch geschlungen. Es fliesst an ihm hinab, von der ersten Etage des Häuschens ins Erdgeschoss, als wärs ein Strom von Blut: sein Blut, das für Vater, Mutter, Schwester und auch für Gregor selbst vergossen wird – zur Erlösung von der Last, die das Leben mit ihm bedeutet. Noch einmal schwingt der junge Mann in Anzughose sich auf, dann gleitet er abwärts, fällt, im Tuch, in die Tiefe, bis er unten hin- und herbaumelt: Gregor Samsa ist tot. Aber der 34-jährige Schauspieler Claudius Körber ist sehr lebendig! Das hat er mit dieser astreinen Vertikaltuchakrobatik gezeigt.

Musik von Nick Cave

Grete schaukelt aufblühend auf einem Seil – jetzt, wo Gregor weg ist. Da leuchtet die Zukunft rosig. «Aus dir ist eine schöne junge Frau geworden», sagt die Mutter (Isabelle Menke). «Wie eine Rose», sekundiert der Vater (Matthias Neukirch). Im Fond der Pfauenbühne knallt eine Blumenlaube Pink, Orange und Gelb in den Horizont. Und Nick ­Caves rauer Bariton feiert dazu Narzissen, Magnolien, Jasmin; besingt Vogel, Schmetterling und das «sweet young thing», das süsse junge Ding. Der Australier muss Dagna Litzenberger-Vinets Grete vor Augen gehabt haben, als er den Song komponierte: dieses nur scheinbar zerbrechliche Geschöpf mit kessem Pferdeschwanz, feschem Rock und aufkeimender Hoffnung.

Hatte er natürlich nicht. Am Tag vor der «Metamorphosis»-Uraufführung in London im Jahr 2006 meldete sich Performer Gísli Örn Garðarsson hektisch bei seinen tollen Soundtrackmusikern, Cave und Warren Ellis: Er brauche dringend noch ein Lied fürs Finale. Die zwei waren auf Tour, tauchten aber in ein Hotelzimmer ab und schickten wenig später eine Datei. Voilà. So umsäuseln die Zürcher Premierenbesucher der «Verwandlung» am Ende sanfte Töne, softe Lyrics, ein böses Glück aus Schmelz.

Der 42-jährige isländische Theatermann, der gern von seiner Zeit als Turner im Nationalkader erzählt, hatte sich vor zehn Jahren die Rolle von Franz Kafkas Handlungsreisendem auf den Leib inszeniert. Kafkas Alter Ego in der unsterblichen, vieldeutigen Erzählung von 1915 ernährt die Familie mit seiner aufreibenden, entfremdenden Arbeit. Gregor fürchtet den diktatorischen Vater, bedauert die kranke Mutter, liebt die musikalische Schwester. Aber eines ­Morgens stellt er fest, dass er sich über Nacht in einen Käfer verwandelt hat und nicht zur Arbeit gehen kann. Und Käfer krabbeln, klettern, kleben an Wänden, verkriechen sich in Ecken, rennen über Zimmerdecken: buchstäblich eine Steilvorlage für den sportlichen Performer und Regisseur Garðarsson.

Sein Bühnenbildner Börkur Jonsson hat daher auf die plüschige Jahrhundertwendestube im Parterre ein Zimmer ­gesetzt, das aussieht, als hätte ein Kind eine Schachtel für einen Käfer durchlöchert: Die Luftlöcher überall funktionieren als Klettergriffe. Bett, Stuhl, Lampe, Flechtteppich hängen an der Wand. ­Gregor hangelt sich von da nach dort, pendelt am Lampenständer, klammert sich am Stuhl fest, erhascht manchmal durchs Fenster an der Decke einen Blick auf den bedeckten Winterhimmel: Seine Welt ist um 90 Grad verdreht, «normal» ist passé. Garðarsson, Spezialist für sportive Klassikerlektüren, reiste mit seiner munteren «Metamorphosis» um die Welt. Inzwischen rezykliert er den zirzensischen Kafka-Hit mit anderen ­Ensembles, 2012 in München, nun in ­Zürich. Aber ach, es bleibt hilfloses ­Gekrabbel im Kafka-Karton, das Publikumsbarometer steigt und fällt.

Zwar ist da der durchaus grandios choreografierte Einstieg in die Familienroutine. Im Sepialicht, das an vergilbte Fotos erinnert, schleudert das Dienstmädchen (wild überspannt: Fritz Fenne) den Frühstückskaffee in die Tassen. Die Asthma-Mutter im Blumenkleid keucht, das Lieblingskind im Blumenröckchen lächelt, der gestrenge Vater regiert über die Zeitung. Als sie Gregors Schuhe entdecken, bricht Panik aus: Wieso ist er nicht bei der Arbeit? Gregors verzweifelte Erklärungen durch die verschlossene Zimmertür verstehen nur wir; für die Samsas klingts wie Tiergebrüll. Sein Anderssein ist nichts als Irritation und Projektion. Der Rest ist Ausgrenzung – als Schuld der Angepassten.

Zu Karikaturen verzerrt

Was hier vergessen ging: Gregors stille Teilhabe an der Familienhölle, sein Ekel über diese Teilhabe, seine eigene Projektion eines couragierteren Ichs auf die Schwester. Überhaupt seine schillernde Sicht. Er hat viel Raum für Aktion, wenig für Interpretation. Denn obwohl sich die flotte Choreografie und Lichtregie rund um den turnenden Körber im tadellosen Businessanzug bewegen, richten David Farr und Garðarsson den Textfokus auf die anderen Gestalten. Ihnen legen sie Kafkas Prosa – die aus Gregors Perspektive erzählt ist – als Dialoghappen in den Mund. Und verzerren sie dabei zunehmend zu Karikaturen. Der Vater etwa ist ein trumpscher Popanz, von Neukirch kraftvoll gezeichnet. Die Mutter wirkt schwächer, liebloser als bei Kafka. Und Grete kippt in eine Unbarmherzigkeit, die von der Zerrissenheit der Kafka-Figur nichts behält. Fennes Untermieter schliesslich – Kafkas drei Zimmerherren in Kondensform – ist einerseits ein gnadenloser Neoliberaler, andererseits ein präfaschistischer «Ungeziefer»-Jäger: ein Einfall, der dem Regisseur nach einem Auschwitz-Besuch kam.

Es erschlägt, dass selbst solche Wendungen als komische Drehs, platte Gags daherkommen. Als der 90-minütige Abend endlich wieder zu einer klareren, weniger klamaukigen Haltung findet, ist man fast so erschöpft wie Gregor. Garðarssons Held besiegt zeitweilig die Schwerkraft; doch seine Inszenierung lässt den Text nicht fliegen, ja, stürzt ihn streckenweise in tiefe Niederungen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2016, 22:33 Uhr

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