Kultur

«In der Kunst kann alles gedacht werden»

Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 18.06.2010

Sebastian Baumgarten, Regiestar an Oper und Theater, zeigt morgen am Theater Neumarkt Jacques Offenbachs «Banditen».

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«Die Banditen», 19. Juni bis 4. Juli.

Sebastian Baumgarten in den Kulissen von «Die Banditen». (Bild: Nicola Pitaro)

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«Talking about a revolution»: Dieser Song ist sozusagen das Signet der jüngsten Berliner Inszenierung von Sebastian Baumgarten. Wo einer wie er «Dantons Tod» von Büchner stemmt, da brodeln auf der Bühne die Debatten, da schieben die Schauspieler Denkanstösse hin und her, als wärs ein Crashkurs in Bildern.

«Ich betreibe Theater aus einer klaren Haltung heraus und nicht nur aus Spielfreude», sagt Baumgarten, der einst Jazzmusiker hatte werden wollen, und holt gleich aus: «Mit siebzehn, noch als Schüler, habe ich eine Hospitanz bei Ruth Berghaus gemacht, und das hat alles geändert.» Die grosse Brechtianerin steckte ihn, Sohn einer Sängerin und Enkel eines Staatsopernintendanten, mit der Begeisterung für das epische Theater an, für das dialektische Denken.

Und dieses ist für ihn so jung geblieben wie der 41-Jährige selbst in seinen Bluejeans, dem weissen T-Shirt und mit jenem Tick Schick, mit dem er die Sonnenbrille ins grau melierte Haar gesteckt und Perlenkette um den Hals gelegt hat. Baumgarten ist kein hemdsärmliger Haudrauf-Ideologe, aber auch kein schnieker Schauspieler, der gerade mal für die Rolle des Che Guevara vorspricht, sondern ein scharfer Analytiker, der fix argumentiert und gewandt formuliert. «Theater schafft Modelle, die Welt zu sehen und Probleme von allen Seiten zu beleuchten. Genau das bedeutet für mich Schillers ‹drittes, fröhliches Reich des Spiels und des Scheins›: In der Kunst kann alles gedacht und durchgespielt werden.»

Und das tut Sebastian Baumgarten, wenn er Klassiker neu liest und – scheinbar – gegen den Strich bürstet. Wenn er beispielsweise Händels Pasticcio «Orest» mit Georges-Bataille- und Alexander-Kluge-Texten knackt – eine Inszenierung, für die er 2006 zum «Opernregisseur des Jahres» gekürt wurde. Der in Ostberlin aufgewachsene Regisseur versteht sich als eine Art expressionistischer Aufklärer, der beim Inszenieren lautstark und ohne falsche Scham nach allen Richtungen Fragen stellt; seine Lehrstücke sollen nicht belehren, sondern mündig machen, und es ist ihm schnuppe, dass dieser Ansatz derzeit nicht populär ist. «Schade, dass diese offene Form von Theater jetzt an jeder Ecke kaputt gemacht wird. Dabei ist gerade dies das Tolle an dem Beruf: Man darf und soll grundsätzliche Gedanken wälzen.» Ruth Berghaus reichte ihm dafür einst Rüstzeug und Basis, Einar Schleef die mentale Radikalität. Bei beiden (und auch Robert Wilson) hat Sebastian Baumgarten 1990 assistiert, während er an der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik Opernregie studierte.

«Wild und querulant»

Danach hat er jahrelang «die Auflösung des Musiktheaters mitbetrieben» mit seinen Inszenierungen. Heute weiss er gar nicht recht, ob das überhaupt noch eine Form der Avantgarde sein kann – oder einfach seine Form ist. «Im Grunde arbeite ich werktreuer als ein Traditionalist. Zum Beispiel gehe ich nun am Neumarkt-Theater für die Aufführung von Offenbachs Opera buffa ‹Die Banditen› von Offenbachs Musik weg: Sie war damals wild und querulant, und um diese Wirkung geht es mir. Der Geist der Musik soll erhalten bleiben.» Revolutionäre Töne – talking about a revolution – auch hier. Den klugen Talker und bravourösen Bilderbauer interessiert aber nicht das «Binsenwahrheitstheater», das erzählt, dass die wahren Halunken die mit den weissen Westen sind. Er stellt vielmehr die Frage nach Identität und Markt, die diese Verwandlungsoperette aufwirft, wo sich die Räuber erst als Pilger, dann als Wirte und schliesslich als spanische Abgeordnete verkleiden.

Zwischen Pappschildern von Fünfzigerjahre-Blondinen, mitten in der munteren Burleske, geht es zur Sache. «‹Die Banditen› spiegelt das kapitalistische System wider, diese Illusionsseifenblasenmaschinerie, zu der wir im Moment keine Alternative sehen ausser der kompletten zivilisatorischen Katastrophe.» Dass der Regisseur diese Maschinerie statt mit 80 Leuten – wie vom Komponisten vorgesehen – mit 16 am Laufen halten muss, mit 8 Schauspielern und 8 Sängern, setzt ausserdem einen Haufen Fantasie frei.

Fantasie hat er, der einzige bekannte Theaterregisseur im deutschsprachigen Raum, der von der Oper kommt. «Es wird in der Oper mehr Visualisierungskraft als am Theater verlangt, dafür ist die Struktur klarer festgelegt, und Eingriffe in die Partitur sind schwierig. Die Arbeit als Schauspielregisseur ist komplexer und diffiziler – eben wegen der grösseren Freiheit.»

Vom Neumarkt zum Schiffbau

Dass sich gegenwärtige Theatermacher da selbst neue Beschränkungen auferlegen, beeindruckt Baumgarten nicht. Und die «Wende zu einer neuen Gefühligkeit», die Suche nach der Seele, findet er angesichts der brutalen Verhältnisse fatal fürs Theater. Oder schlichtweg «albern». Da schaut er sich lieber einen weiteren Castorf an: «Das ist wie die Stones: Der ändert sich nicht und bleibt immer faszinierend.» Oder er besucht einen Marthaler, einen Schlingensief – «das sind Theatergenies, die ganz anders arbeiten als ich; ich mach einfach immer nur Oper.» Seine offene, verwegene und doch strenge Oper.

An der Volksbühne in Berlin, seinem Traumziel Nummer eins, hat er 2008 «Tosca» neu erfunden mit viel Text, Containern und elektronischen Klängen. In Bayreuth, seinem Traumziel Nummer zwei, wird er 2011 Wagners «Tannhäuser» als «ökofaschistische Vision» untersuchen. Aber erst mal wird man ihn und seine kleine Familie (sein Söhnchen, das er mit der Schauspielerin Kathi Angerer hat, ist zwei Jahre alt) in Zürich sehen – einer Stadt, die der eingefleischte Berliner als «irre schön» bezeichnet, obwohl die Lebensqualität nachgelassen habe, das Exklusive weggebrochen sei: Im kommenden Februar wird Sebastian Baumgarten im Schiffbau inszenieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2010, 19:11 Uhr

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