Kultur
In den Untiefen des Elends
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 01.05.2012 4 Kommentare
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Bis 2. Juni in den Vidmarhallen.
Infos: www.stadttheaterbern.ch
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Eintritt verboten: Wos nach oben geht, ist der Zugang den Kindern verwehrt. Und hangelt sich eines tollkühn hinauf, ein übler Sturz katapultiert es schnell wieder in die Tiefe. Dort müssen Sätze geschrieben werden wie «Ich will nicht im Dreck stecken. Sondern ich will meine Flügel entfalten.» Denn der äussere Dreck hinterlässt seine Spuren auch unter der Haut, das sagt der Lehrer.
Flügel wachsen allerdings keinem der Kinder – so lieblich sie auch anzuschauen sind. Wie einem Anker-Bild entsprungen wirkt die Kinderschar, die in der grossen Vidmarhalle über die Bühne tollt. Schwere Schuhe, wollene Strümpfe, prächtige Zöpfe und unschuldige Gesichter. Nicht in die Idylle passen allerdings die Ruten und die Ledergürtel, mit denen sie gezüchtigt werden. Oder die Zwangsjacke. Ein Folterinstrument, das in den hiesigen Erziehungsanstalten bis weit ins 20. Jahrhundert auch bei Jugendlichen zum Einsatz kam.
Tüchtig ist die Truppe der 27 Kinder und Jugendlichen, gleichzeitig hat ihr Spielernst auch etwas Rührendes – als wollten die Nachwuchstalente mit ihrem grossen Engagement wieder gutmachen, was Verdingkinder und administrativ verwahrte Jugendliche in der Schweiz vor noch nicht allzu langer Zeit erleiden mussten.Allerdings wir diesen jetzt wieder etwas angetan. Sie haben als Vorlage eines ziemlich misslungenen Theaterstücks herhalten müssen, dessen Inszenierung erst noch kein Klischee zum Thema auslässt.
Potpourri der Misere
Doch schön der Reihe nach. Das Berner Stadttheater hat Hansjörg Schneider ein Stück in Auftrag gegeben zu einem Thema, das in jüngster Zeit auch in der Literatur und im Film aufgegriffen worden ist: Eines verdrängten und noch längst nicht restlos ausgeleuchteten dunklen Kapitels der jüngeren Schweizer Geschichte nimmt sich Schneider mit «Looslis Kinder» an. In einer lockeren Folge schildert er lauter Schlüsselszenen aus dem Leben weggesperrter Jugendlicher: Da ist die geschwängerte 15-Jährige, die sich aufhängt, der Verdingbub, der nicht genug zu essen bekommt, der Halbwüchsige, dessen Trotz mit der Zwangsjacke gebrochen wird.
Inspirieren liess sich Schneider, Schöpfer von «Kommissar Hunkeler» und «Sennentuntschi», unter anderem von Carl Albert Looslis Schicksal. Der Berner Schriftsteller und Journalist setzte sich traumatisiert von seinem Aufenthalt in der Anstalt Trachselwald lebenslang für die Rechte der Verschupften ein. Elemente aus Looslis grauenvollen Erfahrungen reiht Schneider munter an andere Fallgeschichten.
Ein Potpourri der Misere richtet er an, und als wäre der Konfusion nicht genug, hüpft er noch in die 1950er- und 1960er-Jahre, als eine forsche Jugend ihre Freiheit zu reklamieren beginnt. Bis in die Gegenwart, als sich die offizielle Schweiz 2010 endlich zu einer Entschuldigung durchgerungen hat, reicht Schneiders tragischer Reigen, der einen trotz seiner Drastik ziemlich unberührt lässt. Denn allzu flott surft sein Text auf der Oberfläche eines plakativen Elends. Während die Szenen aus der Dunkelkammer der Repression durch ihre Abgedroschenheit befremden, irritieren jene Momente durch ihre Künstlichkeit, in denen Schneider die gutbürgerliche Jugend zu Wort kommen lässt.
Schablonenhafte Choreografie
In der Inszenierung von Liliana Heimberg, die bereits mehrere Stücke von Schneider auf die Bühne gebracht hat, werden all diese Untiefen des Elends nicht aufgewühlt. Im Gegenteil, die Theaterpädagogin setzt das Kinderrudel auf eine schablonenhafte Choreografie der allzu expressiven Bilder an, die zwar handwerklich solid, aber ähnlich absehbar sind wie Schneiders Text.
Blass bleiben in dieser Anordnung die Auftritte der professionellen Schauspielerinnen und Schauspieler, die keine Gelegenheit bekommen, eine Rolle zu vertiefen. Platte Kurzauftritte für alle: als billige Prostituierte und nettes Bürgermami (Sabine Martin), als leidende Ehefrau und tantige Frau Regierungsrat (Henriette Cejpek), als faschistoider Anstaltswärter und frustrierter Lehrer (Diego Valsecchi), als traumatisierter Dichter und ungeduldiger Prügelvater (Stefano Wenk), als sadistischer Direktor und fieses Schwein von einem Metzger (Walter Küng).
Einzig Milva Stark darf den ganzen Abend die Gleiche spielen, eine Karikatur von einer Sekretärin, die mit Aktenstössen und dümmlichen Gesicht durchs Elend stöckelt. Eine nichtssagende Witzfigur, die gleichzeitig die eigenwilligste Erscheinung ist in diesem durch und durch konventionellen Schülertheater. (Der Bund)
Erstellt: 01.05.2012, 08:11 Uhr
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4 Kommentare
Frau Niederhauser bringts auf den Punkt. Eigenlich erstaunlich, dass die professionelle Dramaturgie des Stadttheaters nicht gemerkt hat, dass Schneiders Stück missraten ist und rechtzeitig eingriff. Fehlende Fachkompetenz? Schade um die anerkennenswerten Leistungen der auftretenden Kinder. Antworten
Die jugendlichen Opfer haben im Stück wahrlich sehr viel Raum und Gewicht erhalten - hoffentlich auch! Die Kinder in ihren historischen Kostümen erinnern an Ankergemälde, jene Sinnbilder für eine oft damit verbundene Idealisierung der Vergangenheit, und sie ergeben einen gut eingesetzten Kontrast zum Geschehen auf der Bühne. Zum Glück wird hier Distanz zum "Feuilleton-Theater" gehalten. Antworten
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