Er suchte nach neuen Gedankenräumen

Er hat Bern zu einem der wichtigsten Plätze auf der Weltkarte der Perfomance-Kunst gemacht: Der Performer, Schauspieler und Regisseur Norbert Klassen, der 70-jährig gestorben ist.

Die gute Seele vom Progr: Norbert Klassens Atelier stand offen für alle.

Die gute Seele vom Progr: Norbert Klassens Atelier stand offen für alle.

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Seine längste Perfomance hiess «Menschen» und dauerte 6 mal 24 Stunden. Am Zürcher Theater am Neumarkt meditierte Norbert Klassen vor zehn Jahren darüber, was Leben heisst im Bewusstsein, das man einmal sterben wird. Der damals 60-Jährige zerrieb Zuckerstücke und stellte stumm all die Fragen, die rund um das Verschwinden aus dem Leben verdrängt werden.

In den letzten zwei Jahren war Klassen sich bewusst, dass der Tod schon bedrohlich nah war. Diese Nähe hat ihn nicht daran gehindert, seine zahlreichen künstlerischen Projekte weiterzuverfolgen.Norbert Klassen hielt sich gerne in jenen Grenzgebieten auf, wo die Fragen so schwierig sind wie die Antworten. Es waren keine absoluten Wahrheiten, nach denen er suchte. In seinen Performances nahm er die Themen, die ihn umtrieben, immer wieder neu auf. Zum Beispiel das Gefühl von einst, als ihm der Direktor der Schauspielschule Bochum ein Ultimatum stellte: entweder die Schauspielschule oder die Performancegruppe Fluxus. Norbert Klassen entschied sich für die Schauspielschule. Die Frage aber, was aus ihm geworden wäre, wenn er sich der Gruppe Fluxus angeschlossen hätte, zu der in den Sechzigerjahren Künstler wie Ben Vauthier und Joseph Beuys gehörten, beschäftigte ihn bis zuletzt.

Beckmann, der Ausgestossene

In Bern, wohin Norbert Klassen Mitte der Sechzigerjahre gezogen war, fiel er erst als Schauspieler auf. Legendär ist sein Auftritt in Wolfgang Borcherts «Draussen vor der Tür» in der Inszenierung des Kleintheaters an der Kramgasse. Klassen war Beckmann, der ausgemergelte Ausgestossene, der Niemand mit der Nickelbrille, den sogar die Elbe verschmähte. So gross sein Talent als Bühnen- und Filmschauspieler war, weit mehr interessierten den jungen Theatermann, der öfters auch Regie führte, die Möglichkeiten der Performance. 1970 gründete er das STOP Performance Theater (STOP.P.T.), dem unter anderen auch die Schauspielerin Janet Haufler angehörte, Klassens langjährige künstlerische Weggefährtin.

Dem Ensemble waren die künstlerischen Arbeitsprozesse weit wichtiger als die Resultate. Seine Produktionen wurden auch ausserhalb der Schweiz verfolgt: 1985 gehörte Klassen zu den Gründern von Black Market International, einem weltweit vernetzten Performance-Kollektiv. Klassen machte sich nicht nur als ausdauernder Performance-Künstler einen Namen. Von seiner Hartnäckigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen, und seiner Fähigkeit, zu begeistern, profitierten auch seine Schüler. An der Schule für experimentelle Gestaltung in Zürich unterrichtete er, in Kassel und an der Berner Schauspielschule (1980–1996). Ein Eklat begleitete seinen Abgang in Bern. Klassen hatte gehofft, die Nachfolge des damaligen Leiters Paul Roland antreten zu können. Gewählt wurde aber Leonie Stein, und die neue Direktion wollte das Arbeitsverhältnis mit Klassen nicht verlängern. Es war nicht sein erster Zusammenstoss mit den Berner Kulturbehörden. Bereits ein Jahr zuvor hatte er den Sisyphus-Preis samt Preisgeld zurückgegeben, weil er nicht akzeptieren konnte, dass die jährliche Subvention des Ensembles STOP.P.T. halbiert wurde.

Reitschule und Effinger-Theater

Trotz dieser Absagen, die ihn sehr getroffen haben, zog Klassen sich nicht verbittert zurück. Im Gegenteil. Zwar löste er unter Protest das Ensemble STOP.P.T auf, sorgte aber mit dem neuen Performance-Festival Bone dafür, dass Bern auf der Weltkarte der Performance weiterhin zu den wichtigen Plätzen gehört. Ungebrochen blieb auch seine Neugier. Wie gross sein Interesse für künstlerische Auseinandersetzungen und Interventionen jeglicher Art war, zeigte sich, als er sein Atelier im Progr bezog. «Er wurde zur Seele des Progr», sagt Peter Schranz, Adjunkt an der Abteilung für Kulturelles, der manches Scharmützel mit Klassen ausgetragen hat. «Er hatte keine Berührungsängste, sein Atelier stand allen offen, er initiierte Lesungen und mit P.P.P. ein Festival für ganz junge Performance-Künstler.»

In den letzten Jahren fand Klassen auch wieder zu seiner ersten Liebe, dem Theater. An ganz unterschiedlichen Produktionen war er beteiligt: In der Reitschule war er zum Beispiel in «Anarchie in Bayern» von Rainer Maria Fassbinder mit von der Partie, die der Club 111 auf die Bühne brachte – jene Theatergruppe, um derentwillen die städtische Theaterkommission einst die Subventionen von STOP.P.T. gekürzt hatte. Und im Effinger-Theater führte er in den letzten Jahren öfters Regie: zeigte seine Sicht von Klassikern wie Thornton Wilders «Wir sind noch einmal davongekommen», das er als Musical inszenierte, oder von Genets «Zofen», die er von Männern spielen liess.Mit Performen aufzuhören, schien ihm unmöglich, auch dann, als die gesundheitlichen Probleme immer gravierender wurden. «Die Suche nach neuen unverbrauchten gedanklichen Räumen ist für mich lebenswichtig», sagte er vor einem Jahr, als er zum letzten Mal das Bone-Festival kuratierte.

Nun ist Norbert Klassen am Donnerstag 70-jährig gestorben, mitten im aktuellen Bone-Festival. Es ist das erste unter der Leitung seiner beiden Nachfolger Valerian Maly und Peter Zumstein, mit denen er über Jahre eng zusammengearbeitet hat. (Der Bund)

(Erstellt: 03.12.2011, 09:35 Uhr)

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