Eine Schneekanone und viel Gewalt

Das Theater Marie fährt bei seiner Inszenierung von «Liliom» des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár in der grossen Halle der Reitschule viel Material auf, vernachlässigt dabei aber die Figurengestaltung.

Grossartige Einfälle, aber wenig Detailverliebtheit: «Liliom» in der Grossen Halle.

Grossartige Einfälle, aber wenig Detailverliebtheit: «Liliom» in der Grossen Halle. Bild: Andreas Zimmermann

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Es ist ein Ungetüm von einem Stoff, den sich das Theater Marie für seine neuste Inszenierung ausgesucht hat, welche zurzeit in der Grossen Halle der Reitschule gezeigt wird. Wenig andere Sozialdramen wurden so oft und in so vielfältiger Form reproduziert wie «Liliom» des ungarischen Dramatikers Ferenc Molnár. 1909 in Budapest uraufgeführt, wurde der Stoff bereits drei Jahre später für deutsche und österreichische Bühnen übersetzt.

Seitdem haben zahlreiche Regisseure den «Liliom» adaptiert, in den 40er-Jahren diente das Stück als Vorlage für das Broadway-Musical «Carousel», 2011 wurde in der Hamburger Staatsoper ein Liliom-Ballett aufgeführt, sieben Spielfilme haben sich der Materie angenommen, und letztes Jahr gab es im Münchner Staatstheater die erste Liliom-Oper zu sehen.

Warum sich ein kleines Schweizer Tourneetheater wie das im Aargauischen beheimatete Theater Marie nun ebenfalls den Liliom vorknöpft? Weil die Vorstadtlegende «menschlich wie sozial abgründig und zeitlos» sei, lässt sich dem Programmbeschrieb entnehmen. Der Stoff offeriert aufgrund seiner seltsamen Mischung aus Sozialdrama und Märchen tatsächlich eine gesellschaftskritische und zeitüberdauernde Perspektive.

Erzählt wird die Geschichte des Jahrmarkt-Angestellten Liliom (Ladislaus Löliger), der seinen Job verliert, zu Hause den Pascha markiert und aus Frust über seine Arbeitslosigkeit seine schwangere Frau Julie (Barbara Heynen) schlägt. Die finanzielle Not ist gross, und so lässt sich Liliom von einem Ganoven namens Ficsur (Grégoire Gros) dazu überreden, bei einem Raubüberfall mitzumachen. In der Euphorie verzockt Liliom aber seinen Teil der Beute bereits vor dem Raub beim Kartenspiel, und auch der Überfall misslingt komplett.

Liliom nimmt sich das Leben und landet vor einem himmlischen Selbstmördergericht, wo er Busse tun muss. Nach 16 Jahren erhält er die Erlaubnis, für einen Tag auf die Erde zurückzukehren, wo er sich als alter Freund seiner selbst ausgibt, seine Frau wieder trifft und seine Tochter kennen lernt.

Nah am Musical-Kitsch

In der Weite der Grossen Halle der Reitschule wirken die Akteure des Theaters Marie bei der Aufführung von «Liliom» auf der Spielfläche ein bisschen verloren. Am hinteren Rand der Bühne agieren vier Musiker und Musikerinnen in Fabelwesen-Kostümen, denn im Stück werden auch immer wieder Lieder angestimmt (Musik: Pascal Nater). Diese Songs kommentieren manchmal vergnüglich überspitzt das Geschehen – etwa wenn Julies Freundin Marie (Pascale Pfeuti) und deren Mann Wolf (Diego Valsecchi) die eigenen Unzulänglichkeiten als Eltern besingen – manchmal sind die Lieder aber auch gefährlich nahe am belanglosen Musical-Kitsch.

Ganz nach brechtscher Manier ziehen sich die Schauspieler direkt auf der Bühne um, einzelne Requisiten und Gegenstände deuten symbolisch den Handlungsraum an – so wird eine aufblasbare Couch zum Wohnzimmer –, es wird geschrien, geflucht, geschlagen, beleidigt und mit exaltiertem Körpereinsatz gespielt. Offensichtlich wird hier das Gebaren einer Gesellschaft vorgeführt, in der Gewalt die einzig mögliche Reaktion auf Konflikte darstellt. Leise Momente und Augenblicke echter Nähe sind höchstens ansatzweise auszumachen, wären aber als Kontrastmomente zentral und würden der Inszenierung unter der Regie von Olivier Keller zu mehr Dynamik verhelfen. Auch nimmt man Liliom und Julie ihre Liebesbeziehung nicht ab, sondern ärgert sich vielmehr über ein hoffnungslos veraltetes Rollenbild, das da reproduziert wird.

Zeitweilig schöne Bilder

In Bezug auf verwendete Gerätschaften und Materialien hat das Theater Marie keinen Aufwand gescheut, um dem grossen Stoff gerecht zu werden: ein Gummisofa fällt vom Himmel, Polizisten erscheinen als übergrosse Handpuppen-Figuren, Julie entsorgt sich selber in einem Müllcontainer, und Liliom wird vom Gestöber einer Schneekanone ins Jenseits begleitet, wo er auf einem grossen Trampolin hüpfend von den göttlichen Instanzen beurteilt wird. Dabei werden zeitweilig schöne Bilder erzeugt, andererseits wird einem die Symbolik manchmal aber gar arg aufs Auge gedrückt. Anstelle von plakativen Effekten hätte man sich mehr Liebe zu den Figuren und deren Gestaltung gewünscht. Und anstatt eines Fokus auf Grosses mehr Sorgfalt zum Detail.

«Liliom», Theater Marie, Grosse Halle Reitschule, bis und mit Sonntag, 9. April. (Der Bund)

Erstellt: 08.04.2017, 09:32 Uhr

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