Kultur

Echte, lebende Kinder

Von Regula Fuchs, Daniel Di Falco, Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 07.05.2012

Ein kleines Theaterwunder, die Schrumpfung der Zukunft mit den Mitteln des Kartons und demontiertes Behindertentheater: Drei Auawirleben-Kritiken.

Hier wird die Bühne tatsächlich zur Zeitmaschine: «Before Your Very Eyes».

Hier wird die Bühne tatsächlich zur Zeitmaschine: «Before Your Very Eyes».
Bild: zvg

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Ein kleines Theaterwunder

Hereinspaziert! Es sind tatsächlich echte, lebende Kinder! In einem einseitig verspiegelten Glaskasten lümmeln die sieben herum, flankiert von zwei grossen Bildschirmen: ein Kinderzoo, den die englisch-deutsche Gruppe Gob Squad zusammen mit Campo aus dem belgischen Gent in die Dampfzentrale gebaut hat. Drinnen im Glashaus erhalten die 10- bis 14-Jährigen nun Anweisungen von einer Säuselstimme: «Now grow, grow up!»

Doch zuerst meldet sich die 10-jährige Aiko zu Wort: Sie habe über den Tod nachgedacht, «ich werde sterben, genau wie ihr.» Das wolle niemand hören, korrigiert sie die Stimme aus dem Off. Denn sieben Leben im Schnelldurchlauf, das sollen wir hier sehen, «Before Your Very Eyes», so der Titel des Stücks. Und los gehts: Schon sind die Kinder keine Kinder mehr, sondern düster geschminkte 19-Jährige, bald feiert man in Hemd, Krawatte und Pumps den 40. Geburtstag, und in Windeseile kommt das Alter mit Bart und grau gepudertem Haar. Da wird der ganze Budenzauber des Theaters aufgeboten, und der macht einfach Spass – den tollen jungen Akteuren ebenso wie dem Publikum. Der melancholische Ernst, der in diesem Comic-Strip des Lebens steckt, linst jedoch immer wieder hervor, am eindrücklichsten vielleicht in den eingespielten Videosequenzen: Hier wird die Bühne tatsächlich zur Zeitmaschine. Einspielungen zeigen nämlich die Kinder zu Probenbeginn vor drei Jahren: Aus dem kleinen Buben etwa, der so gerne mit seiner Knetmasse gespielt hat, ist nun ein Früh-Pubertierender geworden, der den Kopf über sein Ich von damals schüttelt. Diese Dialoge der Kinder mit sich selber – die sind der Clou des Stücks, das die Zeit, das Werden und das Vergehen so traumhaft einleuchtend sichtbar macht.

Sowieso erreicht «Before Your Very Eyes» mit seinen Junior-Bühnenkünstlern locker, was derzeit viele erwachsene Theaterprofis nur mit grossem Krampf aus sich herausprügeln: Authentizität. Darüber hinaus ist dieser Abend verspielt und ernst, federleicht und tonnenschwer, geht ans Herz und an die Nieren, und das alles gleichzeitig. Ein kleines Theaterwunder.

Regula Fuchs

Die Schrumpfung der Zukunft mit den Mitteln des Kartons

Voilà, da hängt er: der berühmteste Oberschenkelknochen der Filmgeschichte. An einem seidenen Faden schwebt er über der Bühne und wartet auf seine Verwandlung: von der Keule einer drei Millionen Jahre alten Affenmenschheit in eines jener Raumschiffe, die die Erde umwalzern in ferner Zukunft.

Doch dafür sind die Gorillas hier zu blöd. Oder eher: zu verkopft. Verlegen stehen sie herum, an den Knochen wagt sich niemand, und dann beginnt einer zu reden in seinem Zottelkostüm. «Das mit dem Monolithen, das hab ich nicht ganz verstanden. Ich frag mich, was ist denn das, vielleicht, ich vermute, dass es sich um die Aufhebung alles Zeitlichen handeln könnte. Oder vielleicht deutet es auf etwas Religiöses hin.»

Man muss Kubricks «Space Odyssey» nicht gesehen haben, um hier seinen Spass zu haben. Aber es hilft. Auf der Bühne im Pfeiler der Monbijoubrücke steht die Berliner Theatergruppe 2e Bureau und demontiert die Zukunft, wie sie das Kino gestern und vorgestern entwarf: eine Art filmisches Karaoke, bei dem einem Dutzend Science-Fiction-Streifen das Pathos ausgetrieben wird. Die Mittel: Kartonraumschiffe, Patriarchatskritik, Untertitelorgien ohne Bilder; dazu kommt der Gegenschnitt mit dem Weltgeschehen in der Entstehungszeit der Filme und der Familiengeschichte der Schauspieler bis zurück in die Ära von «Metropolis».

Das alles könnte, ja sollte nach dem Versprechen des Projekts, auch Fragen aufwerfen wie die, ob «sich an die Industriegesellschaft des 19. und die Risiko­gesellschaft des 20. Jahrhunderts nun das Leben im Krisenmanagement anschliesst, das uns in Ermangelung von Zeit den Raum für Utopien raubt». Aber die Lust an der Persiflage überwiegt den gegenwartskritischen Ernst, und so wird die «Erinnerung an die Zukunft» – Titel des Abends – zum nostalgischen Vergnügen: zur Reise durch eine Zeit, in der die Zukunft noch ein Malbuch voller Abenteuer war. Mit dem putzigen Schlagerpop, der den Abend unterlegt, schrumpft die Zukunft dann endgültig auf ­Kinderliedformat. Odyssee im Weltraum? Peterchens Mondfahrt. Nicht sehr brisant. Aber ausgesprochen charmant.

Daniel Di Falco

Demontiertes Behindertentheater

Jerôme Bel ist nicht da. Was der französische Choreograf will, das sagt seine ­Assistentin Simone Truong. Sie sitzt am Mischpult und gibt alle seine Anweisungen durch: Jerôme Bel will, dass die Schauspieler sich wortlos und einzeln eine Minute lang dem Publikum präsentieren. Jerôme Bel will, dass sie ihre Meinung über das Stück sagen, Jerôme Bel will, dass sie einen Tanz aufführen und ihre Behinderung definieren. Und alle machen sie, die Schauspielerinnen und Schauspieler des Zürcher Theaters Hora, genau das, was Jerôme Bel will.

Bel ist bekannt dafür, dass er sich nicht für den schönen Schein interessiert, dass ihm vielmehr daran liegt, Authentizität freizulegen. Keine Rollen also für die elf nicht ganz normalen Menschen: Auf der grossen Bühne der Dampfzentrale wird vielmehr ihre Identität als geistig Behinderte inszeniert. So spannend dieser Ansatz, so entsetzlich ist die Umsetzung, denn Bel setzt bei der Produktion ­«Dis­abled Theater», die an den Theaterfestivals von Avignon, Brüssel und an der Ruhrtriennale gezeigt wird, auf ein durch und durch gestyltes Konzept. Da die Schauspieler nur Dialekt sprechen würden und Bels Anweisungen auf Englisch erfolgt seien, werde nun alles übersetzt. Die Übersetzung auch einfacher Infos wie Alter, Name und Beruf wird von der Assistentin in einer nur schwer erträglichen ­affektierten Art zelebriert – als wolle man mit diesem Rahmen die Zuschauer daran erinnern, dass hier das Resultat eines kunstvollen Prozesses gezeigt wird.

Umso erleichterter ist das Publikum darüber, dass die Schauspieler offensicht­lich ihren Spass haben. Diese Menschen mit Behinderungen wie Trisomie 21, denen man in der Öffentlichkeit kaum mehr begegnet und die wohl bald aussterben werden, zeigen ungefiltert ihre Gefühle, geniessen Auftritt und Applaus, der besonders heftig ausfällt, wenn die Posen der Stars imitiert werden. Und während man auf die Schauspieler wartet, weil Jerôme Bel will, dass sie kurz vor Schluss noch fünf Minuten Pause ­machen, um die Toilette aufzusuchen, kommt einem plötzlich der Gedanke, dass der Choreograf vielleicht nichts anderes im Sinn hat, als Behindertentheater von den Kunstansprüchen zu befreien, wie sie seine geistig normalen Regisseure hegen.

Brigitta Niederhauser (Der Bund)

Erstellt: 07.05.2012, 07:49 Uhr

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