Die Fronten verhärten sich
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 11.05.2009
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«Ich habe nicht erwartet, dass alle das neue Konzept toll finden, aber es war eine gute Diskussion, auch die Kritik war konstruktiv», sagt Cyrill Häring, der Leiter der Projektgruppe, die ein neues Konzept für das Berner Stadttheater ausgearbeitet hat (siehe «Bund» vom Samstag). Im Rahmen eines Soundingboard (runder Tisch) haben rund 50 Berner Kulturschaffende unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der Medien die Vorschläge kommentiert.
Auf grosse Kritik stiess vor allem die Idee, den Tanz am Stadttheater abzuschaffen. «Über die Solidarität mit dem Tanzensemble habe ich mich sehr gefreut», sagt Cathy Marston. Die Ballettchefin des Stadttheaters ist schockiert, dass überhaupt eine Abschaffung in Erwägung gezogen wird. «Der Tanz – das zeichnet sich weltweit ab – ist das Medium der Zukunft. Dass ausgerechnet Bern, die Bundeshauptstadt, das Tanzensemble abschaffen will, ist unverständlich.» Cathy Marston stört sich weiter auch daran, dass in der Arbeitsgruppe dieses Szenario nicht diskutiert wurde. «Wir haben die Argumente, die gegen eine Abschaffung sprechen, gar nie einbringen können.»
Roger Merguin, Koleiter der Dampfzentrale und Verantwortlicher für die Sparte Tanz, weist darauf hin, dass verschiedene Modelle ausgearbeitet worden seien, wie die 2,2 Millionen Franken, die heute am Stadttheater für den Tanz aufgewendet werden, am besten und effizientesten eingesetzt werden könnten. «Es befremdet mich sehr, dass der Vorschlag, die Sparte Tanz gesamthaft am Stadttheater zu streichen und die Gelder künftig dem Schauspiel und dem Musiktheater zukommen zu lassen, erst am Soundingboard auf den Tisch kam und nicht einmal der Projektgruppe bekannt war», sagt Merguin. «Eine Sparte zu schliessen ohne einen Vorschlag, wie das Bedürfnis nach Tanz in Bern abgedeckt werden kann, ist nicht wirklich innovativ. Es erinnert an ein vorübergehendes Feuerlöschen und bringt die Frage mit sich, was man als Nächstes wegspart, wenn die Finanzen nicht im Lot sind.» Immerhin hätten die Gespräche aber endlich Transparenz über die Verteilung der Mittel gebracht, die bisher sogar für die Projektgruppe ein Geheimnis waren: 60 Prozent der Gelder beansprucht das Musiktheater, 30 Prozent bekommt das Schauspiel, 10 Prozent das Ballett.
«Es ist eine Drama»
«So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Matthias Gawriloff, Direktor des Berner Symphonieorchesters, der wegen seines Widerstandes gegen die Fusion mit dem Stadttheater in der Runde kritisiert worden ist. «Es ist ein Drama, was da vor sich geht. Henri Huber, Direktor der Theatergenossenschaft, will praktisch die Zusammenarbeit zwischen BSO und Stadttheater aufkündigen. Gebetsmühlenartig wiederholt er die Forderung nach den 4,9 Millionen Franken, um andere Orchester billig einzukaufen. Wir brauchen diese Subventionen, um unseren Leistungsvertrag auch in der Sinfonie zu erfüllen. Werden diese Gelder verschoben, kommt es zur Vernichtung des Orchesters.» Ihn störe vor allem die mangelnde Bereitschaft von Henri Huber, die Zusammenarbeit zwischen Theater und BSO grundsätzlich zu erneuern. «Marc Adam und ich – wir sind da schon viel weiter. Jetzt bin ich sehr gespannt auf den Abschlussbericht. Markiert er einen Neuanfang oder das Ende? Beim Ballett ist ja der Abbau auch schon seit Jahren im Gang gewesen. Jetzt soll es weg. Das wurde so nie diskutiert.»
Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt Henri Hubers Einschätzung der Diskussionsrunde. «Die Art und Weise, wie Vertreter des BSO den Projektleiter attackiert haben, ist unhaltbar», sagt Huber. Für die Situation der anderen Sparten sei beim BSO?überhaupt kein Verständnis vorhanden. Alles werde abgeblockt. «Diese Taktik darf nicht belohnt werden, da müssen die Subventionsgeber, Bernhard Pulver und Alexander Tschäppät, endlich ein Machtwort sprechen.» Der Systemwechsel sei dringend notwendig. «Entweder bekommen wir die 4,9 Millionen Franken, die das BSO für seine Orchesterdienste im Theater erhält, oder das Theater und das BSO werden zusammengelegt. Einen andern Weg gibt es nicht, um die grossen Privilegien, die das BSO geniesst, zu brechen.» Laut Huber kann zudem das Theater wegen der Dispositionshoheit des BSO die ihm zustehenden Orchesterdienste längst nicht ausschöpfen.
«Ein Top-down-Verfahren»
Dem Konzept einiges abgewinnen kann Myriam Prongué. Die Koleiterin des Schlachthaus-Theaters arbeitete als Vertreterin der freien Szene in der Projektgruppe mit. «Das Konzept ist gar nicht so schlecht, weil es den einzelnen Sparten mehr Unabhängigkeit zugesteht und eine solche ist sehr wichtig.» Weiter habe es durchaus das Potenzial, Konflikte zu lösen. Was die Abschaffung des Tanzes betrifft, gibt sie zu bedenken, dass damit in Bern die einzigen Stellen im Tanz verschwänden, die anständig entlöhnt würden.
Für den Theaterschaffenden Martin Bieri (Schauplatz International) sind die verschiedenen Vorarbeiten, die in den Arbeitsgruppen geleistet wurden, zu wenig berücksichtigt worden. «Jede Art von Neuorientierung muss von unten kommen, also von den Kunstschaffenden, und erst dann sollen die Strukturen geschaffen werden. Hier wurde aber ein Top-down-Verfahren angewendet.»
Laut Häring sollen nun die Rückmeldungen aus dem Soundingboard in den Schlussbericht einfliessen, der Ende Mai dem Vorstand der regionalen Kulturkonferenz vorgelegt wird. «Über die Verteilung der Gelder muss die Politik entscheiden, in diesem Punkt ist sich die Runde einig gewesen.» (Der Bund)
Erstellt: 11.05.2009, 09:53 Uhr
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