Kultur

Die Alpenrose aus dem Urwald

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 11.02.2012

«Liebi chunt und Liebi geit»: Weit weg von Bern schrieb Walter Hitz das Libretto zu «Alperose». Sein Vorbild für das Musical mit 24 Songs von Polo Hofer ist nicht «Ewigi Liebi», sondern «Mamma mia!».

«Distanz schärft den Blick fürs Wesentliche», sagt Walter Hitz.

«Distanz schärft den Blick fürs Wesentliche», sagt Walter Hitz.
Bild: Adrian Moser

Musical

«Alperose» wird vom 17. 2 bis 15. 4. im Bernexpo-Musical-Theater gespielt.

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Eine surreale Szene: Am Ende der Welt, im brasilianischen Manaus, hatte Walter Hitz die ganze bernische Befindlichkeit der letzten vierzig Jahren im Ohr. Nicht nur wegen der grossen Hitze floss der Schweiss in Strömen, als sich Hitz durch alle 240 Songs von Polo Hofer hörte. «Ich trainierte auf einem Laufband in den Favelas, als mir die zündende Idee für die Story zu einem Musical mit lauter Songs von Polo Hofer gekommen ist.»

Im Ausland werde ich zum Patrioten», sagt der 49-jährige Zürcher. «Was mir die Schweiz bedeutet, realisiere ich immer, wenn ich weit weg von ihr bin.» Weit weg von Bern und dem Rest der Schweiz schrieb Hitz auch den Text für das Musical «Alperose». In Istanbul, Berlin und Wien, in Thailand, Brasilien und Australien stellte er sich vor, wie es seinem Helden Pesche zumute ist, der nach langen Jahren und einer Reise rund um die Welt wieder in den Mattenlift steigt und im «Pot» landet, der Stammbeiz, in der alle seine alten Freunde und Lorraine, seine einstige Liebste, sitzen geblieben sind.

«Die Distanz ist wichtig», sagt Hitz, «sie schärft den Blick fürs Wesentliche», und er macht denn auch keinen Hehl daraus, dass allerhand eigene Erfahrungen in die Story eingeflossen sind. Mit Polo Hofer hatte Hitz bis vor zwei Jahren nicht viel am Hut. Die Mundartwelle war an ihm, dem ausgebildeten Konzertpianisten, vorbeigerollt. Entsprechend wenig überschwänglich sei so seine erste Begegnung mit Polo National in Bern verlaufen. «Ich sagte ihm direkt, dass ich mit ‹Kiosk› nicht viel anfangen könne.»

Freund und Manager von Helfgott

In den Achtzigerjahren, als Polo mit «Alperose» einen grossen Hit landet, organisiert Walter Hitz klassische Konzerte. Dort bewegt er sich allerdings auf der wilden Seite, lässt zum Beispiel von verschiedenen Pianisten das Ungestüme von Beethovens «Apassionata» ausloten. In den 1990ern wird er durch einen Zufall zum Agenten und später zum Freund des exzentrischen Ausnahmepianisten David Helfgott, dessen triumphale Europatournee er organisiert. So zufällig, wie die Begegnung mit Helfgott zustande gekommen ist, so unvermittelt landet Hitz im Musical-Business. Als Produzent macht er an den Musical-Theatern von Basel und Zürich die Erfahrung, dass man in diesem Geschäft viel Geld verdienen, aber noch mehr verlieren kann.

Mit «Alperose» wagt er sich nun wieder an eine Musical-Produktion. Es ist die erste, bei der er selber die Story geschrieben hat. «Ich entwickle gerne Geschichten», sagt Hitz. «Beim Schreiben fühlt man sich ein wenig wie der liebe Gott, ich kann die Menschen verheiraten, sie sterben lassen, ihnen eine Trennung verordnen, und ich kann morden.»

«Alperose» ist eine Lovestory, wie sie das Leben immer wieder schreibt: zwei Liebende, ein Ausbruch und ein Wiedersehen. «Ich wollte eine realistische Story, nichts Märchenhaftes und keinen Kitsch», sagt Hitz. «Ich will Menschen zeigen, die sich ihren Schwächen und Ängste bewusst werden, die so viele Träume und Hoffnungen verpuffen lassen.» Leitmotiv ist der Song «Alperose» mit der lakonischen Zeile «Liebi chunt und Liebi geit», der immer wieder eingeblendet wird, wenn sich Pesche und Lorraine treffen. «Die Story soll von den Songs getragen werden, das heisst, eine Figur will sorgfältig aufgebaut werden, bis sie überzeugend ‹Bini Gottfried Schtutz e Kiosk? Oder bini öpe e Bank?› singen kann.»

Mit dem Hofer-Musical will Hitz nicht auf dem Mundartmusical-Hype mitsurfen, den «Ewigi Liebi» ausgelöst hat. Zwar spielt Eric Hättenschwiler den Pesche, der bereits in «Ewigi Liebi» eine Hauptrolle hatte. «‹Mamma mia!›, das Musical mit den Abba-Songs, ist mein Vorbild», sagt Hitz dezidiert.

Angst vor der «Alpenneurose»

24 Lieder hat Hitz ausgewählt und gestaunt. «Was alles in den Hofer-Songs steckt, ist mir erst aufgegangen, als ich mich intensiv mit ihnen auseinandergesetzt habe. Polo hat immer mit tollen Komponisten zusammengearbeitet.» Im Musical setzt der Produzent nicht nur auf die grossen Hits, besondern angetan haben es ihm weniger bekannten Songs wie «Wi söll me däm de säge süsch?» oder «Inserat».

Kein fertiges Stück hat Hitz abgeliefert, zusammen mit Mirco Vogelsang (Regie) und Stefan Mens (musikalische Leitung), mit denen er schon früher zusammengearbeitet hat, diskutiert er vielmehr intensiv jede Szene. In dieser Runde nicht dabei ist Polo, der erst gar nichts mit dem Musical zu tun haben wollte. «Hauptsache, ihr bezahlt die Suisa-Gebühren», soll sein erster Kommentar zum Musical gewesen sein. «Dass er sich dann aber für die Produktion erwärmen konnte und sogar in einigen Vorstellungen auftreten wird, das ist für uns jetzt die Krönung», schwärmt Hitz.

Er macht kein Geheimnis daraus, dass in manchen Momenten das Unternehmen mit seinem Budget von mehr als fünf Millionen Franken in eine «Alpenneurose» zu mutieren drohte. «Manchmal komme ich mir vor wie der Zauberlehrling, ich bin von einer Idee begeistert, fange an und habe dann plötzlich das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst.» Seit mehr als Drittel der Tickets verkauft sind, sind seine Nächte ruhiger geworden. Und wenn seine Rechnung aufgeht, weiss er auch schon, was er mit einem Teil des Gewinns machen wird. «Ich habe ein Projekt für den brasilianischen Urwald.» Wo die Premiere über die Bühne soll, das ist für ihn auch klar: im legendären Teatro Amazonas, dem Opernhaus von Manaus, mit dem sich die Kautschukbarone kurz vor ihrem wirtschaftlichen Ruin einen Traum erfüllt haben. (Der Bund)

Erstellt: 11.02.2012, 11:13 Uhr

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