Der einzig glückliche Schweizer

In seinem neuen Kabarettprogramm erklärt uns Massimo Rocchi die Entstehung der Schweiz.

«Was solli mache?»: Massimo Rocchi bei der Premiere im Theater 11.

«Was solli mache?»: Massimo Rocchi bei der Premiere im Theater 11. (Bild: Doris Fanconi)

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Nächste Vorstellung in Zürich: Am Sa., 19.30 Uhr, Theater 11.

Massimo Rocchi hat am Donnerstagabend im proppenvollen Theater 11 alle von Anfang an im Sack. Sack? Hosensack. Den vermissten die Schweizer nämlich sehr, als sie auf dem Gotthard auf die Welt kamen, ohne Hosen, dafür mit langen Armen. Nichts, um die Hände drin verstecken zu können. Heute haben alle Taschen, wo auch was drinsteckt – Opossum, Ospel, Beuteltiere.

Das ist typisch Rocchi: hüpft Tempo Teufel von einem Thema zum andern, verknüpft Dinge, die scheinbar nicht zusammengehören, vermengt Zeiten, Bilder, Sprachen. Das Ergebnis: Alles lacht. Mit seinem neuen Programm «Rocchipedia», das am Donnerstag Premiere feierte, gibt er uns eine kabarettistische Geschichtsstunde. Denn will man sich selbst verstehen, bleibt nur der Blick zurück, findet Rocchi.

Körpersprache als Heizkörper

Gleich zu Beginn holt er seinen roten Pass aus der Tasche, zeigt ihn wie eine Trophäe ins Publikum und ruft: «Ich bin Schweizer, und ich bin glücklich!» So etwas würde ein gebürtiger Schweizer nie sagen. Schweizer sind nämlich: Ja, wie denn? Rocchi spricht das Wort nicht aus, krümmt sich nur, fasst sich an den Bauch, mimt furchtbare Schmerzen und verzieht das Gesicht, als hätte er Essigsocken im Mund. SVP, sagt er, diese Abkürzung erkläre alles, die S-chweiz sei V-oller P-essimismus. «Was solli mache? Was solli mache?», diese Frage ist leitmotivisch, er stellt sie sicher 100-mal. Wenn er eine heillos überforderte Eveline Widmer-Schlumpf nachahmt – Rocchi steckt zwei Finger in die fiktive Steckdose und macht dazu schlimme Haare –, oder wenn er Bundesrat Merz karikiert, der sich im Libyen-Konflikt heillos verheddert. «Aus Afrika kam alles, auch der erste menschliche Knochen», sagt Rocchi, «nur aus Tripolis kommt nichts.»

Zu einem guten Teil spielt Rocchi in seinem neuen Programm auch sich selbst. 1994 beschrieb er in seinem ersten Bühnenprogramm «ÄuÄ» auf Berndeutsch die ersten Eindrücke des kleinen, staunenden Italieners beim Grenzübertritt. Danach durchlebte er in «Circo Massimo» die Leiden und Freuden eines zwittrigen Doppelbürgers. «Rocchipedia» vollendet die Trilogie. Inzwischen ist Rocchi auch im echten Leben Schweizer Staatsbürger. Seine Freude darüber gibt Gags und Gesten Glaubwürdigkeit.

Geschichtsstunde bricht ab

Überhaupt – Rocchis Körpersprache. Sie ist neben seiner Beobachtungsgabe und seinem Sprachwitz quasi die Zentralheizung seines Ausdrucks. Sie befeuert ihn zum Beispiel, wenn die Herkunft des Wortes Schweizer von Schwitzen hergeleitet wird. Dazu serviert Rocchi dann eine kuriose Geste des Nicht-mehr-enden-wollenden-Luft-Schaufelns, und schon ist vergessen, dass der Gag wenig taugte. Da merkt man, was er bei Marcel Marceau gelernt hat.

Das Witzigste aber ist – und da rollen dann wahre Brüller durchs Publikum – seine Darstellung der Spanischen Hofreitschule. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen, rot besockt, galoppiert und trabt er über die Bühne, Seitwärtstraverse, haaaalt. Rückwärtsrichten. Das geht nicht besser. Nur hat man nach zehn Minuten schon wieder vergessen, wie er zu dieser Szene kam, in welchem Kontext sie stand. Vermutlich, weil die Österreicher Pferde züchteten, während die Schweizer Erbsen auspullten.

Pessimistisch, unfroh, klagend

Bei Marignano bricht die Geschichtsstunde ab, Rocchi springt zu Tempo 30 und Basler Abfallsäcken, die der Container in Zürich wieder ausspuckt, weil ihm davon schlecht wird. Zwischen 1515 und heute ist wohl nicht viel passiert, denn damals bekam die Schweiz in Italien so eine aufs Dach, dass sie traumatisiert wurde und aufhörte, in der Aussenpolitik eine wichtige Rolle spielen zu wollen. Was dazu führte, dass die Schweizer so wurden, wie sie heute sind: pessimistisch, unfroh und klagend. Ein etwas gestriges Bild der Schweiz, könnte man einwenden. Wo bleibt die heutige Generation? Rocchi, der Zugewanderte, verkörpert sie. Schluss, aus, Standing Ovations. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2009, 06:33 Uhr

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