Kultur

Der Vorteil des Autorennfahrers

Vorgestern wurde sein Name vorzeitig bekannt, gestern hat er sich offiziell präsentiert: Stephan Märki, der künftige Direktor von Konzert Theater Bern. Ein Gespräch übers Dreinreden, Ausfechten und Coachen.

1/3 Sieht grosses Potenzial in Bern: Stephan Märki.
Bild: Adrian Moser

   

«Ein Intendant, der das Haus inszeniert»

Die Erleichterung ist Hans Lauri anzusehen. Der Präsident der neuen Stiftung Konzert Theater Bern (KTB), die am letzten Montag gegründet wurde, freut sich, mit Stephan Märki einen Direktor vorstellen zu können, der als Theaterleiter sowohl künstlerische als auch geschäftliche Erfolge vorweisen kann.

Ursprünglich wurde für die Leitung der neuen Organisation, in der das Stadttheater Bern und das Berner Symphonieorchester (BSO) zusammengeführt werden, ein Geschäftsführer mit grossem wirtschaftlichen Know-how und einer gewissen Affinität zur Kunst gesucht. Dieses Stellenprofil stiess nicht nur innerhalb der Kulturszene auf Kritik, auch Hans Lauri, der im November 2010 seine Arbeit als strategischer Leiter der Zusammenführung aufgenommen hatte, fing an, im Januar 2011 an ihm zu zweifeln.

«Mir ist schnell klar geworden, dass der neue Direktor über ein grosses künstlerisches Netzwerk verfügen und einen ganz eigenen Bezug zu Kunst haben muss», sagte Lauri gestern an der Medienkonferenz im Stadttheater. «So hat sich der Fokus verändert, der künstlerische Bezug ist wichtiger geworden.» Ebenso klar sei aber auch, dass der neue Direktor nicht inszenieren werde. «In den Gesprächen mit Stephan Märki waren wir uns sehr schnell einig, dass der neue Intendant nicht sich selber, sondern das Haus inszenieren muss.»

«Mann mit Emotionen»

Für Lauri ist Märki ein grosser Glücksfall, weil dieser in Weimar erfolgreich ein 4-Sparten-Haus mit einem grossen Orchester geführt hat: «In einer Stadt mit knapp 60 000 Einwohnern verzeichnete sein Theater jährlich 180 000 Eintritte», sagt Lauri, der Märki in den Verhandlungen als Persönlichkeit mit grossen eigenem Antrieb erlebt hat: «Er identifiziert sich mit Bern und ist ein Mann mit Emotionen.» Noch ist Märki am Nationaltheater Weimar unter Vertrag. Mit seinem dortigen Arbeitgeber ist gemäss Lauri nun ausgehandelt worden, dass Märki ab 1. Juli ein Jahr mit einem 25-Prozent-Pensum in Bern tätig sein wird. Im Folgejahr wird er zu 25 Prozent in Weimar noch einzelne Aufgaben wahrnehmen, bevor er dann hundertprozentig für Bern da sein wird. Die Tagesgeschäfte wird Märki im Übergangsjahr zusammen mit Marcel Brülhart führen, der im Fusionsprojekt vor allem für vertragliche und juristische Fragen bei den beiden Institutionen zuständig war.

Angebote für Sidler und Marston

Um die Kontinuität am Theater zu gewährleisten, liegen laut Hans Lauri für Schauspielleiter Erich Sidler und Ballettchefin Cathy Marston Vertragsverlängerungsangebote um ein Jahr bis 2013 vor. Die beiden haben noch nicht unterschrieben. Für Sidler ist «im Moment noch alles offen». Cathy Marston war gestern für eine Stellungsnahme nicht erreichbar. Was ein Engagement der beiden – sofern sie zusagen – über 2013 hinaus betrifft, will sich Märki zum heutigen Zeitpunkt noch nicht äussern (siehe Interview). Unverändert übernommen werden die Verträge aller Angestellten des BSO und des Stadttheaters.Noch nicht besetzt ist die Stelle des Leiters oder der Leiterin Musik (Oper und Konzerte). Der Vertrag des heutigen Intendanten und Chefs der Sparte Musiktheater läuft im Sommer 2012 aus. Marc Adam gibt seine Leitungsfunktionen aber frühzeitig, bereits per 1. Juli 2011, ab. Er wird noch wie geplant im kommenden Herbst bei «The Rake’s Progress» Regie führen und der neuen Organisation als Berater bis Ende der nächsten Saison zu Verfügung stehen. Länger als vorgesehen wird Matthias Gawriloff, noch Direktor des Berner Symphonieorchesters, in Bern bleiben. Anfang Jahr war bekannt geworden, dass sein Auftragsverhältnis aufgelöst wird. Seine Mitarbeit ist nun aber in der Übergangsphase bis 2012 gefragt.

Knacknuss Sparte Musik

Bleibt noch die Frage nach den Kompetenzen des Leiters der Sparte Musik: Gemäss Märki besteht bezüglich der Hierarchie und der künftigen Rolle der Chefdirigenten des BSO und des Stadttheaters noch Klärungsbedarf. So möchte Märki, dass der BSO-Chefdirigent Mario Venzago künftig auch im Stadttheater bei Opernaufführungen dirigiert.

Stichworte

Herr Märki, Sie sagen, ein «emotionales Anliegen» stehe hinter Ihrem Entscheid für Bern. Was für eine Emotion ist das?

Ich bin jetzt 56, und so oft werde ich nicht mehr in eine andere Stadt wechseln. Es wird vielleicht im Alter wichtiger, dass man sich an einem Ort wohlfühlt. Bern ist meine Geburtsstadt, da schliesst sich schon eine Art Kreis. Noch vor fünf Jahren hätte man mich nicht hierherlocken können, aber heute habe ich Lust auf die Schweiz. In der Region Bern spüre ich eine Aufbruchstimmung: Hier könnte etwas passieren, die Szene rund um das Theater ist sehr lebendig.

Am Nationaltheater Weimar sind Sie Generalintendant, Sie fällen Entscheidungen bis zu den Besetzungen auf der Bühne. In Bern werden Sie selber nicht mehr inszenieren, Sie sollen eigentlich nur eine Art Künstlercoach sein und daneben Betriebswirt. Genügt Ihnen das wirklich?

Ich wüsste nicht, wie man die beiden Bereiche unterscheiden sollte oder auch könnte. Ich kann es jedenfalls nicht. Finanzen, Organisation, Marketing, das ist alles Mittel zum Zweck, also zur Kunst. Für mich ist aber auch klar, dass man als Direktor einer solchen Institution in erster Linie eine künstlerische Ausrichtung hat.

Für Sie ist das ausgemacht?

Ja, aber es hat intensive Diskussionen gebraucht, mit dem Stiftungsrat und der Findungskommission. Dabei ist die Kunst doch mein Job, die Struktur ermöglicht sie.

Das heisst?

Wenn eine Produktion danebengeht, kann ich nicht sagen, da sei jetzt der Spartenleiter schuld; das muss ich auf meine Kappe nehmen, weil ich das Theater vertrete. Ich bin manchmal auch beim Vorsingen und sage meine Meinung. Das heisst aber nicht, dass ich dem Opernleiter oder dem Orchesterdirigenten dann sage: Du, diesen Tenor musst du nehmen. Man redet den Leuten in ihren Bereichen nicht drein, das ist auch in Weimar nicht anders.

Und wie hat man Einfluss, wenn man niemandem dreinreden will?

Man arbeitet gemeinsam: am Leitbild des Theaters, am Spielplan, der zusammen mit den Spartenleitern und den Dramaturgen entsteht, und wenn Probleme im Produktionsprozess entstehen, dann sind das auch meine Probleme.

Sie sagen, ein Stadttheater müsse für die Stadt da sein, die gesellschaftlichen Verhältnisse spiegeln und zur Diskussion stellen. Das sagen allerdings alle. Was heisst es konkret – für diese Stadt?

Ich kann jetzt noch keine Titel von Stücken nennen, die diesen Anspruch erfüllen. Aber es funktioniert ja auch nicht ausschliesslich übers Programm: Es funktioniert über einen gelebten künstlerischen Prozess, über den Austausch und die Reibung mit der Stadt.

Auch das klingt allgemein.

Man kann es im Moment auch nur so allgemein sagen.

Von Ihnen gibt es heute also kein Plädoyer für eine bestimmte Art Theater?

Ein Plädoyer gibt es: Das Theater muss mit unserem Leben zu tun haben. Und es soll eine sensible, zeitgenössische Spiegelung dieses Lebens sein. Das können und müssen unterschiedliche Theaterformen und -sprachen tun.

Wie nehmen Sie denn Bern wahr?

Ich war letzten Sommer hier, auf meiner Schweizer Reise mit dem Wohnmobil, Bern war sommerlich leer. Trotzdem hab ich mich wohlgefühlt. Im Theater war ich in letzter Zeit nicht, das hätte sofort zu Spekulationen geführt. Aber den Programmen entnehme ich, dass hier viel gemacht wird. Vielleicht fast schon zu viel.

Zu viel?

Spielt man zu viel, kann es an die Substanz und an die Ressourcen gehen. Spielt man zu wenig, setzt man zu viel Risiko auf eine einzelne Produktion. Es geht hier um eine feine Balance. Aber ich will mir das alles zuerst richtig ansehen. Ich weiss auch noch nicht, welche Publikumsanalysen hier in Bern gemacht werden, wie alt die Zuschauer sind, woher sie kommen, was für Aufführungen sie besuchen. Ohne dieses Wissen kann man auch kein neues Publikum ansprechen.

Was halten Sie von den einzelnen Sparten?

Mir scheint vor allem, dass sie wenig miteinander zu tun haben. Meine Aufgabe wird auch sein, gemeinsame Ziele mit den Sparten zu vereinbaren, damit sie entsprechend zusammenarbeiten. Das ist mir ganz wichtig, genau das macht die Stärke eines Mehrspartenhauses aus. Berns Chance ist dieses Teamplay. Aber einfach wird es nicht, durch die verschieden lang laufenden Verträge der Spartenleiter, durch die bereits besetzten und die offenen Stellen.

Sie hätten lieber ein eigenes, ganz neues Team mitgebracht?

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich idealerweise sowieso erst 2013 angefangen.

Bis dann sind Sie jetzt nur in Teilzeit in Bern. Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie uns danach neue Spartenleiter im Ballett und Schauspiel präsentieren?

Dazu kann ich jetzt wirklich nichts sagen. Ich brauche Zeit für Gespräche, fürs Kennenlernen, überhaupt für einen fundierten Einblick.

Weimar – das sind gesegnete Verhältnisse für ein Theater: Man ist dort stolz, ein «Kulturbürger» zu sein. Und wenn Ihnen die Verwaltungsräte den Vertrag nicht verlängern wollen, wie vor zwei Jahren, dann gehen tausend Leute für Sie auf die Strasse.

Das ist auch nicht von heute auf morgen entstanden.

Aber möglich war es.

Ich wurde am Anfang sehr skeptisch empfangen.

Die deutsche Kulturszene verehrt Sie heute für Ihre Tapferkeit. Sie haben es fertiggebracht, das Weimarer Nationaltheater von den sakrosankten «Flächentarifverträgen» des öffentlichen Diensts zu befreien, und zweimal haben Sie die Fusion mit dem Theater Erfurt gegen den Willen der Politik verhindert. Was nützen Ihnen diese Erfahrungen in Bern?

Es wird hier kaum ein Problem geben, das ich in Deutschland nicht schon einmal auf dem Tisch hatte. Das könnte mir die Arbeit erleichtern.

Und warum verlassen Sie eigentlich Weimar?

Wegen Bern. Zudem habe ich das gute Gefühl, dass es mich in Weimar nicht mehr braucht. Heute steht das Nationaltheater auf kräftigen Beinen, Träger ist mittlerweile nicht mehr die Stadt, sondern das Bundesland Thüringen.

Aus Weimar hört man, Sie seien müde geworden in all den politischen Kämpfen.

Wenn mich etwas müde gemacht hat, dann nicht die politischen Kämpfe, sondern die politischen Intrigen. Vielleicht ist das aus Schweizer Sicht schwer zu verstehen, aber sie gehören fast zur politischen Kultur in Deutschland, gerade in einer Kleinstadt wie Weimar.

Sagen Sie das in Weimar auch so an Ihrer Pressekonferenz?

Nein, über den vergangenen elf Jahren stehen vor allem positive Erfahrungen. Weimar ist mir ein Stück Heimat geworden, der Abschied fällt mir nicht leicht. Aber elf Jahre sind auch eine lange Zeit, und ich wollte nicht warten, bis man sagt: Wann geht der endlich?

Und was spricht für Bern?

Die Herausforderung, das Entwicklungspotenzial, die neuen Impulse.

Im Vergleich mit Weimar ist Bern doch ein gemachtes Nest. Ein gemachteres jedenfalls.

So empfinde ich es nicht. Die Probleme sind erheblich.

Wo liegen sie denn?

Es gibt viel Arbeit, bis in der neuen Organisation alles ineinandergreift. Ich weiss auch nicht, wie neugierig das Publikum hier wirklich ist. Und mit dem Geld ist es nicht feudaler als in Weimar: Es gibt nur so viele flexible Mittel, wie es Einnahmen gibt. Das heisst: Nur was man an der Kasse einspielt, kann man für die Bühne ausgeben, der Rest sind Fixkosten. Jeder Spielplan steht unter diesem Erfolgsdruck.

Aus der freien Theaterszene gibt es Anfeindungen: Das Stadttheater sei ein hermetischer Apparat, es müsse sich öffnen, es sei generell nicht zukunftsfähig.

So eine alte Institution muss sich immer hinterfragen. Wenn sie das nicht tut und sich nicht öffnet, ist sie wirklich nicht zukunftsfähig. Das gilt aber für die freie Szene genau gleich: Worin besteht ihre Freiheit eigentlich? Wenn sie nur darin besteht, nach dem Geld der sogenannten Hochkultur zu rufen, dann ist auch sie nicht zukunftsfähig.

Braucht es mehr Zusammenarbeit?

Ich bin ein grosser Anhänger der freien Szene, ich komme ja von dort, und ich bin auch sehr für Zusammenarbeit. Aber oft erwartet die freie Szene aus dieser Zusammenarbeit dann doch nur eine Umwegfinanzierung. Man muss sich also genau überlegen, wie sich die beiden Seiten befruchten können, beispielsweise wie das Stadttheater in einer gemeinsamen Produktion von der Arbeitsweise der freien Szene profitieren kann und umgekehrt die freie Szene von den Strukturvorteilen des Stadttheaters.

Ihr Ruf aus Weimar: Sie stehen für einen gescheiten und neuerungsfreudigen Umgang mit den Bühnenklassikern. Einverstanden?

Ich wüsste ja gar nicht, wie man einen Klassiker inszenieren sollte, wenn er nichts mit uns heute zu tun hat. Selbst in Weimar sind wir nicht im Besitz jenes ominösen silbernen Kästchens, das Schiller und Goethe hinterlassen haben sollen: Es gibt keine Rezepte, wie man ihre Stücke für alle Zeiten gültig auf die Bühne bringen könnte.

Sie haben das Nationaltheater in Weimar zu einem Haus gemacht, das man in ganz Deutschland wahrnimmt. Wird mit Ihnen auch das Stadttheater Bern zur nationalen Adresse?

Man müsse Basel und Zürich Konkurrenz machen – diesen Anspruch habe ich auch schon gehört. Realistisch ist er aber nicht; Bern hat nicht dieselbe Ausstattung, und das beginnt schon bei den Bühnenbildern. Erfolg funktioniert anders: Das Theater muss vermehrt in die Stadt und in die Region ausstrahlen. Erst dann kann es allenfalls auch darüber hinaus strahlen.

Was nicht in Ihrem offiziellen Lebenslauf steht: Sie waren auch einmal Rennfahrer.

Ich bin eine Zeit lang im Ausland «Scheibenwischerautos» gefahren. Also Tourenwagenrennen.

Was bringt einem das fürs Theater?

Mehr, als man denkt. Im Rennen zählen allein der Start und das Resultat; es interessiert niemanden, ob Sie gerade Liebeskummer haben oder einen Todesfall in Ihrem Umfeld. Sie müssen zu 100 Prozent da sein, wenn es losgeht, und so ist es bei jeder Premiere. Rennfahren und Theater verlangen Leidenschaft, aber zugleich Kontrolle, weil man sonst verunfallt. (Der Bund)

Erstellt: 26.05.2011, 08:37 Uhr

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2 Kommentare

Mario Imhof

26.05.2011, 11:34 Uhr
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Der Neuanfang mit unter anderem AVO-Sessions, Musicals usw. in dem ehrenwerten Haus aufzuführen sind nach der gewonnenen Abstimmung nur noch leere Worthülsen. Das neue Defizit ist aber bereits wieder vorprogrammiert ausser man will wirklich Aufführungen für ein breites Publikum und nicht für das eigene Ego einiger Wenigen machen. Experimente gehören in die Videmarhallen. ich lass mich überraschen Antworten


Ingo Becker

26.05.2011, 23:44 Uhr
Melden

Der 90.Geburtstag der großen Sängerin Inge Borkh, die von 1945-1951 Ensemblemitglied des Stadttheaters Bern war. Richard Strauss kam am 18.März 1947 nach Bern, um ihre Salome zu hören. Alles vergessen? Antworten



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