Kultur

«Der Teufel gehört zum Leben»

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 02.03.2012

Mit der Inszenierung der «Geschichte vom Soldaten» verabschiedet sich Schauspielchef Erich Sidler vom Berner Stadttheater. Er hat sich für die Fassung von Mani Matter entschieden. Auch weil sie nicht holpert.

«Die Geschichte vom Soldaten passt sehr gut nach Bern»: Erich Sidler vor seiner letzten Berner Premiere.

«Die Geschichte vom Soldaten passt sehr gut nach Bern»: Erich Sidler vor seiner letzten Berner Premiere.
Bild: Adrian Moser

«Geschichte vom Soldaten»

Premiere: 2.3., 19.30 Uhr in den Vidmarhallen. Aufführungen bis 18. Mai.

Buch: Charles Ferdinand Ramuz. Die Geschichte vom Soldaten. Ins Deutsche übertragen von Mani Matter. Zweisprachige Ausgabe. Verlag Zytglogge, Oberhofen 2012. 99 S., 26 Fr.

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«Eurokrise, Griechenland, Nationalbank – was da alles abgeht, ist ein deutliches Indiz dafür, dass die heutige Gesellschaft sich immer stärker über das wirtschaftliche System und über die Konsumgüter identifiziert», sagt Erich Sidler. Mit einem simplen Beispiel illustriert er deren wachsende Macht. «Heute wird am Fernsehen immer häufiger live aus der Börse Frankfurt berichtet.» Das sei vor zehn Jahren noch unvorstellbar gewesen. «Dieser Entwicklung muss das Theater etwas entgegenhalten, und mit ihrer Kritik am Materialismus ist ‹Die Geschichte des Soldaten› aktueller denn je.»

Es ist die letzte Inszenierung des Schauspielchefs am Berner Stadttheater . Charles Ferdinand Ramuz’ (1878–1947) Soldat, der seine Geige samt seiner Seele dem Teufel verkauft, stand schon lange auf seiner Wunschliste. «Die Geschichte vom Soldaten passt sehr gut nach Bern», sagt Sidler, fasziniert von der archaischen Form des Stoffs. «In Bern funktioniert eine solche besser als ein Stück von Elfriede Jelinek zum gleichen Thema.»

Viel Raum für Assoziationen

1917, noch während des Ersten Weltkriegs, schrieb der Waadtländer Schriftsteller die Geschichte vom einfachen Soldaten, der dem Teufel auf den Leim geht und seine geliebte Geige gegen ein Zauberbuch eintauscht, das ihm zu unermesslichem Reichtum verhelfen soll. Das Libretto, inspiriert von zwei russischen Märchen, ist in Zusammenarbeit mit dem russischen Komponisten Igor Strawinsky (1882–1971) entstanden, der damals im Lausanner Exil lebte. Weitab vom Prunk des Musiktheaters des 19. Jahrhunderts planten die beiden eine Aufführung für eine einfache Wanderbühne. Auf zwei Schauspieler, einen Vorleser, eine Tänzerin und sieben Musiker beschränkte sich das künstlerische Personal.

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist auch Sidlers Soldat unterwegs. «Wenn man anfängt, zu aktualisieren, hat man verloren», sagt Sidler. «Wir wollen die Geschichte so erzählen, dass dem Publikum viel Raum für eigene Assoziationen bleibt.» So müsse sich der Zuschauer nicht zwangsläufig mit Krieg auseinandersetzen. «Er kann auch über Leidenschaft nachdenken und über die Frage, was genau das Leben eigentlich lebenswert macht.»

Verführung und Rausch

Nicht die Moral der Geschichte steht für Sidler im Vordergrund, sondern das Ringen des Soldaten mit sich und dem Teufel. «Verführung und Rausch, wie sie der Soldat erlebt, sind nicht a priori schlecht», findet er. Das Leben sei ja nun mal so, dass man den gleichen Fehler meist mehr als einmal mache. «Aber wir bekommen das Rüstzeug, um weiterzukommen.» Für diese Entwicklung interessiert sich Sidler. «Der Soldat ist ein Holzkopf, dem Selbstreflexion nicht vertraut ist. Am Ende besitzt er zwar nichts mehr, aber er hat viele Erfahrungen gemacht.» Unter anderem jene, dass Askese und Bescheidenheit gar nicht so schlecht sind.

Sidler hat sich für die Übersetzung von Mani Matter (1936–1972) entschieden. «Ihre Qualität hat mich am meisten überzeugt.» Sie sei nicht nur zeitloser, sondern auch vielschichtiger, provoziere mehr Bilder und somit mehr Interpretationsansätze. Als junger Mann hatte Mani Matter 1963 während Monaten an einer Übersetzung von Ramuz’ kurzem Text gearbeitet, weil ihn die damals verwendete Übersetzung nicht überzeugte. «Matters Fassung ist schlüssig und im besten Sinn einfach. Denn er wollte sich nicht als Dichter profilieren, und – was ganz wichtig ist – sie holpert nicht».

Mike Svobodas neue Töne

In Sidlers Inszenierung von Matters Version wird nicht die bekannte Orchestermusik gespielt. «Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht», sagt Sidler. Ein Engagement von neun Musikern hätte die Mittel gesprengt. 1919 hatte Strawinsky aber die Komposition überarbeitet und aus ihr eine Suite für Geige, Klarinette und Klavier herausdestilliert. Der preisgekrönte Komponist Mike Svoboda, mit dem der Schauspielchef wiederholt schon zusammenarbeitete, hat um diese Triofassung eine eigene Klangtextur geschaffen. Nur fünf der dreizehn Sätze hat Strawinsky überarbeitet. «Eine kraftvolle Vorgabe», sagt Sidler. Hätten sich doch nur die populären Nummern für die Reduktion geeignet.

Weder dem Original noch der Triofassung war ursprünglich ein Erfolg beschieden. Sowohl Ramuz als auch Strawinsky, der nach der Revolution keine finanzielle Unterstützung mehr aus Russland erhielt, lebten damals in bescheidenen Verhältnissen und hatten gehofft, mit dem «Soldaten» ihre Einkünfte aufzubessern. Das Geld für die Produktion, die im September 1918 im Lausanner Théâtre Municipal erstmals gezeigt wurde, spendierte der Winterthurer Mäzen Hans Reinhart. Geplant war, anschliessend mit ihr von Dorf zu Dorf zu ziehen. Doch so weit kam es nicht, die Spanische Grippe, die auch in der Schweiz wütete, lähmte das gesellschaftliche Leben.

Auch Mani Matter hätte gern «seinen» Soldaten auf einer einfachen Wagenbühne an verschiedenen Plätzen aufgeführt. Doch auch dieses Projekt wurde nicht realisiert. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2012, 08:41 Uhr

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