Der Schwanenritter als Rattenfänger
Von Susanne Kübler, Bayreuth. Aktualisiert am 27.07.2010 1 Kommentar
Wie Jonas Kaufmann zum «Lohengrin»-Darsteller aufstieg
«Du wirst mal den Lohengrin singen!», sagte Michael Rhodes 1995 zum damals 26-jährigen Jonas Kaufmann. Er hätte ihm ebenso gut eine Zukunft als Astronaut prophezeien können. Kaufmann war zu jener Zeit ein kreuzunglücklicher Ensemble-Tenor in Saarbrücken, er hatte eine helle, leise, «typisch deutsche» Stimme und genug vom Opernstress. Der Unterricht bei Rhodes war der letzte Versuch, aus der Stimmkrise herauszukommen, und genau der richtige. Kaufmann entdeckte das «Loslassen» der Stimme, ihre Kraft, ihren fast baritonalen Klang. Und er fand den Erfolg, der ihn an alle grossen Bühnen führte und nun auch nach Bayreuth – als mittlerweile erfahrener Lohengrin.
Thomas Voigt hat Kaufmanns Werdegang pünktlich zum Ereignis nachgezeichnet in einem Buch, das den Sänger ausführlich zu Wort kommen lässt. Auch Mentoren und Weggefährten wie Placido Domingo oder Angela Gheorghiu haben dazu Erinnerungen beigetragen. So erfährt man vieles über die Kindheit in München, wo Kaufmann in einfachen, musikbegeisterten Verhältnissen aufwuchs (und ungern Klavier übte). Es folgten die «Galeerenjahre» und die ersten Erfolge, insbesondere am Zürcher Opernhaus (auch Alexander Pereira und Franz Welser-Möst beschreiben das «Phänomen Kaufmann»). Und dann die Weltkarriere, die medialen Hymnen auf sein Können und sein Aussehen, die Premiere an der Met, die zum Triumph wurde und zum Titel des Buches führte: «Meinen die wirklich mich?»
Wer voyeuristische Einsichten in Kaufmanns Leben erwartet, wird enttäuscht. Nicht aber, wer sich für den Opernbetrieb interessiert: Voigt wie Kaufmann haben viel zu sagen über Stimmen an sich, über die Mechanismen des Geschäfts, über die Entstehung von Kunst und Karriere. So sieht das Buch zwar aus wie eine der derzeit so angesagten Biografien junger Klassik-Stars – geht aber weit darüber hinaus.
Das Buch
Thomas Voigt: Jonas Kaufmann – «Meinen die wirklich mich?». Henschel, Leipzig 2010. 176 S., ca. 32 Fr.
«Pfui!», rief einer bei der sonntäglichen Premiere in den berühmten Hochzeitsmarsch hinein. Denn als Hochzeitsgesellschaft reihten sich Ratten auf: weisse Rattenweibchen, schwarze Rattenmännchen, rosa Rattenkinderlein. Sie rieben sich die Pfötchen, und irgendwo dürfte sich auch Hans Neuenfels, der Regisseur, die Hände gerieben haben. Der gewünschte Skandal war da, das Publikum hatte sich provozieren lassen, wie er es vorausgesehen hatte im Programmheft. Das Volk als Rattenvolk, nein: Das geht nicht in Bayreuth.
Die Ratten im Labor
Daran ändert auch die neue Leitung der Festspiele nichts. Überhaupt ändert die neue Leitung der Festspiele kaum etwas. Es gibt nun einen «Tannhäuser» für Kinder, Public Viewing, Podcasts, Sushi im Pausenrestaurant. Aber es gibt nach wie vor keine Übertitelung der Aufführungen und keine Inhaltszusammenfassung der Opern in den Programmheften – man weiss hier ja Bescheid. Für das angekündigte Forschungsprojekt über die NS-Vergangenheit der Festspiele müssen erst noch Gelder aufgetrieben werden. Und künstlerisch steckt man sowieso noch in der Ära Wolfgang Wagner: Der «Lohengrin» war längst geplant, und die Besetzung des «Rings» von 2013, der die erste Produktion von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier sein wird, ist noch offen.
So fängt keine Revolution an, und dem Publikum ist es recht. Es ist hier auf dem Grünen Hügel ein Teil der Aufführung wie sonst nur noch bei der Saisoneröffnung an der Mailänder Scala. Bayreuth ist Theater im Theater – nicht nur, wenn zu Beginn des zweiten Aktes einer an eine Logentür klopft und ebenso verzweifelt Einlass begehrt wie zu Beginn der Aufführung Lohengrin in Brabant.
Die Besucher werden zu Akteuren
Auch sonst werden die Premierenbesucher zu Akteuren, sobald der Vorhang fällt. Dann ist die Bayreuther Bevölkerung ihr Publikum, das draussen steht und die VIPs fotografiert (ja, Angela Merkel und Thomas Gottschalk waren auch wieder da). Auch besonders auffällige Roben werden geknipst und manchmal sogar ein bisschen «Lohengrin»-Schwan: Oder ist es ein Zufall, dass dieses Jahr etliche Damen Federn im Haar trugen?
Und Federn gibt es ja auch im Festspielhaus. Neuenfels bringt den Schwan, das Problem aller «Lohengrin»-Regisseure, gleich mehrfach auf die Bühne. Ausgestopft in einem Sargboot, gerupft, als Skulptur, als Federkleid für Elsa, als Logo. Auch sonst zeigt er alle Symbole, die traditionellerweise zu dieser Oper gehören: Es gibt Andeutungen des christlichen Hintergrunds, etwa wenn Elsa als Märtyrerin gezeigt wird, durchbohrt von Pfeilen wie der heilige Sebastian. Und die transparenten Gesichtsmasken der Ratten erinnern durchaus an die Visiere der stolzen Ritter von Brabant.
Forschungsobjekte und Mob zugleich
Nur die Umgebung, die ist etwas anders als gewohnt. Ein Labor hat Reinhard von der Thannen gebaut, klinisch rein, hell ausgeleuchtet, mit spiegelglattem Boden und weissen Wänden. Deshalb die Ratten: Sie sind Forschungsobjekte und Mob zugleich. Manchmal hängen sie ihre Rattenkostüme an den Haken, dann kommen gelbe Fräcke oder schwarze Anzüge zum Vorschein. Aber die Pfötchen verraten ihre Natur auch dann.
Lohengrin und Elsa sind ebenfalls Teil dieses Forschungsprojekts. Was ist Liebe?, lautet die Frage, die seziert werden soll. Oder genauer: Ist blinde Liebe möglich? Nein, lautet die Antwort – Elsa fragt Lohengrin trotz des Verbots («nie sollst du mich befragen»), wer er sei. Und Neuenfels hat darauf geachtet, dass die Unmöglichkeit dieser Liebe von Anfang an klar wird. Da gibt es keine Berührung zwischen den beiden, kaum einen Blick. Das Bett steht wie ein Museumsobjekt auf einem Podest. Zur Umarmung kommt es erst, als alles vorbei ist.
Ein leiser Lohengrin
Ob es daran liegt, dass auch zwischen den Sängern der Hauptpartien wenig passiert? Von Leidenschaft, von Anziehung ist wenig zu spüren, und auch die Enttäuschung über die gescheiterte Liebe stammt aus dem Reagenzglas einer präzisen Rollenanalyse. Trotzdem, gut sind sie beide: Annette Dasch als Elsa, die in ihrem «Es gibt ein Glück» zumindest für einen Moment an das zu glauben scheint, was sie so wunderbar fliessend singt. Und Jonas Kaufmann als auffallend leiser Lohengrin, dessen Tenor etwas kehliger wirkt als auch schon – vielleicht, weil er alles tut, um Heldenpathos zu vermeiden. Bei Wagner-Sängern gebe es oft «zu viel Wobble», sagt er in seiner Biografie (vgl. Text unten); bei ihm gibt es das tatsächlich nicht.
Auch sonst widersetzt sich dieser «Lohengrin» vielen Wagner-Klischees. Der Chor brüllt nicht, im Gegenteil: Zarter, durchsichtiger hört man diese Partien selten. Und bei den Protagonisten brüllen nur die Bösen. Hans-Joachim Ketelsen setzt als Telramund auf einen betont ungehobelten Sprechgesang, Evelyn Herlitzius als Ortrud steigert das Prinzip zum Keifgesang – technisch nicht ganz lupenrein, aber wirkungsvoll.
Nie bombastisch
Auch das Orchester unter der Leitung des 31-jährigen Andris Nelsons spielt klar, elegant, nie bombastisch. Zwar ist der «Lohengrin» lange vor dem Bau des Bayreuther Festspielhauses entstanden, und manchmal würde man sich mehr klangliche Direktheit wünschen, als der verdeckte Graben es erlaubt.
Gleichzeitig bringt diese Architektur jene instrumentale Magie zur Geltung, die gerade den späteren Wagner ausmacht: Wie das erste Vorspiel von himmlischen Sphären in irdische Tiefen hinunterstrahlt – das erzählt schon die halbe Geschichte des Abends. Es gehe darum, in jedem Moment die Zukunft mitzudenken, hat Nelsons in einem Interview gesagt. Was er damit gemeint hat und wie er es den Sängerinnen und Sängern vermittelt hat, das ist in jedem Moment zu hören.
Ovationen und Buhstürme
Und der Regisseur? Nie sollst du ihn befragen. Er äussert sich zwar wortreich zu seiner Arbeit und zu Wagners «schartigem sich Festhalten an der Krume der Existenz». Ansonsten hat er vor allem Bilder gestaltet: starke, sinnige, selbstverliebte. Sie verselbstständigen sich schon bald einmal. Und wenn man nach den Ovationen für die Musik und den Buhstürmen für die Regie vom Hügel hinabsteigt, hat man drei Aufführungen hinter sich: eine Bayreuther Premiere. Einen «Lohengrin». Und einen Neuenfels.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.07.2010, 20:24 Uhr






Georg Stamm
Auch diesem Regisseur wird es nicht gelingen, die Schönheit der Lohengrin-Musik zu zerstören. Diese hat schon allerlei unfähige anmassende Regisseure überlebt. Antworten