Kultur
Der Pop des Gemetzels
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 29.04.2012 4 Kommentare
«Hate Radio» als MP4
Die heutige, letzte Vorstellung in Bern ist bereits ausverkauft. Auf der Website des IIPM gibt es aber die Aufzeichnung einer Berliner Aufführung vom Dezember als Audiofile zum Herunterladen – wenn auch, versteht sich, ohne die deutschen Übertitel des Stücks. Im Sommer erscheint zudem im Verbrecher-Verlag das Buch «Hate Radio» mit Dokumenten und Aufsätzen zum Projekt. (ddf)
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«Wir gaben ihnen den Bleistift, mit dem sie dann die Todeslisten schrieben, wir legten ihnen die Telefonleitung, durch die sie den Mordbefehl erteilten, und wir bauten ihnen die Strassen, auf denen die Mörder zu ihren Opfern fuhren.»
So steht es in «Hundert Tage», dem Roman, mit dem Lukas Bärfuss vor vier Jahren die Schweiz aufgescheucht hat. Sie sei als Entwicklungshelferin, wenn auch entgegen aller guten Absichten, verstrickt gewesen, wenn nicht beteiligt daran, dass Ruanda im Frühjahr 1994 zum Schlachthaus wurde: in knapp vier Monaten über eine halbe, vielleicht eine ganze Million Tote, so genau weiss das keiner.
Die «Kakerlaken» ausrotten
Der Völkermord – auch eine Frage von Organisation und Infrastruktur, und dazu gehörte neben den Bleistiften, Telefonleitungen und Strassen eine «ordentliche Radiostation», aufgebaut mit Schweizer Hilfe, gedacht zur Verbreitung der Demokratie. Gesendet wurden dann aber Propaganda und die Aufrufe zur «Ausrottung der Kakerlaken», wie man die Tutsi nannte unter den Hutu.
Jetzt steht aber genau diese Vergangenheit nochmals vor uns, achtzehn Jahre danach und trotzdem ganz live: mit «Hate Radio», dem Dokumentartheater, das der Regisseur Milo Rau realisiert hat mit sechs Schauspielern und seiner Gruppe IIPM, dem International Institute of Political Murder («Kleiner Bund» vom 7. November 2011). Auf der Bühne: ein verglaster Kasten, darin ein runder Tisch, Bürostühle, Mikrofone, Cola, Bier, Knabbersachen, Röhrenlicht und Novilon – so sah es aus, das Studio des Senders RTLM in Kigali. Es ist 9 Uhr morgens in der Hauptstadt, wir sind on air, das Publikum trägt Kopfhörer, und auch die Radioshow, die dort vorn hinter dem Glas produziert wird, ist nachgespielte Wirklichkeit, verdichtet und zusammengeschnitten aus den Sendungsprotokollen. Alles dokumtiertermassen real hier – und in der ganzen Detailliertheit so überzeugend, dass man selbst dann an einen historischen Moment glaubt, wenn sich einer der drei Moderatoren verhaspelt. Wenn einer aufsteht, um sich Nüsschen vom Beistelltisch zu holen. Oder sich am Sack kratzt. Ob die ganze Unmittelbarkeit nicht trügerisch ist, welche Erkenntnis da herausschauen soll, ob sich das Theater nicht überflüssig macht, wenn es nur die Realität reproduziert – der ganze Vorrat an Skepsis, den man sich vorab zusammendenken konnte: vergessen schon nach den ersten Minuten. Keine Erinnerung daran, dass das hier Theater ist; wie gefangen sitzt man vor diesem Kasten, und an den Kopfhörern allein liegt es nicht: Rau stellt der Radiosendung Interviewaussagen von Zeitzeugen voran. Sie reden von Macheten, Lanzen, Knüppeln. Von den Schwangeren, denen der Bauch aufgeschlitzt wird, «wie man eine Tasche öffnet». Von wimmernden Kindern mit abgeschnittenen Beinen. Und davon, wie man ins Freie findet, wenn man unter einem Berg zerhackter Leichen liegt. Da hat der Zuschauer schnell andere Probleme als theoretische Zweifel an der Methode von Rau.
Euro-Dance und Kongo-Beats
Und wenn dann die Show anfängt bei RTLM, dieser anhaltende Ausbruch bester Laune, in dem es keinen Unterschied gibt zwischen Euro-Dance, Bürgerkriegshetze und flotten Spässen übers Kiffen, zwischen Rassenlehre, den neuesten Beats aus dem Kongo und dem Aufruf zur Jagd auf die Tutsis draussen auf den Strassen – dann sitzt man erst recht wie geschlagen da. Weil die Show gut ist. Weil hier Kantano Habima (Diogène Ntarindwa) am Mikrofon plaudert in seinem schnittigen blauen Anzug, der Star von RTLM, der früher Fussballspiele kommentiert hat und jetzt Yeah-Baby-Stimmung macht: «Wenn du eine Kakerlake bist, dann bist du eben eine Kakerlake, und man muss dich töten!» Dann spielen sie «Rape Me», den Gassenhauer von Nirvana, und Habimana nimmt sich nochmals ein Bier.
Ereignis des Abends ist diese Konkretion, dieser Überdruck, der einem keine Möglichkeit zum Wegschauen lässt. Das andere ist die ebenso unausweichliche Konfrontation mit einer Realität, die so gar nicht zum Bild passt, das man sich in Europa von der ruandischen Katastrophe gern macht. Irgendwer hat einmal die Idiotie formuliert, der Völkermord sei für Afrika so natürlich wie die Menstruation: Es fliesst viel Blut, dann ist es wieder eine Weile vorbei. Die Lektion von Bärfuss’ Roman dagegen war die, dass dieser Massenmord nichts zu tun hatte mit dunklen Trieben: keine Raserei und kein Chaos, sondern «eine perfekt organisierte Hölle, ausgedacht, vorbereitet, durchgeführt». Und zwar unter Beihilfe jener befreundeten Nation, die nicht nur sich selbst, sondern auch die Ruander für ihre Organisiertheit und Ordentlichkeit liebte.«Hate Radio» bringt etwas Ähnliches fertig: In diesen zwei Stunden rückt einem das Grauen auf die Haut, und zugleich verschiebt sich mit einem grossen Ruck die Perspektive. Es gab in Ruanda nicht nur eine radiofone Rassenlehre, einen in sich völlig rationalen Wir-oder-sie-Wahn – es gab auch diesen Pop des Gemetzels, den Soundtrack zu den Massakern. Und der hat wenig zu tun mit dem Mythos von der finsteren Natur der Afrikaner, umso mehr dafür mit uns selbst: Die hatten dieselben Hits im Ohr, damals im Frühjahr 1994. Allein schon das macht die Frage nach der Möglichkeit der Katastrophe wieder verstörend und drängend – nichts mehr in Griffnähe, um sie billig wieder loszuwerden. (Der Bund)
Erstellt: 29.04.2012, 09:21 Uhr
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4 Kommentare
Eindrücklich!
Das Abschlachten von Menschen geht leicht von der Hand, wenn man sie zuvor entmenschlicht, also zu Nicht-Menschen (Nicht-Ich) macht. Unser Denken in Begriffen erleichtert dieses Entmenschlichung enorm und blockiert unsere Empathiefähigkeit. Selbst ein harmloser Begriff wie "Schweizer" ist eine Entmenschlichung. Schweizer gibt es nicht: Was es gibt sind Menschen mit Schweizer Pass.
Antworten
Der primäre Fehler der Entwicklungshilfe sind nicht Bleistifte und Telefone, der primäre Fehler der Entwicklungshilfe ist Förderung der Überbevölkerung. Seit der Unabhängigkeit vor 50 Jahren hat sind die Bevölkerung in Ruanda verdreifacht! Durch die Überbevölkerung sind Konflikte um Ressourcen fast automatisch vorprogrammiert (nicht nur in Ruanda). Antworten

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