Kultur

Der Ort der Schönen und Gescheiten

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 01.12.2009 4 Kommentare

Vor eineinhalb Jahren war es noch totgesagt, heute ist das Theater Neumarkt die hippste Kulturinstitution des Landes. Wie ist das möglich? Eine Begegnung mit Co-Direktorin Barbara Weber.

Den intellektuellen Diskurs trendig gemacht: Barbara Weber und Rafael Sanchez, Co-Direktoren des Theater Neumarkt.

Reto Oeschger

Treffpunkt der Intelligenz-Schickeria: Das Theater Neumarkt im Zürcher Niederdorf.

Treffpunkt der Intelligenz-Schickeria: Das Theater Neumarkt im Zürcher Niederdorf. (Bild: Adrian Ehrat)

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Eine Polstergruppe steht im Direktions-Büro des Theater Neumarkt, man könnte es sich darauf gemütlich machen, doch das ist nicht das Ding von Barbara Weber. Unruhig sitzt sie am Sitzungstisch, gestikuliert, redet in hohem Tempo. Weber ist sich ihres Temperaments bewusst. «Wenn im Theater irgendwo eine Tür knallt, so bin das ich», sagt sie. Und lächelt.

Vor eineinhalb Jahren übernahmen Barbara Weber und Rafael Sanchez die Leitung des Theater Neumarkt, mit 33 Jahren gehören sie zu den jüngsten Theaterdirektoren im deutschsprachigen Raum. Was die beiden in der kurzen Zeit erreicht haben, könnte man das Theaterwunder von Zürich nennen. Vor ihrem Start befand sich das Haus in einer Identitätskrise, das Publikum blieb aus; man fragte sich, ob in Zürich zwischen dem grossen Schauspielhaus und der freien Szene überhaupt Platz für ein kleines Haus wie das Neumarkt-Theater besteht.

Heute sieht alles anders aus: Die Vorstellungen sind oft ausverkauft, wer im intellektuellen Leben Zürichs eine Rolle spielt – oder spielen möchte – zeigt sich im alten Zunftsaal im Zürcher Niederdorf: Publizist Roger de Weck hatte hier seine Buchvernissage, Schriftsteller Paul Nizon spricht hier über die Erotik der Sprache, die Chefredaktoren von NZZ und «Tages-Anzeiger» diskutierten hier vor vollem Haus über die Zukunft des Kulturjournalismus.

Ansteckende Leidenschaft

Auch bei den Theaterproduktionen wartet das Neumarkt mit einer Stardichte auf, von der viele grosse Häuser nur träumen können: Dieses Jahr inszenieren hier internationale Grössen wie Stefan Pucher, Martin Kušej und Christoph Schlingesief. Selbst die «Tagesschau» berichtete letzten Donnerstag über eine Neumarkt-Premiere.

Wie gewinnt man all die Leute für eine solch kleine Bühne? «Wir pflegen mit diesen Regisseuren einen intensiven Kontakt, die Projekte sind das Resultat dieser langen Zusammenarbeit», sagt Barbara Weber. Was sicher ist: Webers expressive, leidenschaftliche Art wirkt ansteckend, kaum jemand kann sich ihrem Feuer entziehen. Ihr Temperament brachte sie aber auch schon unfreiwillig in die Schlagzeilen. Ihre Trennung vom Kabarettisten Mike Müller war Titelthema im «Blick» – darauf angesprochen meint sie augenblicklich: «Dazu sage ich nichts». Dem Theaterpublikum enthält sie ihren berühmten Ex-Freund allerdings nicht vor: Im aktuellen Stück «Das Interview» kommt Mike Müller in einer kurzen Einspielung vor, was für lautes Gelächter sorgt.

Theater fürs Establishment

Zu den Erfolgsfaktoren dürfte auch gehören, dass Weber und Sanchez ein Theater pflegen, das eher von Spiel- als von Experimentierfreude geprägt ist. Auffallend sind die vielen Bearbeitungen von Filmstoffen. Diese liegen der heutigen Lebenswelt zwar oft näher als die Texte aktueller Dramatiker, doch bisher blieben Produktionen rar, die inhaltlich und/oder formal als mutig oder gewagt in Erinnerung geblieben wären. Der Slogan des Hauses, «Theater fürs Establishment», trifft auf das Programm besser zu, als den Direktoren wohl lieb ist. Doch erfüllt das Theater damit seinen offiziellen Auftrag, nämlich das «experimentelle, innovative Theater» zu fördern? Für Weber stellt sich diese Frage nicht: «Der Begriff experimentelles Theaters ist nicht mehr so klar. An einer grossen Bühne kann heute eine experimentelle Gruppe auftreten. Im Gegenzug wird es auch möglich, dass grosse Stars in einem kleinen Haus wie dem Neumarkt gastieren. Die Grenzen haben sich verwischt und ich denke, das ist gut so.»

Entscheidend in dieser Hinsicht sind für Barbara Weber weniger die einzelnen Produktionen, als die Gesamtausrichtung des Hauses: «Wir wollen eine Art Dorfplatz sein, auf dem Künstler, ein interessiertes Publikum und Vertreter der verschiedensten geschaftlichen Bereiche aufeinandertreffen. Im Neumarkt gibt es keinen Hinterausgang, die Künstler müssen zwangsläufig durch das Zuschauerfoyer gehen und sich der Auseinandersetzung mit dem Publikum stellen.»

Zentrum der Intelligenz-Schickeria

Das avantgardistischste am Theater Neumarkt dürfte aber sein, dass es den intellektuellen Diskurs entstaubt hat. Vorbei ist die Zeit, als unrasierte Alt-68er rauchend und im Pulli auf Podien sassen. Barbara Weber, Rafael Sanchez und ihr Umfeld stehen für eine neue Generation von Denkern: jung, intelligent, erfolgreich – und immer chic gekleidet. Will man diese Szene zu einem Zeitphänomen erheben, so kann man folgern: Schön und reich hat mit der Finanzkrise ausgedient, der neue Trend heisst schön und gescheit. Oder etwas abenteuerlicher formuliert: Carl Hirschmanns St. Germain war gestern, das Lokal der Stunde ist das Theater Neumarkt. Auch dank der türknallenden Direktorin. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2009, 12:36 Uhr

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4 Kommentare

HansPeter Sterchi

01.12.2009, 11:44 Uhr
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Also, im Theater am Neumarkt sind jetzt die Leute anzutreffen, welche bisweilen im St. Germain des Carls Hirschmann herumhingen? Das "Schön* ist vielleicht geblieben, dass Mann oder Frau nur durch einen Lokalwechsel gleich gescheit wird, das bezweifle ich sehr. Abenteuerlich nicht. Antworten


Barbara Bönheim

01.12.2009, 13:01 Uhr
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Liebe Barbara, lieber Rafael, seit 11/2 Jahren habt ihr und euer liebes Team "de Neumarkt" voll in Schwung ge- bracht, dass urbane/spannende Programm jeden Monat. Ihr seid in der Schweiz die Nr.1, nahe folgt das Schauspielhaus. Liebe Theaterfreunde/Gäste: Kommt mal am Donnerstag - ist "Nachtcafe ab 22.oo h, da ist auch was los. Hooray, auch im 2010. Big Gratulation. Antworten



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