Kultur

Der Krake Theater

Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 27.04.2012 2 Kommentare

Auch in der Theaterwelt ist eine Occupy-Bewegung auszumachen: Wie sich in der freien Szene das Theater immer mehr über den Bühnenrand ausbreitet, zeigt die 30. Ausgabe von Auawirleben.

Die Kontrollgesellschaft am Ende: Vater und Sohn werden von Scham überwältigt, und Jesus schaut zu.

Die Kontrollgesellschaft am Ende: Vater und Sohn werden von Scham überwältigt, und Jesus schaut zu.
Bild: Klaus Lefebre

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Auawirleben findet von 2. bis 13. Mai an verschiedenen Spielstätten statt.

Und zum Auftakt viel Scheisse: Ein starkes Stück ist «Sul concetto di volto nel Figlio di Dio», mit dem Auawirleben seine 30. Ausgabe startet. «Ein ideales Stück», sagt Beatrix Bühler, die seit 1988 zum Leitungsteam von Berns zeitgenössischem Theaterfestival gehört. «Führt es doch perfekt die Unvereinbarkeit von Humanitas und Kontrollgesellschaft vor und dass Letztere am Ende ist.»

Le-Pen-Anhänger sind keine Fans

Zum ersten Mal tritt die Socìetas Raffaello Sanzio in Bern auf. Die wegen ihrer Radikalität mittlerweile schon legendäre italienische Gruppe um Regisseur Romeo Castellucci verfolgt ein klares Ziel: Das Publikum soll von seinen eigenen Gefühlen überwältigt werden. Heftigste Emotionen lösten die Italiener mit ihrem jüngsten Stück nicht nur beim Publikum aus. «In Paris haben rechte Religionsfanatiker aus dem Le-Pen-Dunstkreis mit Demonstrationen versucht, die Aufführungen zu verhindern», sagt Beatrix Bühler.

Das Stück zeigt die sehr private Tragödie eines Vaters und seines Sohnes. Piekfein und erfolgreich der eine, alt, krank und verbraucht der andere. Und beide versuchen sie, miteinander alles richtig zu machen. Wie sie dabei scheitern und von Scham überwältigt werden angesichts der nicht enden wollenden Absonderungen des Vaters, beobachtet distanziert ein überdimensionierter Jesus.

Nichts mit Nostalgie am Hut

Wie eine Drohung wirkt da «Future Memories», das Motto der Jubiläumsausgabe. Kein Schwelgen also in glorioser Vergangenheit – obwohl es da viel Tolles aus Aua-Zeiten gibt, an das zu erinnern wäre. Heiner Müller, Werner Schwab, Herbert Achternbusch, Christoph Marthaler, Thomas Ostermeier, George Tabori oder Händl Klaus – zahlreich sind die Grossen des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters, deren Werke erst nur dank Aua in Bern zu sehen waren.

Doch mit Nostalgie hat das Aua-Team noch immer nichts am Hut. Eine Gegenwart steht da im Zentrum, in der die Lunte zur Zukunft bereits ziemlich heftig brennt, sich Realität und Fiktion gefährlich nah kommen. «Sciencefiction ist ja auch immer ein Widerschein von dem, was politisch abgeht», sagt Beatrix Bühler. «Wenn einer Gesellschaft alles entgleitet, dann müssen meist die Aliens aufgeboten werden oder die Chinesen. Und das, was wir mit unserem Leben eigentlich machen wollen, hüpft weg.»

Die Selbstreflexion hat abgedankt

Den ganz grossen Sprung wagt da am Auawirleben das 2e bureau aus Berlin. Mit «Erinnerung an die Zukunft» düsen sie zum Jupiter und zum Planet der Affen und tauchen nebenbei auch noch ins Wurmloch der eigenen Geschichte. «Auch in der freien Theaterszene ist eine Art Occupy-Bewegung auszumachen», sagt Beatrix Bühler. Undogmatischer sei sie geworden und viel mehr auf die Realität bezogen. Weiter hat die erfahrene Theaterfrau beobachtet, dass immer häufiger grundsätzliche Strukturfragen gestellt würden. Nicht die Selbstreflexion stehe mehr im Vordergrund. «Sie hat einem Ich Platz gemacht, das in Bezug zum Jetzt steht.»

Diese Entwicklung, die nicht nur einen sehr freien Umgang mit den Formen mit sich bringt und das Prozesshafte in den Vordergrund rückt, spiegelt das Aua mit einer ganzen Reihe von Produktionen. «Dank einer substanziellen Budgeterhöhung durch Stadt und Kanton Bern und private Stiftungen konnten wir das Angebot noch vielfältiger gestalten», sagt Nicolette Kretz, die neben Beatrix Bühler, Reina Gehrig, Christoph Gorgé und Rabea Grand zum Aua-Team gehört.

Mehr Gespräch, mehr Interaktion: Das Theater gebärdet sich als Krake, der sich über den Bühnenrand hinausbewegt und sich immer stärker des Publikums und dessen Alltag bemächtigt. «Das sterile Pfannenfertige hat ausgedient», sagt Nicolette Kretz.

Die Eltern waren schockiert

Dafür will umso genauer die Authentizität erforscht werden. Der französische Tänzer und Choreograf Jérôme Bel tut dies zusammen mit Behinderten. Erst hat er abgesagt, als ihn das Zürcher Theater Hora anfragte. Bel, der am liebsten mit Tänzern arbeitet, die weder besonders schön noch besonders gut sind, liess sich aber zu einem Workshop überreden.

«Sein ‹Disabled theater› schockierte die Eltern der behinderten Schauspieler», sagt Beatrix Bühler. Weil Bel kein Als-ob inszeniere. «Die Behinderten werden ausgestellt, ihre ganze Individualität steht im Zentrum. Sie müssen nicht etwas Falsches spielen, und das Stück ist gut, gerade weil sie behindert sind.»

Dass die, die auftreten, nicht mehr unbedingt in eine Rolle schlüpfen müssen, demonstriert auch die Produktion der Briten Quarantine & Company Fierce mit «Susan & Darren». Seit 2006 sind Mutter und Sohn Pritchard unterwegs, die im richtigen Leben auch Susan und Darren heissen. Aus Manchester und nicht gerade aus der Upper Class kommen die beiden, deren Schicksal und Zusammenleben einen befreundeten Theatermacher so faszinierten, dass er sie auf die Bühne bringen wollte.

Zwei, die sich am Rande der Gesellschaft eingerichtet haben, breiten ihren kleinen Alltag aus, Schicksalsschläge inklusive, und laden am Schluss zum Tanzen ein. «Eine ungeheuer ansteckende, berührende Realityshow», kommentiert Bühler die Neverending Party der beiden.

Auf Peter Lichts Sofa

So wie sich «Susan & Darren» in den über 100 Aufführungen verändert hat, so wandelt sich auch von Aufführung zu Aufführung das Stück «The Best Sex I’ve Ever Had» von Mammalian Diving Reflex. Die kanadische Truppe führt vorgängig an allen Orten, an denen sie auftritt, Befragungen mit alten Menschen über ihr Sexleben durch und lässt sie auch in der Show auftreten. So werden sechs Bernerinnen und Berner von ihren ganz persönlichen Lebens- und Sexerfahrungen berichten.

Ganz handfest fürs Publikum – und seine Besitztümer – interessieren sich weiter auch Laura Kalauz und Martin Schick mit «Cmmn Sns Prjct». Wie viel kostet zum Beispiel die Jacke eines Zuschauers, die Schick gefällt? Oder ist der Gefragte vielleicht sogar bereit, sie dem Schauspieler zu schenken?

Ökonomie als zwischenmenschliche Erfahrung – einer, der davon ein gar schönes Lied zu singen weiss, ist Peter Licht. «Und wir pflückten das Zeug aus den Regalen aus den Läden / Und wir waren komplett / Weisst du noch, wir regelten unsre Dinge übers Geld», sang der Kölner Performer, Musiker und Schriftsteller bereits 2006 im «Lied vom Ende des Kapitalismus».

In Bern ist er mit einem Konzert zu Gast, und Thiemo Strutzenberger spielt seinen Text «Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends», mit dem Licht 2007 am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zwei Preise gewonnen hat. So harmlos und vertraut seine Story beginnt – das Publikum hält er auf Distanz. Nicht nur, weil sein Sofa nur drei Füsse hat. Denn auch seine ganz zufriedene Existenz ist nicht vor Wurmlöchern gefeit.

(Der Bund)

Erstellt: 27.04.2012, 11:51 Uhr

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2 Kommentare

Nicolas Pidoula

27.04.2012, 16:09 Uhr
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Mit Fäkalien das Jesus-Gesicht verschmieren und dann schreiben "You are not my shepperd" zeigt doch, wohin die Reise geht. Man stelle sich vor, man würde das mit Mohammed machen. Dieses Kulturblabla, das religiöse Betroffenheit so disqualifiziert, ist einfach nur borniert. Man könnte das auch respektvoller thematisieren. Und wer tatsächlich mit dementen Menschen zu tun hat, sieht auch Anderes. Antworten



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