Das geht ans eidgenössische Herz

Das Landschaftstheater Ballenberg zeigt «Aufruhr in Nidwalden», ein Stück über die Widerständlerin Veronika Gut.

Wie ihr Schmerz zur wahnhaften Wut heranwächst, wirkt beunruhigend glaubhaft: Karin Wirthner als Veronika Gut trauert um  ihren gefallenen Sohn.

Wie ihr Schmerz zur wahnhaften Wut heranwächst, wirkt beunruhigend glaubhaft: Karin Wirthner als Veronika Gut trauert um ihren gefallenen Sohn. Bild: Markus Flück

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Fällt in den Medien der Begriff Ballenberg, dann nicht selten in einem unrühmlichen Zusammenhang. Zum leicht abschätzigen Synonym für eine längst überholte Bilderbuch-Schweiz ist das Freilichtmuseum bei Brienz geworden – ausgelöst etwa durch Diskussionen darüber, wie erhaltenswert Bauernhäuser oder Altstadtfassaden sind. Der Ort steht für eine Geisteshaltung: Ballenberg ist dort, wo am besten alles so bleiben soll, wie es schon immer war.

Immerhin vom Landschaftstheater Ballenberg kann man das heuer nicht behaupten. Die Wahl des Bühnenstoffs zumindest ist erfreulich kühn: Nach den Publikumsrennern «Ueli der Knecht» (2015) und «Ueli der Pächter» (2016) zeigt man dieses Jahr ein Stück über eine unbekannte Widerständlerin. «Veronika Gut – Aufruhr in Nidwalden», geschrieben von Andreas Berger, handelt von einer Stanser Bauersfrau und Ratsherrin, die sich um 1800 den französischen Truppen widersetzte, etwa indem sie ihre Landsleute mit Waffen versorgte.

Rebellion also ist angesagt auf dem historischen Museumsgelände. Veronika Gut, eine Art Stanser Jeanne d’Arc, war allerdings nicht nur eine widersprüchliche, sondern auch eine umstrittene Figur. So kämpfte sie etwa gegen die von Napoleon eingesetzte helvetische Regierung an, die ihr als Witwe und Bauersfrau aber mehr Freiheit und Rechte in Aussicht stellte.

Dass ihr das Gesetz des Code civil als Frau Nachteile bringen würde, konnte sie zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch nicht wissen. Man muss also annehmen, dass sich ihr Aufbegehren vor allem gegen die Fremdbestimmung sowie die angestrebte Trennung von Staat und Kirche richtete.

Die Wut einer Gebrochenen

Veronika Guts verbissener Widerstand wirkt auf dem Ballenberg wie ein persönlicher Kampf. Die ebenfalls aus Stans stammende Schauspielerin Kathrin Wirthner verkörpert Gut nicht einfach als zorniges Weib, sondern vielmehr als Gebrochene, die um ihren im Krieg gefallenen Sohn trauert. Immer wieder sinkt sie in sich zusammen, verbirgt ihr sonst so wild entschlossen gerecktes Gesicht. Wie ihr Schmerz zur wahnhaften Wut heranwächst, wirkt beunruhigend glaubhaft.

Weniger plastisch hingegen werden Guts Feindbilder. Die Abgesandten der neuen Regierung defilieren zwar immer in schicken Gewändern (Kostüme: Brigitte Wolf Lang) durchs pittoreske Dorf und schnöden bei jeder Gelegenheit über die Frauen, diese «tumbe Masse».

Der Offizier auf seinem hohen Ross kommt eher wie ein Hampelmann als ein Befehlshaber daher. Mehr als uniformierte Unsympathen sind sie aber nicht in der Inszenierung von Marlise Fischer. Und dann nehmen sie den Bauern auch noch die prächtigste Kuh weg! Das geht natürlich ans eidgenössische Herz.

«Dicki Brättli» vor den Köpfen

Logisch gibt es da Szenenapplaus, als Guts Anhängerschaft den von den Franzosen errichteten Freiheitsbaum umstürzen. Die Identifikation mit Veronika Gut ist bei den Zuschauern zweifellos grösser als mit dem Geschwafel um Gleichheit und Brüderlichkeit – auch wenn die Ideale heute zu den Grundpfeilern unserer Gesellschaft gehören.

Unumstösslich scheint das Schweizer Selbstverständnis als ein Volk zäher Föderalisten, denen man nicht mit abstrakten Begriffen wie Freiheit kommen muss. Einzig die verzottelte Dorfnärrin (schön kauzig: Silvia Jost) kommentiert das Geschehen vor dem holzigen «Haus aus Wila» immer wieder kritisch und macht etwa «dicki Brättli» vor den Köpfen gewisser Bewohner aus. Sie ist aber doch zu ulkig, als dass sie jemand ernst nehmen würde. Genauso wie der Jüngling, der mit Guts Tochter anbandelt, und ihr von Paris vorschwärmt. Nicht angehört wird er, sondern von seinen Gegnern verprügelt.

Obwohl das Laienensemble agil und auf den Punkt spielt, will das Geschehen nicht so richtig in Fahrt kommen. Das liegt daran, dass die Figuren des Stücks keine Entwicklung durchlaufen: Verhärtet sind die Fronten vom Anfang bis zum Schluss. Positionen werden hier nicht durchlässig, sondern eher zementiert. Und so eben auch die verklärte Erinnerung an eine Bilderbuch-Schweiz. Revolution auf dem Ballenberg? Kaum. Eher alles so, wie es schon immer war.

Weitere Vorstellungen bis 19. August. www.landschaftstheater-ballenberg.ch (Der Bund)

Erstellt: 07.07.2017, 07:09 Uhr

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