Das besoffene Gericht

So viel Werktreue macht ratlos: Das Theater an der Effingerstrasse zeigt «Die Panne» von Friedrich Dürrenmatt.

Das weinselige Altherrengrüppchen empfängt seinen Besuch mit verschwörerischer Freundlichkeit.

Das weinselige Altherrengrüppchen empfängt seinen Besuch mit verschwörerischer Freundlichkeit. Bild: Severin Nowacki

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Wer heute Dürrenmatt aufführt, sollte wissen, warum. Das ist die grosse Herausforderung bei diesen übermächtigen Klassikern, denn so bewährt sie sind, sie wollen mit jeder Inszenierung neu gelesen werden. Heute mehr denn je. Jetzt zeigt also das Theater an der Effingerstrasse «Die Panne» von Friedrich Dürrenmatt und keiner weiss, wieso. Am wenigsten offenbar Regisseur Markus Keller. Denn sein Zugriff auf das Stück verrät nichts darüber, warum er die Geschichte vom Vertreter Alfredo Traps, den eine Autopanne in die Villa eines pensionierten Richters führt, überhaupt für erzählenswert hält.

Sehenswert ist sie hier zumindest aus darstellerischen Gründen. Schön beklemmend ist die verschwörerische Freundlichkeit, mit der Traps’ Gastgeber, die Ruheständler Richter Wucht (Gilles Tschudi), Staatsanwalt Zorn (Horst Krebs), Rechtsanwalt Kummer (Christoph Künzler) und Henker Pilet (Hans-Joachim Frick), ihren Besuch empfangen. Sie bitten Traps darum, mit ihnen «Gericht zu spielen»: Er soll den Angeklagten geben, während sie ihrer früheren Ämter walten. Denn ein Verbrechen, so verkündet es das weinselige Altherrengrüppchen in den schlecht sitzenden Anzügen (Kostüme: Sybille Welti), ein Verbrechen lässt sich immer finden.

Schwert oder Freispruch?

So auch bei Traps, der erst seine Unschuld beteuert, sich aber im Laufe des Verhörs, das mehr einem Gelage gleicht, seines Vergehens bewusst wird. Man kauft Schauspieler Michael von Burg ebenso den rechtschaffenen Zeitgenossen wie den rachsüchtigen Betrogenen ab, und so ist am Ende auch höchst unklar, welche Waagschale in den Händen der Witwe Justine von Fuhr (Alexa Brunner) nun schwerer wiegt und ob das Richtschwert zum Einsatz kommen soll.

Doch bei aller Werktreue kommt es durchaus auch zu Szenen, die in dieser Ausführung kaum im Skript stehen. Zum Beispiel als nach ausführlicher Weindegustation der Hauptgang folgt: die entblätterte Witwe Justine von Fuhr, die hübsch drapiert auf der langen Tafel liegt, nur bedeckt mit Leckerbissen an den entscheidenden Körperstellen. Es ginge wohl geschmackloser, aber auch deutlich frauenfreundlicher. So beschränkt sich die Rolle der Frau von Fuhr darauf, ihre Garderobe vorzuführen und dem Protagonisten den Kopf zu verdrehen. Mag sein, dass sie auch im Original nur eine Nebenrolle spielt. Aber ein Regisseur des 21. Jahrhunderts sollte es besser wissen.

Überall Sterne

Was also lernen wir aus dieser «Panne»? Sicher einmal mehr, dass Schuld und Gerechtigkeit höchst verhandelbare Grössen sind, und der Zufall uns manches Schnippchen schlagen kann. Letzteres haben die Sterne so eingerichtet, sagt die Männergemeinschaft im Stück. Deshalb prangen auch Planeten und ganze Galaxien auf den Tüchern, mit denen Peter Aeschbacher den Gerichtsaal dieser Privatjustiz ausgekleidet hat. Mehr als visuelle Anspielungen auf ein Weltverständnis sind die Himmelskörper aber nicht. Da hätte ihnen Hobby-Astronome Dürrenmatt sicher mehr zugetraut.

Bis 21. März im Theater an der Effingerstrasse. (Der Bund)

Erstellt: 22.02.2016, 07:55 Uhr

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