Kultur
Das Ende des Kinos als Gemetzel im Guckkasten
Von Alexandra Kedves. Aktualisiert am 11.02.2010
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«Ende der Geschichte. Ende des Kinos»: Was für ein Schlusspunkt hinter was für einen Film! 105 Minuten voller Blut, brennender Autos und böser Bourgeois, voller verrückter Kamerafahrten, irrer Zwischentitel und surrealer Begegnungen zeigt es, das berühmt-berüchtigte Ding, Unding, namens «Week End», mit dem Jean-Luc Godard 1967 das Ende seiner Kunst erklärte – und den Untergang des Abendlandes. Im Neumarkt-Theater in Zürich haben sie Godard jetzt beim Wort genommen und sein filmisches Ende mit den Mitteln des Theaters fortgeführt; oder eben mit dem, was so Theater heisst, wenn zwei Livekameras, zwei Riesenleinwände (und ein paar kleinere) sowie eine Menge Videopassagen mit im Spiel sind.
Da befürchtet der Besucher erst mal das Schlimmste – und wird überraschend mit dem vielleicht Besten belohnt, was sich heute für die Bühne aus dem Film herausdramatisieren lässt: 100 Minuten Politik und Pulp, 100 Minuten Gier und die Armut unserer Begierden – 100 Minuten, die den Puls nach oben treiben.
Duett der Lieblosigkeit
Eiskalt bleiben dagegen die beiden Antihelden von «Week End», Corinne und Roland, ein junges Paar aus Paris: Es ist Samstagmorgen, sie planen, aufs Land zu fahren und dort Corinnes Vater zu liquidieren, weil sie aufs Erbe spekulieren. Dass sie sich auch gegenseitig nach dem Leben trachten, macht der Regisseur Robert Lehniger in einem gewieften, gewisperten, mordgeilen Refrain klar, den mal die Frau, mal der Mann ins Mikro haucht. Katharina Schmalenberg im kleinen Pinken, mit rotem Pagenkopf, und Sigi Terpoorten – auch er im Look der Sechzigerjahre – erzählen von Leidenschaften, die zeitlos sind; von Habgier und Ich-Sucht. Dirigiert wird das Duett der Lieblosigkeit von Godard selbst: Kamera, Hornbrille und herrische Gesten machen Sebastian Weber zum Magier der Szene. Später ist er dann auch als Balsamo unterwegs, als Schwarzkünstler aus der Zeit Marie Antoinettes, der heimlich für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit agitiert und von der Terreur der Revolution noch nichts ahnt.
Damit hat der 1974 in Weimar geborene Lehniger den Sprung in die Französische Revolution arrangiert, den Godards Horrortrip vormacht. Auf ihrer langen Reise aufs Land fahren die zwei Möchtegern-Millionäre nämlich nicht nur an zahllosen Verkehrsunfällen, an Streitenden und Toten vorbei, sondern sie treffen beispielsweise Alice im Wunderland, Emily Brontë (Rahel Hubacher), einen klassenbewussten Bauern (Matthias Breitenbach) und, eben, Revolutionär Saint-Just (regelrecht unheimlich: Jörg Koslowsky). Zeit für grosse Reden über die Freiheit und grosse Filmpanoramen von glücklichen Schafen, Hühnern, Kühen und Schweinen. Lehnigers Soiree setzt bei den Utopien an, den älteren und den heutigen, zum Beispiel jener eines Fritjof Bergmann, der eine neue, nicht entfremdete Arbeit fordert und ein neues Verhältnis zu sich selbst. Aber Lehniger denkt die godardsche Apokalypse der Gesellschaft immer gleich mit.
Die Filmstudio-Staffage, die Irene Ip für die Bühnenfassung der Neumarkt-Dramaturgin Britta Kampert gebaut hat, bietet dafür die ideale Grundgrammatik. Auf einem Förderband, das im Kreis läuft, fahren die Gestalten vorbei und halten, wie Nummerngirls im Zirkus, Autos aus Pappkartons hoch: Fliessbandexistenzen im Endlos-Stau, in der Endlos-Monotonie unserer durchkommerzialisierten, durchnummerierten Welt. Wenn die Schauspieler aber aus diesem Kreislauf aussteigen, landen sie im Holzgerippe eines Hauses, im Kartonkadaver eines Autos – und erleben dort den Crash, erfahren dort Vergewaltigung und Mord.
Kreisen, ohne zu crashen
Es passt, wenn Godards bekannte Dialoge (und weniger bekannte Texte) vor diesen unverbrämten Kulissen gesprochen werden: Illusionskunst braucht es gar nicht in dieser harten Abbildung gesellschaftlicher Realität. Manches Filmbild von Tobias Yves Zintel, das die Filmvorlage direkt zitiert – etwa Flammen, die Autos und Menschen fressen –, ist überflüssig, auch wenn Film- und Bühnenwirklichkeit sich ständig postmodern verschränken. Der Pingpong-Match zwischen den Medien hat seine Längen, und man dankt, dass immerhin auf die Imitation der legendären lärmigen «längsten Kamerafahrt der Filmgeschichte» verzichtet wurde.
Wirklich grandios hingegen ist das Neumarkt-«Week End» da, wo das Stück Schwung holt beim Film und dann in die Vollen geht und vom Hometrainer über Fastfood bis hin zu Arbeitsterror und Freizeitstress alles aufs Korn nimmt – theoretisch aufgerüstet, ironisch aufbereitet und optisch ausgespielt. Während Corinne über dem blutüberströmten Leichnam ihrer (von ihr selbst) gemeuchelten Mutter falsche Liebesworte ins Ohr ihres Mannes säuselt, sehen wir auf dem Screen der professionellen Schlachtung eines glücklichen Schweins zu. Das geht vom Bolzenschuss übers Ausnehmen bis hin zum Zerlegen – und ist definitiv nichts für zartbesaitete Seelen. Blut im Bad der Mutter, Blut in der Metzgerei, dazu Sätze von Marx und Max Weber, von Brecht und Sennett, von Virilio und Bergmann, und das alles als Auftakt zur blutrünstigen Kannibalenszene aus dem Finale des Godard-Films: Das könnte als intellektuell parfümiertes Splattermovie daherkommen. Die agilen Schauspieler und die Regie jedoch haben das «Ende des Kinos» zum Ausgangspunkt eines tollen Theaterabends gemacht. Er beschleunigt und kreist, ohne zu crashen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2010, 04:00 Uhr











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