Kultur

Das Berner Ballett tanzt an der Themse

Von Marianne Mühlemann, London. Aktualisiert am 31.05.2011

Das Berner Ballettensemble gastiert in London: Auf der Linbury-Bühne im renommierten Royal Opera House zeigt es Werke von Cathy Marston und Andrea Miller. Und erfährt in der Garderobe Neuigkeiten aus Bern.

Das klassische Morgentraining des Berner Balletensembles – für einmal mit Blick über die Dächer Londons. (Marianne Mühlemann)

Das klassische Morgentraining des Berner Balletensembles – für einmal mit Blick über die Dächer Londons. (Marianne Mühlemann)

Alle erhalten sie eines. Ein Sesam-öffne-dich für eine der illustersten Kulturhochburgen Europas: das Royal Opera House Covent Garden. Der uniformierte Concierge am Künstlereingang des Royal Opera House in London händigt sie aus. Die Badges vermitteln ein Glücksgefühl. Und die Freiheit, wann immer man will, das Stage Door an der Floral Street zu passieren und sich im Royal Opera House frei zu bewegen.

Ballettchefin Cathy Marston sei Dank kann die Berner Ballettcompany des Stadttheaters hier viermal auftreten – zwar nicht auf der grossen royalen Covent-Garden-Bühne, aber in der angeschlossenen Studiobühne, dem Linbury Theatre. Das ist Ehre genug. Es befindet sich unter dem gleichen Dach. Und auch der Eingang ist für beide Bühnen der gleiche.Der kleine Schritt über die Schwelle ist ein grosser in die Tanzgeschichte. In diesem Haus werden Karrieren vergoldet. Die grössten Tanzstars aller Zeiten, Opernstars und Dirigenten sind hier durchgegangen. Sie blicken von den Wänden wie aus einer andern Welt.

Eine der Ersten war eine Frau. Die irische Primaballerina Ninette de Valois, die Gründerin des Royal Ballet. Sie hat hier ihren Traum eines englischen Nationalballetts mit Tanzakademie verwirklicht. Vor genau zehn Jahren ist sie gestorben. Im biblischen Alter von 102 Jahren. Und auch das Parfum des legendärer Rudolf Nurejew (1938–1993) scheint in den Gängen irgendwie noch in der Luft zu hängen. Diesen Juni sind es fünfzig Jahre her, seit der Russe auf einer Tournee mit dem Kirow-Ballett zum ersten Mal im Westen aufgetreten ist und die Chance zur Flucht ergriffen hat. Hier trat er 1962 mit der 19 Jahre älteren Primaballerina Margot Fonteyn auf. 23 Vorhänge solls gegeben haben für das Traumpaar. Es war der Beginn einer der längsten und schönsten Tanzpartnerschaften auf der klassischen Ballettbühne. Eine wichtige dazu: Nurejew hat eine Lanze gebrochen für den männlichen Rollenpart in den klassischen Balletten. Bis dahin waren sie ganz auf die Ballerinen zugeschnitten gewesen. Der Concierge rollt die Augen. Auch die First Lady Michelle Obama sei hier gewesen. Vor zwei Jahren, um sich das Royal Opera House anzusehen. Die Obamas sind auch jetzt wieder in London. Doch das Royal Opera House steht diesmal nicht im Protokoll.

Ein Gast- und Heimspiel

Und der zweite Eindruck backstage? Die Eingeweide der Royal Opera haben nichts Königliches. Da öffnet sich ein gigantisches, fensterloses Labyrinth. Da gibt es lange enge Gänge, Treppen, Lifte, über- und unterirdische Stockwerke und zig Türen, die gleich aussehen. Und es riecht nicht nach Glamour und Gold, sondern nach Arbeit. Einige der Türen, hinter denen das Berner Ballett schwitzt und probt, sind schwer wie Tore zu Betonbunkern. Mit dem ganzen Körpergewicht muss man sich dagegenstemmen, dass sie aufgehen. Feuerwände. In seiner bewegten Geschichte seit der Eröffnung im Jahr 1732 wurde das Royal Opera House zweimal ein Raub der Flammen.

Cathy Marston ist hier zu Hause. An der Royal Ballet Upper School erhielt die 35-jährige Britin, die das Berner Ballett seit 2007 mit Leidenschaft leitet, ihre Tanzausbildung. Im Foyer des Linbury ist sie auf einem Foto verewigt. Als Ballerina in veilchenfarbenem Tüll. Die Zeiten sind vorbei. Nach ihren Engagements als Tänzerin kehrte Marston im Jahr 2000 nach London zurück, um freiberuflich als Choreografin zu arbeiten. So arbeitete sie für das Royal Ballet, das English National Ballet und wurde 2002 zum Associate Artist berufen. Die vier Auftritte mit ihrer Company sind für sie beides, Gast- und Heimspiel.

Kein Abrufen auf Knopfdruck

Das Linbury Studio Theatre befindet sich im 3. Untergeschoss. Einige im Berner Ballett haben hier bereits 2009 getanzt. Es war die erste England-Tournee mit Cathy Marston. Vor ausverkauften Reihen tanzte die Company Marstons «Sturmhöhe». Diesmal hat die Berner Company den zweiteiligen Tanzabend «Auf immer und ewig» im Gepäck, neben «Howl», einem Stück der jungen amerikanischen Choreografin Andrea Miller, die für die Proben extra von New York nach London gereist ist, kommt Cathy Marstons 50-minütige Choreografie «Clara» zur Aufführung. Das Stück setzt sich mit der bewegten Biografie von Clara Wieck, der Ehefrau des Komponisten Robert Schumann, auseinander. Abstrakt und poetisch. Wie wohl die Engländer darauf reagieren werden? Der englische Geschmack soll sich stark von jenem auf dem Festland unterscheiden.

Wie bei der Uraufführung im April 2010 in den Vidmarhallen tanzt die expressive Hui-Chen Tsai in London die vielschichtige Rolle der Clara, Erick Guillard stellt Robert Schumann dar. Die Rolle des Brahms hat der Russe Denis Puzano neu einstudiert, Erion Kruja, der Brahms bei der Uraufführung tanzte, muss sich nach einer Knieoperation schonen. Für das Ensemble, das eben in Bern in «Flight Gravity» brilliert hat, bedeutet die Wiederaufnahme eine Herausforderung. Die Schritte sind zwar noch im Körperwissen gespeichert, doch liegen zu viele Produktionen dazwischen, als dass die Tänzer sie auf Knopfdruck abrufen können. Da zeigen sich die Qualitäten des Berner Ballettensembles: Auch jene Neuen, die erst nach der Uraufführung zur Company gestossen sind, lernen die Choreografie in kürzester Zeit. Und dass Andrea Miller drei Stunden vor der Premiere ihrem Stück noch einen anderen Schluss gibt, bringt sie nicht aus der Fassung. Bei der Premiere klappt das Zusammenspiel, als hätten sie es nie anders getanzt.

Keine Ferienreise

Eine Gastspiel-Tournee ist für die Tänzerinnen und Tänzer keine Ferienreise. Das belegt auch der zehnseitige Tourplan, den Ballettmanagerin Wanda Puvogel zusammengestellt hat. Mit ihrem mobilen Büro ist sie die erste Anlaufstelle für alle organisatorischen Fragen und Probleme. Im streng strukturierten Stundenplan sind die Einsätze und Proben und überhaupt alle Aufgaben der künstlerischen und technischen Crew minutiös und verbindlich festgehalten. Alles muss funktionieren. Die Bühneninstallation, das Licht, der Soundcheck, die Tanzproben, der Durchlauf und letztlich auch das Waschen und Trocknen der Kostüme. Um 9 Uhr morgens beginnt die Arbeit. Um 22 Uhr ist Schluss, theoretisch jedenfalls. Für Einzelne kann ein Tag länger werden. Da bleibt für Sightseeing, Shopping oder «Schön-essen-Gehen» keine Zeit.

Die Linbury-Bühne ist düster. Nicht nur weil hier niemals Tageslicht einfällt. In beklemmenden Bildern wird die Dreiecksbeziehung zwischen Clara Wieck, Robert Schumann und Johannes Brahms ausgelotet. Bei den von Assistentin Jenny Tattersall souverän geleiteten Proben sind im Hintergrund die Bühnentechniker aus Bern immer zur Stelle. Marc Brügger, Miklos Ligeti, Bruno Benedetti, Bernard Bieri und Patricia Zwahlen sorgen gemeinsam mit ihren englischen Kollegen dafür, dass die wechselnden Szenen ins richtige Licht gerückt werden und der Ton stimmt. Man spürt ihren Berufsstolz, wenn sie Wünsche erfüllen und jenen zudienen, die im Rampenlicht stehen.

Rund 9 Kubikmeter Material mussten für das Gastspiel des Berner Balletts nach London gefahren werden. Per Camion eine Zweitagesreise. Der Steinway, der in Cathy Marstons Stück «Clara» zum Einsatz kommt, gehört zum Linbury. Das Instrument sei besser als das bei der Premiere in den Vidmarhallen, schwärmt die Pianistin Sonja Lohmiller, die in der Probe auch mal herzhaft singt, wenn der Bariton Benoît Capt noch nicht zur Stelle ist.

Gastspiele als Visitenkarten

Der logistische Aufwand, den eine Tournee für rund zwei Dutzend Leute mit sich bringt, ist riesig. Warum tut sich dies ein Tanzensemble überhaupt an, das an einem Haus fest engagiert ist? Gastspiele seien Visitenkarten, sagt Cathy Marston. «Wir sind Kulturbotschafter für Bern. Es ist wichtig, dass man sich einem neuen Publikum stellt und sich mit andern Ensembles messen lässt.» Furchtlos sei sie, diese feingliedrige Choreografin, wird «The Guardian» in seiner Premierenkritik feststellen, eine, die keine Konzessionen an das Publikum macht.

Die internationale Ausstrahlung sei eine Voraussetzung dafür, dass ein Ensemble gute Tänzer und Choreografen bekommt, die ihm ihre Werke anvertrauen, sagt Marston. Man darf nicht vergessen: Ein Tanzensemble kann sich nicht wie ein Orchester oder eine Theatergruppe Noten oder Textbücher beschaffen. Wenn eine Tanzcompany ein neues Stück einstudieren möchte, ist sie auf Beziehungen und persönliche Vermittlung angewiesen. «Tourneen heben das Niveau einer Company und schweissen sie zusammen.»

Norwegen und Taiwan

Dass aus Gastspielen neue Einladungen resultieren können, hat Cathy Marston bereits nach der ersten England-Tournee 2009 erfahren. Es seien aktuell zwei potenzielle Einladungen für das Berner Ballett in der Luft, verrät sie. Spruchreif sei aber noch nichts. Eine Einladung komme aus Taiwan, eine andere aus Norwegen. Neben dem Berner Ballett seien auch die Batsheva Dance Company und das Nederlans Dance Theatre im Gespräch. Für Marston eine Ehre, die ihr auch Kopfzerbrechen bereitet. Bevor sie eine Zusage machen kann, muss sie wissen, wie es um ihre eigene Zukunft steht. Konkret: Es ist derzeit für sie noch offen, ob sie 2013 noch Ballettchefin in Bern sein wird (siehe Kasten).

Am Premierentag findet die morgendliche Aufwärmprobe des Balletts nicht auf der dunklen Linbury-Bühne im dritten Untergeschoss statt, sondern im lichtdurchfluteten McMillan-Studio, da, wo sonst des Royal Ballet trainiert. Es befindet sich ganz oben im fünften Stock des Hauses, wo auch die Kantine ist. Durch die Fensterfront geniesst man einen atemraubenden Blick über die Dächer von London. Die Tänzer geniessen das Licht, die Wärme, während sie mit diesem täglichen Ritual ihre Glieder biegen und strecken und für den Abend einsatzbereit machen. Cathy Marston wird den elastischen Körpern und strapazierten Tanzfüssen alles abverlangen. Sie leitet selber dieses klassische Morgentraining. Was sie auf der Bühne immer gesagt hat, klingt auch hier nach: «Well done, guys, thank you.» Das habt ihr gut gemacht. Danke.

Gibt es Regeln im Umgang mit den Tänzern oder Dinge, die auf einer Tournee anders sind als zu Hause? Marston studiert nicht lange. Ja es gebe Regeln, sagt sie. «Und die gelten immer.» Der Respekt für die anderen sei das Wichtigste. Jeder Tänzer, jede Tänzerin sei sich bewusst, dass er für sich selber verantwortlich ist und auch für die Compagnie. «Wenn jemand einmal nicht gut drauf ist, dann soll das ausserhalb des Ballettsaals bleiben.» Damit fährt Berns Tanzchefin gut. Sie braucht nicht viel zu sagen, dass Berns multikulturelle Company «funktioniert». Auch zu ihrer Assistentin nicht. Jenny Tattersall, die für die Bühnenproben und das Training verantwortlich ist, weiss blind, was Marston will. Und versteht es auch umzusetzen.

«Wenig sensibel»

Und dann gibt es noch eine Überraschung am Premierentag im Royal Opera House. Aus heiterem Himmel erfahren Cathy Marston und ihre Crew, dass in Bern der Name des neuen Intendanten – ihres künftigen Chefs – verkündet wird. Dass es in ihrer Abwesenheit geschieht, wird allgemein als «wenig sensibel» empfunden. Doch das Ballett ist sich einiges gewohnt. Ziemlich genau vor zwei Jahren wurde just zum Zeitpunkt der ersten Englandtournee in Bern als Sparmassnahme die Abschaffung des Balletts vorgeschlagen.

Später erfährt man, dass die Nachricht wegen eines Informationslecks vorgezogen wurde, und ist etwas beruhigt. Dominique Folletête ist extra nach London gereist. In einer improvisierten Sitzung in einer Damengarderobe des Opernhauses informiert der engagierte Stiftungsrat von Konzert Theater Bern und Unterstützer des Balletts über die Wahl des neuen Intendanten Stephan Märki. Was sie für das Ballett bedeutet, kann niemand abschätzen. Immerhin hat sich Märki zu einem Mehrspartentheater bekannt. Obwohl am gleichen Abend auf der grossen Bühne des Royal Opera House ein dreiteiliger Ballettabend mit grossen Namen gegeben wird, tanzt das Berner Ballett vor ausverkauftem Haus. Der Applaus ist herzlich, aber kurz.

Und die Kritik? «The Guardian» verteilt dem Berner Gastspiel drei von fünf Punkten, lobt Marstons Choreografie als «ernste, leidenschaftliche und differenzierte Arbeit» und das Berner Ballett für seine Klarheit und Überzeugungskraft. (Der Bund)

Erstellt: 31.05.2011, 09:29 Uhr

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