Christoph Schlingensief ist gestorben
Aufruhr in Zürich
2001 inszenierte Schlingensief am Schauspielhaus Zürich auf Einladung des damaligen Direktors Christoph Marthaler «Hamlet», in das er aussteigewillige Neonazis integrierte. Schon vor der Premiere sorgte er mit seiner Unterschriftensammlung für ein Verbot der SVP für Aufregung. Wie bei vielen anderen Aktionen war Schlingensief medienwirksam mit dem Megafon in der Stadt unterwegs und skandierte seine Parolen.
Die Kritiken zum eigentlichen Stück auf der Pfauenbühne waren höflich bis vernichtend. Bemängelt wurde – anders als später in Deutschland – nicht der Einsatz der Neonazis, sondern die inkohärente Inszenierung. Schlingensief stand damals bei allen Vorstellungen selber auf der Bühne und sorgte für ein ständig ausverkauftes Haus.
Auch «Attabambi Pornoland» (2004) erzeugte viel Aufruhr. In der Aufführung nach einem Text von Elfride Jelinek wirkte unter anderen eine übergewichtige Prostituierte mit, meist völlig entblösst auf der Schiffbaubühne. Die Aufführung wurde von einer Anzeige der Zürcher Stadtpolizei überschattet, die Schlingensief wegen angeblicher Ruhestörung büssen wollte. Dieser sah sich einer Kampagne von Gegnern seiner Arbeit ausgesetzt und setzte sich nach Wien ab. Ein Teil der Vorstellungen fiel ins Wasser.
2007 präsentierte der im Vergleich zu früher zahm und nachdenklich gewordene Schlingensief im Migros Museum für Gegenwartskunst eine grosse Ausstellung. Zu sehen waren Ausschnitte eines Lebenswerks: Filme von seiner Kindheit, Erinnerungen an den verstorbenen Vater, Teile von Bühnenbildern, Fotos früherer Aktionen.
Auf praktisch einhellige Begeisterung schliesslich stiess sein letzter Auftritt in Zürich. Im Dezember 2009 besuchte der schon schwerkranke Künstler mit einer Truppe des Theaters Neumarkt und dem Stück «Unsterblichkeit kann töten» die Uraufführung von René Polleschs «Calvinismus Klein» im Pfauen. Die Kooperation der zwei Häuser bot einen äusserst geistreichen Theaterabend. Das Schauspielhaus-Publikum konnte erst auf Bildschirmen verfolgen, was Schlingensief im Neumarkt Theater inszenierte. (rb/sda)
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Der Theaterregisseur und Drehbuchautor Christoph Schlingensief starb am Samstag nach einem zweieinhalbjährigen Krebsleiden im Alter von 49 Jahren. Dies bestätigte ein Sprecher der Ruhrtriennale in Mülheim der Nachrichtenagentur DAPD. Schlingensief war einer der wichtigsten Ideengeber für die deutschsprachige Kulturszene, und auch im Ausland einer der bekanntesten deutschen Künstler. Seine Inszenierungen, Filme und Projekte waren wegen ihrer politischen und künstlerischen Radikalität oft umstritten.
Seine Lungenkrebs-Erkrankung schilderte der Künstler 2009 in Tagebuchform unter dem Titel «So schön kanns im Himmel gar nicht sein!». Bis zuletzt widmete sich Schlingensief seiner Arbeit: Sein für die diesjährige Ruhrtriennale geplantes Stück «S.M.A.S.H. - In Hilfe ersticken» musste er aber Anfang Juli absagen - wegen einer neuen schweren Krebsdiagnose.
Auf der Homepage des Künstlers schrieb die Familie am Samstag: «Im Sinne von Christoph Schlingensief bitten wir statt Blumen und Kränzen um eine Spende für das Operndorf in Afrika.» In das Mammutprojekt in Burkina Faso hat der Künstler selbst viel Arbeit gesteckt, das Gelände hat sechs Hektar Grösse.
Vielseitiger Provokateur
In den letzten Jahren arbeitete Schlingensief oft gleichzeitig an unterschiedlichen Projekten in den Sparten Film, Theater, Oper, Blog, Interviews, Prosa sowie Kunstaktionen und Videos. Im kommenden Jahr sollte Schlingensief erneut Künstler für den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig sein. Die Kuratorin Susanne Gaensheimer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, lobte ihn im Mai als «einen der ganz wesentlichen Künstler dieses Landes». Schon 2003 hatte der Künstler in Venedig eine «Church of Fear» als Reaktion auf den Irak-Krieg eingerichtet.
Geboren wurde Schlingensief am 24. Oktober 1960 in Oberhausen. Er wuchs nach eigenem Bekunden in einem «extrem kleinbürgerlichen Elternhaus» auf. Sein Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in München fand er zu langweilig - er brach es nach sieben Semestern ab. Lieber drehte er Filme, unter anderem «Das deutsche Kettensägenmassaker», «Terror 2000» und «Die 120 Tage von Bottrop - Der letzte Neue Deutsche Film». 1996 war Schlingesief erster Aufnahmeleiter bei der ARD-Soap «Lindenstrasse», wo er «grauenhafte Erfahrungen» machte, wie er sagte. 1993 debütierte er als Regisseur an der Berliner Volksbühne. Später war er dort als Hausregisseur.
Schlingensief führte Schauspieler, Behinderte und Laien zu einer Truppe zusammen. Sein Stück «Schlacht um Europa» wurde 1997 von «Theater Heute» zum besten deutschsprachigen Stück gekürt. Zu einem Eklat kam es bei der Documenta 1997, als Schlingensief das Plakat «Tötet Helmut Kohl!» präsentierte.
Big Brother für Asylbewerber
Schlingensief mischte auch selbst in der Politik mit: 1998 trat er mit seiner Partei «Chance 2000» zur Bundestagswahl an und machte mit Aktionen wie «Anti-Kanzler-Baden» am Wolfgangsee in Österreich, dem Urlaubsort des damaligen Kanzlers Helmut Kohl, auf sich aufmerksam. Ziel war es, mit den damals rund sechs Millionen deutschen Arbeitslosen den Wolfgangsee zum Überlaufen zu bringen.
Mit der Aktion «Ausländer raus - Bitte liebt Österreich» vor dem Wiener Opernhaus sorgte er ebenfalls für Schlagzeilen. In Anlehnung an «Big-Brother» waren in Baucontainern Asylbewerber untergebracht. Die Aktion dominierte über Wochen die politische, mediale und öffentliche Diskussion in der Alpenrepublik. Der Sieger bekam die Option, durch Heirat österreichischer Staatsbürger zu werden.
Mit Wagner zu Ruhm
Zwischen 1997 und 2002 moderierte Schlingensief im Fernsehen medienkritische Formate wie «Talk 2000» und «U 3000». Bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen 2004 inszeniert Schlingensief Wagners «Parsifal», seine erste Oper. Die Neuinterpretation des Bühnenweihefestspiels gilt mittlerweile als «Kult-Inszenierung».
Zusammengerechnet hat der Multi-Künstler knapp 80 Stücke, Theater und Aktionen geschaffen - ohne die ganzen Filme und Installationen, Objekte, Bilder und Skulpturen, wie Schlingensief einmal bilanzierte. Die filmischen Arbeiten hätten immer im Zentrum seines Denkens gestanden. «Ich glaube, es geht nichts verloren. Das hab ich als grösste Erleichterung.» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.08.2010, 17:24 Uhr
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