Kultur

Banditen im Neumarkt: Zwischen Fiktion und Aktion

Von Tom Hellat. Aktualisiert am 21.06.2010

Sebastian Baumgarten machte aus Offenbachs Operette ein grosses buntes Theater-Spektakel.

Es sieht blutiger aus, als es ist: Die Banditen im Einsatz.

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Eben noch schenkt der schmierig pomadierte Kellner Wein aus, da knallt er plötzlich mit der Pistole. Daneben hängt ein trashiges Pin-up-Bild der Tochter von Räuberhauptmann Falsacappa. Schnell wird klar, wie es hier um die offenbachsche Wald- und Räuberromantik bestellt ist. Glotzt nicht so romantisch!, sagt uns die Regie gleich zu Beginn unmissverständlich.

Natürlich geht es trotzdem um Banditen. Nicht um gefährliche Kriminelle, eher um linkische Gauner, verschmitzte Halbstarke, denen man nicht wirklich böse sein kann. Ihr Tagewerk besteht in Offenbachs Operette im Ausrauben von Staatskassen und dem Kidnappen von feschen Mädels. Die Banditen, die das Theater Neumarkt auf die Bühne bringt, könnten – wenn sie nicht gerade ihrer blutigen «Arbeit» nachgehen – Jungs von nebenan sein, philosophierende Machos, die gerne mal ne Zigarette anzünden oder über Aussteigerträume plaudern. Was sie neben ihrem schaurigen Beruf vor allem attraktiv macht, ist ihre überdrehte Coolness.

Ein Duft aus Jazz und Blues

Wer eine Offenbachiade mit Champagnerklängen erwartete, wurde auch musikalisch eines Besseren belehrt. Statt überdrehtem Operettenton und zähmassigem Mischklang besprühte der musikalische Leiter Daniel Regenberg diese Räuberparodie mit Jazz- und Bluesduft, um eine Balance aus delikater Lässigkeit und knackigem Schwung herzustellen.

Als Barpianist übernahm er die Rolle des Orchesters. So folgte nicht Couplet auf Couplet, sondern Zarah Leander auf Keith Jarrett oder slowenisch-deutschen Hardcore à la Laibach. Dass die Schauspieler da als Sänger nicht sattelfest waren, ist berufsbedingt und passte ausserdem zu den Charakteren. Ein Räuber mit lupenreiner Vokaltechnik? Eher undenkbar. Ein paar dunkle Flecken in der Stimme sind da schon besser. Mit Offenbachs Musik hatte das zwar wenig zu tun; wohl aber mit der revolutionären Sprengkraft des Komponisten. Erhalten blieb auch die Story.

Hier schlagen mehrere Räuberherzen so wild, dass einem allein vom Zusehen der Kopf schwirrt. Die erste Räuberregel lautet: Kein Unterschied zwischen Sein und Schein. So verkleidet sich die Bande im Laufe des Stücks etliche Male auf der Jagd nach der Millionenbeute. Als Bettler verkleidet überfallen sie das Wirtshaus an der Grenze, als Wirtshauspersonal verkleidet überfallen sie die mantuanische Gesandtschaft, als Mantuaner verkleidet überfallen sie die spanische Gesandtschaft, als Spanier verkleidet halten sie Einzug am Hof zu Mantua.

Das alles schnurrt mit rasantem Tempo ab, so dass zuweilen sogar die Akteure selbst fragen müssen: «Hey, wie heiss ich jetzt schon wieder?» Das ist bunt, das ist verwirrend, und es ist Konzept. Schon Karl Kraus spricht bei Offenbach von «Unsinn, der sich von selbst versteht». Also: Story unwichtig. Was aber möchte uns die Aufführung sagen?

Das Klingeln der Münzen

Die degenerierten Aristokraten, die lebenslustig-gefährlichen Gauner, sie alle müssten eigentlich im Dunkel babylonischer Sprachverwirrung tappen. Eine Sprache jedoch verbindet sie: das Klingeln der Münzen, das Knistern der Banknoten. Dabei lässt die Regie Seitenhiebe auf die griechische Finanzsituation oder den Lifestyle von Bankern nicht aus. Irgendwie haben wir es doch geahnt: Geld regiert die Welt. Oder doch nicht?

Auch ein Geldschein ist nicht Sein, sondern er belässt es beim Schein-Sein. Auch hier klingt es wieder an: das Spiel mit Identitäten. Damit jonglieren die acht Schauspieler des Ensembles virtuos. Zu bewundern sind vor allem: Sigi Terpoorten als gewitzt-grausamer Ganovenanführer Falsacappa, Vivien Bullert als seine Tochter, ein dralles Flintenweib, und Samantha Viana in der Hosenrolle des Fragoletto. Die Ensembleleistung ist ein reines Vergnügen – mit genügend Unreinheiten, die das «reine» Vergnügen überhaupt erst ausmachen.

Für dieses Vergnügen sind so ziemlich alle Mittel von A wie «Action Painting» bis Z wie «Zaubertrick» recht und vor allem billig: Maskenspiel und Mediensatire, Kalauer und Kommentar. Das Tempo wird angezogen und wieder zurückgenommen, dazwischen gelingen, etwa wenn sich eine Schauspielerin in eine Stehlampe verwandelt, bildmächtig ineinander gespiegelte Illustrationen.

Alles zusammen ergibt ein farbiges Bild, manchmal ein allzu buntes. Ein paar kabarettistische Scherze zu viel sind es auch. Sebastian Baumgartens Regie überzieht die Banditenburleske mit einer Pistolenrauchwolke trashiger Gesellschaftskritik. Die tagesaktuelle Pointe hat durchaus ihren Platz. Und als sich die Rauchwolke verzogen hat, merkt man im Publikum die wahre Pointe: Die Schauspieler spielen die Diebe nicht nur. Einige Zuschauer konnten am Ende des Abends überrascht ihre Brille oder ihren goldenen Füllfederhalter wieder entgegennehmen.

Theater, über die Bühne hinaus – und doch nur ein Spiel. Einzig der originalen Offenbachmusik wurde man beraubt. Dafür hat man jedoch ein Ganovenfest gewonnen, in dem die Grenzen zwi0schen Theaterschein und realem Sein sich verwischen.

Weitere Aufführungen. Info und Tickets www.theateramneumarkt.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2010, 21:35 Uhr

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