Ausharren im Neurosenwald
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 22.02.2010 1 Kommentar
Spiegelglatt ist das Parkett, auf dem sich Friedrich Wetter, Graf vom Strahl krümmt. Ein erbärmliches Bündel, das unter den Peitschenschlägen zusammenzuckt. Der Graf macht allerdings auch keine bessere Figur, als er von den Fesseln befreit wird. Vom Glanz seines Namens ist höchstens noch im schon ziemlich schütteren blonden Haar ein wenig auszumachen.
Ein hühnerbrüstiger Schwächling (Lukas Turtur) wird da vorgeführt, der vor den Schergen des Kaisers winselt wie ein Hund. Verklagt hat ihn der Waffenschmied von Heilbronn, wegen Verführung seiner Tochter Käthchen. Wie unreif und verklemmt der junge Mann ist, demonstriert er später unter der Dusche, wo er seinen Trieben das Eigenleben mit kaltem Wasser auszutreiben versucht. Warum Käthchen sich ausgerechnet diese Jammergestalt als Objekt grenzenlosen Verlangens auserkoren hat, ist ein Geheimnis, dem nur mit der Formel beizukommen ist, dass Liebe nun mal nicht in Klischees fassbar ist.
Triviale Konstellation
Und mit Klischees hat denn auch die ganze Inszenierung von Schauspielchef Erich Sidler auf der grossen Bühne der Vidmarhallen nichts im Sinn. Obwohl Heinrich von Kleist in seinem Ritterdrama «Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe» mit Märchenhaftem nicht gespart hat.
Die Liebe ist eine Himmelsmacht, am schönsten ist sie in den Träumen. Der Story, die der junge Kleist vor 200 Jahren darum herum entwickelt hat, liegt jene triviale Konstellation zugrund, die heute zu den beliebtesten Dramen der Fernseh-Vorabendserien gehört: Junge hübsche Frau mit reinem Herzen liebt attraktiven jungen Mann, der sich aus ihrer Liebe nichts macht, dafür aber auf eine raffinierte Intrigantin hereinfällt, die nur hinter seinem Vermögen her ist.
Und je nach Quote kann es gut und gern ein paar Monate der Irrungen und Wirrungen dauern, bis der Verblendete kuriert ist und geläutert das gute Herz in seine Arme schliesst. In Käthchens Fall dauert es in den Vidmarhallen gut Zweidreiviertelstunden, Pause inbegriffen, denn gestrichen hat der Regisseur fast nur das Glück.
Schwer traumatisiert
Sidlers Kleist-Personal – das komplette Schauspielensemble und drei Gäste – ist gefangen in der Rüstung psychischer Beschädigungen. Ein schwer traumatisiertes Käthchen (Milva Stark) wankt da über die Bühne. Da lodert keine erste bedingungslose Leidenschaft, da mottet vielmehr eine tiefe Verletzung. Wer sie ihr zugefügt hat? Der gar fürsorgliche Vater vielleicht? Der Verlobte?
Oder krankt die junge Frau an der Aussicht auf ein Leben, zu dem sie nichts zu sagen hat? Käthchen ist nicht die Einzige, die Sidler mit der Droge Apathie füttert. Diese ist der Tranquilizer in dieser Geschichte aus dem Neurosenwald, sie dämpft Ausbruchsgedanken und ermöglicht ein Überleben in einem Dasein, das nicht unbedingt selbst gewählt ist.
Durch die 12 Türen der Willkür
Zwar wird immer wieder die Peitsche aufgezogen, doch reisst das Knallen keinen aus seiner Lethargie, sondern sorgt vielmehr dafür, dass jeder in seiner Rolle verharrt, der Waffenschmied genauso wie der gute Gottschalk, die schnöden Grafen, die starre Gräfin.
Lähmend ist die Stimmung, die Sidler dem Publikum teilweise zumutet. Sie ist nicht jedermanns Sache und sorgt dafür, dass die Blicke auf die Uhren immer häufiger und nach der Pause nicht mehr alle Plätze eingenommen werden, obwohl der Regisseur aus den Seelentiefs ein paar eindrückliche Bilder schöpft: Im Bühnenbild der 12 Türen (Gregor Müller), die sich immer wieder unvermittelt und lautlos öffnen, lauern Willkür und Ausweglosigkeit, die durch eine irritierend leise und nur schwer zu ortende Geräuschkulisse (Philipp Ludwig Stangl) verstärkt werden. Da steht die Zeit still, und ein willkommenes Spielzeug für die Ritterrunde in Strassenkleidern ist die intrigante schöne Kunigunde, ein willenloses Ding erst, verpackt in einer Kiste.
Falsche Haare, falsche Zähne
Die Zeit vergeht auch nicht, weil abseits der kargen Dramatik noch der ganze Text rezitiert werden will, was mitunter wie eine Strafaktion für die angeschlagene Runde anmutet – und leider auch fürs Publikum. Als die ganzen ziemlich komplizierten Besitz- und Racheverhältnisse rund um Fräulein Kunigunde, Käthchens Rivalin, ausgebreitet werden, kommt einem in den Sinn, was der Regisseur einmal in einem Gespräch über die Langeweile gesagt hat. Dass sie dem Publikum durchaus zugemutet werden dürfe, weil es dann auf sich, auf seine eigene Befindlichkeit, zurückgeworfen werde.
Für einen Ritt in den eigenen Neurosenwald reicht denn aber die diskrete Langeweile doch nicht ganz aus. Aber sie lässt einem Zeit für ein paar Gedanken: Zum Bespiel wie überzeugend der inszenatorische Ansatz ist, die Unzulänglichkeiten der Protagonisten dieser märchenhaften Liebesgeschichte für einmal in den Vordergrund zu rücken. Wird doch wie bei Kunigunde (Marianne Hamre), bei der nicht nur die Seele, sondern auch Haare, Haut und Zähne falsch sind, auch bei den anderen Figuren sichtbar, wie mit Funktionen und geraden Scheiteln wenig Vorzeigbares kaschiert wird.
Nachhallendes Finale
Doch weil in der allgemeinen Lethargie noch viel Text rezitiert werden muss, dämmert sie zu lange dahin, die Ritterrunde, die bis zuletzt nicht aus ihrem Psychokorsett erlöst wird. Denn Regisseur Erich Sidler findet zu einem zwingenden und nachhallenden Finale: Dass Käthchen seinen Ritter kriegt, bedeutet nicht unbedingt ein Happy End – das haben schon einige Regisseure vorgeführt. Bodenlos und still ist jedoch das Unglück, das Erich Sidler seinem Käthchen zumutet. Verdammt ist sie in alle Einsamkeit.
Aufführungen in den Vidmarhallen bis 18. Juni. (Der Bund)
Erstellt: 22.02.2010, 15:05 Uhr







Beate Kaiser
noch nie habe ich eine schlechtere, d.h. weniger zutreffende Theaterkritik gelesen. Völlig konfus, unsachlich, daneben. Hat die Autorin irgendetwas persönlich gegen den Regisseur oder am Besten gleich gegen das ganze Theater? 10 Minuten begeisterter Beifall , hervorrragende schauspielerische Leistung! Lassen Sie sich einen guten Theaterabend nicht vorenthalten - urteilen Sie selbst! Antworten