Auf dem Sprung
Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 25.02.2011
Vorstellungen
Premiere am Freitag, 19.30 Uhr, Vidmar. www.stadttheaterbern.ch
Letzten Sonntag im Stadttheater. Auf dem Programm steht die Oper «Die Lustigen Weiber von Windsor». Ein Kerl im Übergewand stolpert in den Salon von Frau Fluth. Später wird er in einer Soldatenuniform auftauchen. Und im 3. Akt geistert er als grünlicher Kobold durch den Bühnenwald. Der Mann mit den vielen Facetten ist Erick Guillard. Als Nebenfigur sagt er kein Wort, singt keinen Ton. So ist das, wenn Tänzer in der Oper zu tun bekommen. Dann brillieren sie als Deko, ergänzen die Statisterie oder dürfen statische Sängerposen mit etwas Bewegung aufmischen. Was die Mitglieder der dritten Sparte am Dreispartenhaus wirklich können, sieht man meistens erst an den Tanzabenden.
Ein Abschiedsgeschenk
Heute Abend ist es so weit. Erick Guillard wird seine Verwandlungsfähigkeit in den Vidmarhallen unter Beweis stellen. In den Uraufführungen von Mark Bruce, Adonis Foniadakis und Cathy Marston ist er als interpretierender Tänzer zu sehen. Im vierten Stück des Abends wechselt er die Seite: Ballettchefin Cathy Marston hat ihm eine Carte blanche für ein Stück offeriert. Nach eigenen Kurzchoreografien im Rahmen von «Tanz – Made in Bern» in den letzten Jahren legt Erick Guillard nun erstmals in einem Hauptprogramm Zeugnis seines choreografischen Könnens ab: Ende Saison wird der Franzose Bern:Ballett verlassen. «Ich bin 38. Für einen Tänzer ist das uralt», sagt Guillard. Er möchte sich neuen Aufgaben stellen – als Tanzpädagoge und Choreograf.
Choreografieren hat er mit Learning by Doing gelernt, das Tanzen dagegen von der Pike auf. Als hyperaktives Kind, dasnie still sitzen konnte, habe er im Ballett gelernt, seine Energie zu kanalisieren, und er blieb dabei. Guillard studierte in Paris und in La Rochelle klassischen Tanz. Acht Jahre tanzte er im Ballet National de Nancy unter Pierre Lacotte, dann war er an der Komischen Oper in Berlin und am Theater Basel engagiert.
Bevor er nach Bern kam, machte er sich auch in der Freien Szene einen Namen. Als Choreograf und Tänzer. In «Biotop», einem Physical Theatre zwischen Trash und Realityshow, zeigte sich Guillard zwischen violetten Bettflaschen auf der Bühne, schlürfte Wasserlachen vom Boden. Angst, die klaustrophobischen Seiten des Menschseins auf die Bühne zu bringen, hat er bis heute nicht. «Mich interessiert der Mensch, die condition humaine», sagt Guillard. «Im Speziellen sein Leiden in der Welt.» Es ist auch ein Thema seiner jüngsten Choreografie «Liquidation» zu Musik von Krzysztof Penderecki.Guillard arbeitet mit fünf Tänzerinnen und Tänzern von Bern:Ballett. Er habe jüngere Kollegen ausgewählt, obwohl er generell die Arbeit mit «reiferen» spannender finde. «Ältere Tänzer tragen die Schönheit eines gelebten Lebens im Körper. Das interessiert mich mehr als die technische Schönheit, die bei jungen Balletttänzern im Vordergrund steht.» Mit jungen Tänzern zu arbeiten, biete den Vorteil, dass man sich nicht in eingespielten Mustern verliere.
Fünf Tänzer – das ist kein Zufall. Die Zahl Fünf ist in Guillards neuem Stück eine Schlüsselzahl. Und wie in seinem Leben geht es um Verwandlungen. Zum Stück inspiriert hat ihn Proteus, der tausendgestaltige Meeresgott aus der griechischen Mythologie, der auf der Insel Pharos seine Robben hütet. Er besass die Gabe der Prophetie, weigerte sich aber, sein Wissen zu offenbaren. Indem er sich in verschiedene Gestalten verwandelte, versuchte er sich den Fragen zu entziehen. Erick Guillard sucht die «proteische Energie» in Rhythmus und Raum zu verwandeln. Alle Bewegungen, die er seinen Tänzern auf den Leib choreografiert, erprobt er zuerst am eigenen Körper. «Ich versetze mich in jeden Einzelnen meiner Tänzer. Erst auf der Bühne setze ich den Bewegungsdialog zusammen.» Es ist sein Ziel als Choreograf, mehr aus seinen Tänzern herauszuholen, als das, was sie ihm beim Training von sich zeigen. Er tut es intuitiv und mit viel Menschenkenntnis. «Ich möchte Tänzern Türen öffnen zu sich selbst und Stärken entwickeln, von denen sie noch nichts wissen.»
Puff, zisch, poing
Das gilt auch für ihn selbst. Für die «Zeit nach Bern» träumt er von einem Projekt, in dem er die Musikalität seines Körpers weiterentwickelt. Es ist ein Talent, das nur jene kennen, die eng mit ihm arbeiten. Erick Guillard hat die Gewohnheit, seine Bewegungen mit Tönen und Geräuschen zu «instrumentieren», dann schleudert er Wörter wie «puff», «glucks», «zisch», «poing», «paff» zwischen seine Schritte. Eine onomatopoetische Tonspur, als bewegte er sich in einem Zeichentrickfilm. «Die Töne helfen mir, die Bilder in meinem Kopf mit dem Körper in Bewegung zu bringen. Irgendwann mache ich daraus ein eigenes Stück.» Das Versprechen lässt vermuten, dass man vom Tänzer auch nach seinem Abschied von Bern wieder hören wird – wortwörtlich. (Der Bund)
Erstellt: 25.02.2011, 14:19 Uhr
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