Andreas Thiels Morgenstern
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 05.03.2009
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Leichter als mit Andreas Thiel hat man es im Programm «Politsatire 3» mit den «Papillons». Das sind zwei Musiker, ein Geiger (Giovanni Reber) und ein Pianist (Michael Giertz), von beträchtlicher kabarettistischer Virtuosität. Sie packen die Welt in ihrer aparten Banalität und tragischen Paradoxie (denn um weniger geht es hier nicht) in die Melodien, die sie hervorgebracht hat.
Das klingt nach der aufgeklärten «Ode an die Freude», nach Janitscharenmärschen, der Internationalen und dem Auftrittslied der Pippi Langstrumpf. Und andeutungsweise erzeugen Reber und Giertz auch die Blitze und Donner des Urknalls, von dem der Mensch intellektuell abstamme, wie uns Andreas Thiel dann im Theater am Hechtplatz sagt.
Mit ihm, diesem Rollenspieler im Fach Weltverachtung, hat man es hingegen nicht so einfach. Es beflügeln ihn Wörter und Champagner. Er ist ein blitzschneller Sprachlogiker und Erforscher des hinter einem verbalen Etwas sich verbergenden Nichts. Wobei man nicht immer genau unterscheiden kann, ob etwas schon eine absurde Wahrheit ist oder noch ein reaktionärer Scherz (aber das ist ja wieder das Feine an einer konsequenten Ironie).
Da geht es dahin in einer 36-aktigen «anarcholiberalen» Tragödie des herrschenden Trübsinns: gegen die Langweiligkeit der Atheisten und den Beamtengeist einer golfspielenden Sozialdemokratie; zu den Eskimos, die Eisberge in die Wüste schleppen und Angellöcher in den Sand sägen; und zu den Palästinensern, die jetzt antarktische Pinguine schmuggeln, weil sie nahrhaft sind und ein wenig aussehen wie Raketen. Alle bekommen ihr Fett weg, das manchmal allerdings gar nicht so fett ist. Die Politsatire ad personam schwächelt sogar ein bisschen. Sagen wir: Pascal Couchepin wird schon Schlimmeres über sich gehört haben, als dass er im Bundesarchiv für Blindtexte geboren worden sei.
Überzeugend scheint die These, dass neun Millionen furzende Schafe in Neuseeland mehr CO2 ausstossen als Thiels Offroader – aber auch darin liegt nicht der wahre Witz der «Politsatire 3». Er findet sich dort, wo Sprichwörter verkehrt werden und ganze Wortpyramiden auf der Spitze stehen. Wo Bedeutungen zum Gegenteil zerknüllt werden und der Sprachbeweis gelingt, dass die Welt halt schon immer einen Knall hatte.
So viel zum Lob eines blendenden Sprachspiels. Schöner steht das auf der Internetsite der Stadt Zürich unter «Theater am Hechtplatz». «Es scheint», heisst es da, «das Wohl des Damokles hänge mal wieder am roten Seidenfaden des blutigen Schwertes in seiner eigenen Hand»; und überhaupt sei Andreas Thiel «ein Meister des verbalen Floretts» mit einem «Morgenstern in der Hand». Dem Schreibenden ist eine Bleistiftzeichnung dieses Bewaffnungszustandes misslungen. Er kann nur beifügen: Möge der Morgenstern florettgleich und weiterhin wie ein Phönix aus der Asche steigen; und möge der Seidenfaden, an dem die Metaphern hängen, lange halten.
Bis 28. März im Theater am Hechtplatz Zürich
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.03.2009, 20:04 Uhr
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