«50 Grades of Shame»: Trost und Überforderung

Die Informations- und Bilderflut der Performance in der Dampfzentrale überfordert. Die Botschaft aber tröstet.

She She Pop spielt in «50 Grades of Shame» mit Kameras und Projektionen von Körpern.

She She Pop spielt in «50 Grades of Shame» mit Kameras und Projektionen von Körpern. Bild: zvg / www.sheshepop.de

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Wahrscheinlich irgendwas mit der Technik», wurde gestern Abend in der Dampfzentrale gemutmasst, als sich der Start von «50 Grades of Shame» der Performance-Gruppe She She Pop hinauszögerte. Und tatsächlich: Zuerst habe eine Projektion gestreikt und dann sei auch noch eine Kamera ausgestiegen, erklärte Aua-Leiterin Nicolette Kretz die 30-minütige Verspätung.

Technische Gerätschaften sind bei She She Pop unabdingbar, denn wie in früheren Performances (siehe «Bund» vom 11. Mai) des in Berlin ansässigen Kollektivs sind auch bei «50 Grades of Shame» Videoprojektionen ein zentrales Element. Auf zwei grossen Tafeln werden Überblendungen gezeigt, die sich aus Bildern mehrerer Live-Kameras zusammensetzen, wobei die Kameras quer über die ganze Bühne verteilt sind.

Die vier Frauen und drei Männer des Kollektivs bewegen sich von Kamera-Posten zu Kamera-Posten und steuern mal ihren Kopf oder Rumpf, mal ihr Geschlecht, ein Bein oder einen Arm zur Live-Projektion bei. Diese einzelnen Körperteile verschmelzen auf den Tafeln zu ganzen Körpern, wobei diese manchmal schlicht und real anmuten, dann wieder monströse, surreal-fantastische Schöpfungen sind. Mit viel Fantasie hinterfragt She She Pop in diesen szenischen Bildern nicht nur stereotype Geschlechter- und Alterskategorien, sondern ganz konkret auch die Herstellung und unsere Wahrnehmung von Bildern.

Wie es der Titel «50 Grades of Shame» bereits andeutet, hat sich das Kollektiv für die neue Performance das Thema Scham vorgeknöpft, wobei Frank Wedekinds Pubertätsdrama «Frühlings Erwachen» und der erotische Bestseller «50 Shades of Grey» als Grundlage dienen. Mit einer Mischung aus Predigt und klassischem Frontalunterricht wolle man, so die eingangs formulierte Absicht, der «mühevoll angesammelten» Scham zu Leibe rücken, und zwar mit dem Ziel, diese zu überwinden. In 12 Lektionen loten die sieben Performerinnen und Performer unterschiedliche Aspekte von Scham aus, zeigen auf, wann diese überhaupt ins kindliche Bewusstsein tritt und wie stark sie uns einschränkt bei der Auseinandersetzung mit unseren eigenen Körpern.

Als Urgefühl von Scham entlarvt She She Pop eine innere Stimme, die da flüstert: «Ich passe nicht hinein.» Gleichzeitig zeigt die Performance-Truppe mit ihrem Bilderreigen von zusammengesetzten, überblendeten Körpern, dass aufgrund der menschlichen Vielfalt eigentlich niemand wirklich hineinpasst – weswegen wir es doch alle auch wieder tun. Ein tröstliches Gefühl am Ende eines Performance-Abends, der durch seine Machart besticht, einen aufgrund der Informationsdichte und Bilderflut aber auch ein wenig überfordert. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2017, 17:29 Uhr

Artikel zum Thema

Schein oder nicht Schein

Dieser Hamlet ist eine Nervensäge - und das ist Absicht in der Inszenierung von Boris Nikitin am Festival Auawirleben. Mehr...

Das Archiv atmet

Die dänische Performerin Mette Ingvartsen denkt am Festival Auawirleben über den nackten Körper auf der Bühne nach, inklusive Orgasmus-Chor und Orgien-Nachbau. Erregend ist das – für den Geist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Eiserne Erziehung

KulturStattBern Keinzigartiges Lexikon: Folge 26

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Aufgeplustert: Straussen-Küken erkunden beobachtet von der Henne «Muenchi» ihr Gehege im Allwetterzoo Münster.(27. Juni 2017).
(Bild: Friso Gentsch) Mehr...