14 Angestellte, 1 Chef, 1 Ratte
Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 21.09.2011 1 Kommentar
Und dann kommt der Moment, an dem man sich fragt, ob es das war. Eine gefühlte Halbzeit ist vorbei, und der Angriff aufs System ist verpufft im Ungefährlichen. Versprochen war eine «Entlarvung» des Angestelltenlebens als «Deformationsprozess», ein Stück über den «Dauerstress der Anpassung an die Ideologien des Kapitalismus». Und hatte nicht Sibylle Berg höchstselbst gesagt – es ging um ihr letztes Stück «Nur Nachts» –, sie sei das zynische Gewitzel und das Splattertheater leid und wolle sich nun ernsthaft um Gesellschaftskritik kümmern?
Ihr neuer Streich heisst «Hauptsache Arbeit!», das Stadttheater Bern zeigt die Schweizer Erstaufführung, und wenn nicht alles täuscht, dann kommt dieser Abend so lange nicht in Fahrt, wie es eben darum geht: Die Sache mit der Arbeit scheint dem Stück bloss aufgesetzt, vorangestellt wie eine überlange Einleitung, bevor das eigentliche Thema beginnt. Es heisst: Das Leben ist scheusslich.
Also, die Versuchsanordnung der Groteske: Klassenkampf auf einem Partyboot – der Betriebsausflug einer Versicherungsfirma als Entlassungsrunde, dirigiert von einer Ratte, die als Motivationscoach tätig ist. Das Stück verlangt ein Ausflugsschiff, und Regisseurin Antje Thoms, die am Stadttheater zuletzt Frischs «Andorra» und Ibsens «Hedda Gabler» inszenierte, hat eines bauen lassen, fast im Massstab 1:1 (Bühne: Steffi Wurster). Auf dem Oberdeck beginnt das Firmenfest, und hier wird das Selbstverwirklichungsversprechen des Spätkapitalismus als hohle, zynische Phrase enttarnt.
Fiese Spiele, böser Witz
Aber was heisst enttarnt – das macht der Kapitalismus selber. Dass der bunte Abend mit «paardynamischen Spielen» bloss eine Downsizing-Massnahme ist, das erklärt der Chef am Anfang schon (Philipp Hagmann, betörend in seiner unangestrengten Menschenverachtung): «Die Gewinner werden ihren Arbeitsplatz behalten. Für die anderen heisst es, die Möglichkeiten, die neue freie Kapazitäten bieten, mit Freude anzunehmen.»
Die Angestellten sagen zwar manchmal Schafherdensätze wie «Ich habe Spass am Kundenkontakt». Aber dass die Abarbeitung von Schadenersatzansprüchen zwischen Kaffeemaschinen und Kollegen, die sich kaum von den Kaffeemaschinen unterscheiden lassen, nichts mit der Verfeinerung des Ich zu tun hat, sondern mit dessen Verödung – ebenso klar. «Ich habe, mal ganz im Vertrauen, keine Ahnung, was ich mache», sagt die verschupft-automatenhafte Sachbearbeiterin (Milva Stark). Und wer es noch nicht gemerkt hat, der hört es von der Motivationsratte, die eigentlich eine Demotivationsratte ist (Stefano Wenk, so furios wie cool): «Ein Leben kann doch nicht in einem Grossraumbüro stattfinden, es müsste da eine Belohnung geben, habt ihr gedacht. Und dann kommt da: nichts.» Weil es kein richtiges Leben gibt im falschen, selbstverständlich. Erst recht nicht, wenn man sein Leben einer Firma verkauft und seine Person mit Haut und Haar dazu.
Bergs böser Humor reicht zwar für alle hier. Aber was sich auf dem Papier gut liest, als griffige Kritik an einer Ökonomie, die den Menschen individuelle Erfüllung verspricht und nichts anderes zu bieten hat als universelle Entfremdung – dieses Pulver zündet nicht. Vielleicht liegt es daran, dass alles viel zu schnell gesagt ist. Dass dem Personal die kritischen Pointen bloss wie Zettelchen angehängt werden. Oder dass die Inszenierung den Rest möglicher Irritation zunächst untergehen lässt in schwammigem Massenklamauk mit vierzehn Angestellten, einem Chef und einer Ratte. Das ist milde Satire, mehr nicht.
Partyboot wird Totenfloss
Und nun ist sie da, die Frage, wohin das führen soll. Das ist allerdings auch fast der Moment, da sie sich erledigt, denn schon geht es zügig in die Hölle. Irgendwann, so scheint es, war es für Berg dann auch genug mit dem kapitalismuskritischen Anspruch, sodass sie sich ihrem Kerngeschäft zuwenden konnte: der skandalösen Trostlosigkeit des Menschseins überhaupt. Während auf dem Firmenfest die Krawatten und die Gesichter immer ärger verrutschen, stürzt mit dem besoffenen Örgelchen des Alleinunterhalters (Michael Frei) auch die ganze Gesellschaft ab ins Unterdeck. Hier erst wird es richtig schlimm und auch richtig lustig, hier erst kommt das Stück bei den Figuren an. Das Fräulein Sachbearbeiterin leckt Erbsenmus von einer Fensterscheibe, der Kollege sitzt schon ewig onanierend im Fernsehzimmer, der Chef vögelt Angestellte, die Plastiksäcke auf den Köpfen tragen («Glauben Sie, mein Leben ist Spass?»), während sich nebenan die Büroschafe mit Stromschlägen quälen. Eine grelle Orgie aus Hass und Selbsthass mit Explosionen am Laufmeter, und die Inszenierung bringt sie in den engen Kabinen unter Deck laut genug zum Knallen.
Gesellschaftskritik? Schade ums Projekt. Aber so schön wie Sibylle Berg weidet sonst niemand das Elend des ganz normalen Lebens aus. Einer bricht weinend zusammen, weil er seine Mutter ins Pflegeheim abgeschoben hat, einer wünscht sich einen Flammenwerfer «zum Ausbrennen dieser selbstgerechten Gesichter» jeden Morgen auf dem Bus. Was sich diese Leute aus dem Leib kotzen, hat mit der Arbeit nichts zu tun: Es ist die Enttäuschung über ihr schäbiges Dasein und die Angst, dass aus ihren grossen Wünschen nie mehr etwas wird.
Sie fürchten sich zu Recht, das Partyboot wird noch zum Totenfloss. Überlebende am Ende: die Ratte, naturgemäss geübt im Verlassen sinkender Schiffe. Und jene beiden Angestellten, die sich früh genug ins Raucherzimmer abgesetzt haben. Adam und Eva, und sie rauchen gern: So viel Trost muss sein. (Der Bund)
Erstellt: 19.09.2011, 09:10 Uhr
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1 Kommentar
Ich war auch drin und fand’s oft langweilig. Tolles Bühnenbild, raffinierte Effekte, aber als Schauspiel schwach (zudem haperte es manchmal mit der akustischen Verständlichkeit). Lag‘s an der Inszenierung? Auch „Hedda Gabler“, Regie ebenfalls Antje Thoms, geriet auf der Vidmar-Bühne nicht halb so eindrücklich, wie Ibsen’s Textvorlage verspricht. Antworten
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