Störende und verstörende Amazonen

In der Kunsthalle Bern hält eine feministische Burschenschaft Einzug. In der Ausstellung «Angst vor Angst» schaffen Verena Dengler und Jill Mulleady mit unterschiedlichen Mitteln beklemmende Stimmungsräume.

Unter Hyänen und Verbindungsdamen: Blick in den Kosmos von Verena Dengler.

Unter Hyänen und Verbindungsdamen: Blick in den Kosmos von Verena Dengler. Bild: Gunnar Meier

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Was haben sie nur gemeinsam? Ein Video über eine «Radical Chic Academy» an einer Kunsthochschule, Kinderkleider aus dem Luxussegment und auf den Sockel gehobene Milchfläschchen der Marke «Rabenmutter», ausgestopfte Hyänen, Vasen mit Ginster, Porträts von Mitgliedern einer nur Frauen vorbehaltenen Burschenschaft und Erinnerungen an den Vater, einen Computerentwickler. Die 36-jährige Wiener Künstlerin Verena Dengler bringt diese Elemente mit ihren Bricolagen aus Malereien, Zeichnungen, Skulpturen und Fundstücken alle zusammen im Erdgeschoss der Kunsthalle.

Ein Kinderspiel für jemanden, dessen Alter Ego «Jackie of All Trades» lautet, frei übersetzt: eine Hanna Dampf in allen künstlerischen Gassen. Als Mitglied der tatsächlich existierenden Burschenschaft «Hysteria» hat sie eine Mission, entert gleichsam als «Kunst-Guerilla» Codes und Symbole einer patriarchalisch-rechtsradikalen Bastion und wendet diese gegen sie. Die ausschliesslich weiblichen Mitglieder tragen Uniformen mit einer knallroten Studentenmütze, die Hyäne ist ihr Wappentier – und sie mischen schon mal einen Akademikerball in Wien mit auf. In Bern hat Dengler eine Mitreiterin, die Künstlerin HC Playner, eingeladen, den Hauptraum zu bespielen. Mit Forderungen wie «Männer an den Herd» oder «Hodenamputation bei Ausbleiben des weiblichen Orgasmus» dreht sie den Spiess um und diskriminiert nun die Männer. Politischer Aktionismus und Satireprojekt gehen hier Hand in Hand.

Radikal modisch sein

«Radical Chic» ist ein Schlüsselbegriff für diese künstlerische Auseinandersetzung. Der amerikanische Autor Tom Wolfe prägte ihn den frühen 1970er-Jahren und beschrieb damit das Phänomen, dass saturierte Bildungsbürger die radikale Black Panther Party unterstützten – ein modisches Spiel im diffusen Grenzbereich von Lifestyle und politischem Engagement. An der Kunsthochschule Genf, wo Dengler zwei Jahre unterrichtete, unterzog sie ihre Studenten einem austobenden «Drill», der lustvoll in Zonen des Nonsense vordrang und die Jungkünstler dazu befähigen sollte, als radikale, politische und gleichzeitig für den Markt attraktive Kreativunternehmer erfolgreich grosse Kunst zu produzieren.

Nicht zu Hause im eigenen Leben

In ihrer Berner Ausstellung lässt sich im «Mutterraum» ihre Strategie am ehesten nachvollziehen. Das Phänomen «Regretting Motherhood» – das öffentlich artikulierte Bedauern darüber, Mutter geworden und nun in dieser Rolle gefangen zu sein – übersetzt und kommentiert Dengler in eine smarte, wenn auch an etwas plakative Rauminstallation mit Babykleidern aus dem Luxussegment. Sabberlätzchen von Versace oder miniaturisierte Insignien des Hipstertums eines israelischen Labels sind wie in einem Showroom ausgelegt neben den Milchfläschchen mit dem Aufdruck «Rabenmutter» (ursprünglich Merchandisingprodukte einer Ausstellung in Linz) und Einkaufstüten von Luxuslabels – eine Reverenz an die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury, die bekannt geworden ist dafür, Marken-Fetischismus als Kunst und umgekehrt zu betreiben.

Mit der im Untergeschoss ausstellenden Jill Mulleady (geboren 1980) verbindet Dengler die Fähigkeit, Stimmungsräume zu schaffen, deren Grundton ein Gefühl der Verstörung ist. Mulleady allerdings malt Ölbilder auf Leinwand. Neben Alltagsrealismus – eine gefüllte Geschirrspülmaschine oder ein Stillleben mit Utensilien auf dem Küchentisch – dominieren surreal-träumerische Tableaux vivants mit Figuren, die in ihrem Leben nicht zu Hause scheinen und an alte Meister oder mit ihren starren Physiognomien an Max Beckmann und Otto Dix erinnern.

In einer Bar der verlorenen Seelen sind drei Frauen zu sehen, räumlich eng nebeneinander und doch in Parallelwelten lebend: Eine wartet allein an einem Tisch, eine andere starrt wie hypnotisiert in die Ferne, während die dritte an Jeanne d’Arc erinnert und sich gegen ein amorphes Ungeheuer zu behaupten versucht. Einen Kampf mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmitteln – die eine gewappnet mit Ironie, Guerilla-Taktik und Maskeraden des Unernstes, die andere mit einer Legierung aus Realismus und Imagination – scheinen beide Künstlerinnen als in die «Schlacht» ziehende Kunst-Amazonen auszufechten.

Bis 23. Juli. Sonntag, 16 Uhr: Lesung der Schriftstellerin Stefanie Sargnagel. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2017, 18:31 Uhr

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