Kunst als Kontrastmittel

Frische Farbe im grauen Rüssel: Beim experimentellen Kunstprojekt Transform in Holligen ist Halbzeit.

Hinsehen, einsaugen und experimentieren: Sonja Kretz quartierte sich eine Woche lang in Pino's Pokalladen ein.

Hinsehen, einsaugen und experimentieren: Sonja Kretz quartierte sich eine Woche lang in Pino's Pokalladen ein. Bild: zvg

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«Erholung ist die Mutter der Kreativität»: Diese Worte klebten letzte Woche auf ­einer heruntergelassenen Store an der Berner Schlossstrasse. Die Weisheit aber stammte nicht etwa von der Künstlerin Nomi Villiger, die sich im Kiosk dahinter eine Woche lang künstlerisch inspirieren lassen wollte, sondern von der Laden­besitzerin selbst. Der Kiosk Irina ist einer von insgesamt 13 Aktionsorten von Transform, dem Kunstprojekt, das in der Vergangenheit schon Licht in verlassene ­Industrieräume und Entschleunigung ins busbefahrene Bollwerk brachte.

Für seine fünfte Ausgabe haben Julia Haenni, Franz Krähenbühl, Philipp Leimgruber und Lukas Gerber ihren Versuchsballon nun noch weiter ausgedehnt und ein ganzes Quartier zum Spielplatz für ­interdisziplinäre Experimente erklärt. Und da muss sich die Kunst zuweilen eben auch mit speziellen Öffnungszeiten arrangieren. Villiger baute kurzerhand einen eigenen, mobilen Kioskstand und verkaufte stellvertretend für Irina Zigarren, Kaugummis und Tee – und lauschte, was das Quartier ihr erzählte.

Auch dieses Jahr gelingt es Transform wieder, die Kunst als Kontrastmittel des Alltags einzusetzen. Seit drei Wochen bringen noch unbekannte und bekannte Kulturschaffende wie Nicolette Kretz, Sandra Künzi oder Philippe Heule Farbe in ein Quartier, das jedes neue Bauprojekt nur noch trostloser zu machen scheint: Holligen. Spuren hinterlassen haben in den ersten von insgesamt sechs Wochen aber nicht nur die sichtbaren Dinge wie die überlebensgrosse goldene Peperoni, die nun im Restaurant AS auf der Vitrine thront oder der akkurate Bartschnitt von Wanja van Suntum, der eine Woche bei Amer’s Hair Style ­verbrachte.

Ungewöhnliche Leihgabe

Die Idee von Transform passt in eine Zeit, in der die Kunst ihre Langzeitbeziehung mit der Institution aufgibt und sich in eine wilde Affäre mit dem Leben stürzt – mitten auf der Strasse, in Privatwohnungen oder auf Instagram. So ging der letztjährige Turner Prize erstmals an ein Kollektiv, das unter anderem eine verrottete Tankstelle in London in ein Kino mit goldenem Vorhang verwandelt hatte. Und die kommende Manifesta in Zürich will die Kunst mit der Arbeitswelt der Stadt kurzschliessen. Dass ein so ­offener Kunstbegriff nicht überall auf der Welt selbstverständlich ist, zeigt zum Beispiel der Blick nach China, wo nach wie vor die Partei bestimmt, was Kunst sein darf.

Was herauskommt, wenn Künstler die Möglichkeit haben, einfach hinzusehen, einzusaugen und zu experimentieren, kann die Öffentlichkeit in Bern jeden Freitag erleben. In den letzten Wochen zog durch den grauen Rüssel zwischen Lory- und Europaplatz jeweils eine Traube von bis zu 60 Leuten. Von Da Pino’s Pokalladen über das Curryhouse bis zu Ruedi-Sport: Wo Künstler, Musiker, Theatermacher und Performer bewusst ohne Konzept einziehen, kann die Qualität der Ergebnisse schwanken. Doch auch wenn auf den Rundgängen die Überlegungen der Kulturschaffenden nicht immer ganz klar wurden, ist auf diesem Nährboden zwischen Hochhaus und Tramgleis viel Überraschendes und Denkanstössiges entstanden. Zum Beispiel von Philippe Heule, der – während er auf einem Crosstrainer schwitzte – im Fit Life Center einen äussert vielschichtigen sprachlichen Wasserfall über die «ahnungslose muskulöse Masse» und «die gebrochene Figur vor dem Spiegel» herausschnaufte.

Oder Sebastian Utzni, der im Berner Bildungszentrum Pflege eine einmalige Leihgabe enthüllte: ein Blumengesteck aus dem Eingangsbereich des Berner Kunstmuseums, samt Bistrotisch. Ein Tausch, der eine ganze Woche Organisationsarbeit erfordert hatte: «Ich musste das Projekt und meine Idee immer wieder neu erklären» – vielleicht geht es bei Transform auch nicht zuletzt um die Frage nach der Legitimation von dem, was man als Künstler eigentlich tut.

Ohne die «Versuchsanordnung Nr. 5» hätte man ausserdem nie erfahren, durch welchen Zufall der Pakistani Hashmi zu seinem Curryhouse gekommen ist und warum Pino, der Pokalladenbesitzer, als er in den 60er-Jahren in der Schweiz aus dem Zug stieg, als Erstes sagte: «Porco diavolo, wo sind wir gelandet?». Transform beweist nicht nur, dass die Kunst ein Kopf mit vielen Gesichtern ist, sondern auch, dass sie Schicksale sichtbar machen kann. Und das ist in Zeiten von zahllosen Menschen auf der Flucht und rechtspopulistischem Zulauf so wichtig wie lange nicht mehr.

Noch bis 11. März. Öffentliche Rundgänge zu den Aktionsorten jeden Freitag um 18.30 Uhr, Treffpunkt Loryplatz. In den nächsten Wochen unter anderem mit Rob Aeberhard (Fitzgerald & Rimini), Dominik Blumer (u.a. Filmmusik für «Heimatland»), Christine Hasler (Lia Sells Fish) und Anna-Lena Fröhlich (De Rothfils). (Der Bund)

(Erstellt: 23.02.2016, 08:02 Uhr)

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