Standhaft auf verlorenem Posten

Alles gut auf Trummers neuem Album «Loryplatz», wo die Welt im Treppenhaus untergeht. Wenn da nur nicht diese Sirenen wären, denen der Liedermacher einfach nicht entkommt.

«Wie schiffbrüchig uf dr Insel, stahni am Loryplatz und warte ufs Schiff am Horizont»: Während neun Jahren hat Trummer am Loryplatz gewohnt.

«Wie schiffbrüchig uf dr Insel, stahni am Loryplatz und warte ufs Schiff am Horizont»: Während neun Jahren hat Trummer am Loryplatz gewohnt. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er gehört zu den wenigen, die sich auf die Parkbänke am Loryplatz setzen, diesem Dutzendplatz, den der Kreisel noch gesichtsloser gemacht hat. Zwei Tram- und eine Buslinie haben dort ihre Haltestellen. Doch Trummer wartet weder aufs Tram noch auf den Bus. Er hockt da, als hoffe er, dass die eine wieder auftaucht. Jene, die er gerade verloren hat oder die andere, die neu sein Herz besetzt. Da sitzt er also fest in diesem Niemandsland, wo die Alltäglichkeit ihren eigentümlichen Charme offenbart, wenn man – wie Trummer – nur lange genug wartet. Dann fallen ihm Zeilen zu wie jene aus dem Titelsong seines neuen Albums «Loryplatz»: «Wie schiffbrüchig uf dr Insel, stahni am Loryplatz und warte ufs Schiff am Horizont.»

So wie er dort ausharrt, erinnert der Berner Liedermacher ein wenig an den standhaften Zinnsoldaten. Neun Jahre hat er am Loryplatz gewohnt, hat all die unspektakulären Veränderungen mitbekommen, wie zum Beispiel mit dem Fahrplan auch die Anwohner wechselten, oder wie das Neonlicht der Tankstelle die Nacht ausblendet. Trummer, der unaufgeregte Beobachter, geht mit ebenso wachen Augen und Ohren durch die grosse wie durch die kleine Welt. Weit ist er herumgekommen; seine Erfahrungen hat er auf dem letzten Album «Heldenlieder» (2014) verarbeitet. Parallel zu jenen Songs aus der grossen weiten Welt sind während der letzten Jahre noch eine Reihe Songs aus dem kleinen Kosmos entstanden.

Schlachtfeld Liebe

Noch dichter und kompakter als die «Heldenlieder» sind diese 13 Nummern. Als unerschrockener Grenzgänger zeigt sich Trummer auch auf «Loryplatz». Es sind allerdings nicht jene Grenzen, für deren Ausforschung es vor allem Mut braucht. Der 36-Jährige reibt sich an jenen, die zu akzeptieren oder zu überwinden am schwersten fällt: das Ende einer grossen Liebe samt der Aussichtslosigkeit, sich wiederzufinden. Da sind mächtige Abgründe, und Trummer weiss denn auch um die Gefahr, sich dort im Pathos zu verlieren und dreht drum auf allen Ebenen zurück. Keine grossen Worte fallen da. Die Welt geht im Treppenhaus unter, wenn die eine die Wohnungstür aufmacht, aber die Sicherheitskette nicht löst. «Falls du no öppisch seisch, bitte lueh mi a» – verzweifelter gehts kaum mehr.

Der Opener, das «Soldatelied», nimmt mit seiner Verlorenheit die Stimmung des ganzen Albums vorweg. Unendlich ist da die Erschöpfung zweier Soldaten, die auf dem Schlachtfeld der Liebe nicht aufgeben. «All mini Waffe lige hie vor Dir im Dräck» heisst es da in dieser wunderbar leisen Kapitulationshymne. «Arm i Arm wie zwöi müedi Soldate, i däm Chrieg wo niemer gwinnt.» Als Ritter der traurigen Gestalt, der sich längst seiner Rüstung entledigt hat, torkelt Trummer weiter. Da ­outet sich der Geliebte von Maria Magdalena, der bei der Sünderin Erlösung sucht. Doch die Wunden werden kaum sichtbar, denn Trummer spart viel aus. Himmeltraurigschön sind die Balladen, weil da einer auch auf verlorenem Posten die Romantik nicht entsorgt, sie aber gekonnt minimiert, so wie er das Ausmass der Katastrophe nie ausformuliert.

Und bei so viel kunstvoller Reduktion will auch die Musik nicht aufgedreht werden. Seine bewährten drei Recken Robert Aeberhard (Bass), Nik Keusen (Tasten) und Muso Stamm (Schlagzeug) begleiten Trummer, der sich noch nie als Texter und Songschreiber so überzeugend gezeigt hat wie in diesen neuen Liedern. Auch die drei Musiker halten sich zurück, sparen viel aus, leisten sich da eine wehmütige Orgeleinlage, dort ein bisschen übermütigen Chilbisound und überraschen auch mal tiefgekühlten Swing. Noch dringlicher als auf dem letzten Album wirkt dieser Sound: Stil- und selbstsicherer treten die vier zusammen auf – da muss nicht mehr demonstriert werden, was man alles kann: Die einsame Gitarrenlinie weiss um ihre Magie, das Klavier um seine Verführungskunst, das Schlagzeug um seine Schonungslosigkeit.

Und alles wäre gar wunderbar, wenn da nur nicht diese Sirenen wären, von denen Trummer nicht loskommt und die auch auf den früheren Alben herumgeistern. An den Stimmen von Nadja Stoller und Sarah Widmer gibts grundsätzlich nichts auszusetzen, nur mischen sie sich in zu viele Songs ein, und ihr klarer, heller und allzu frischer Gesang beschädigt die schwermütige Stimmung teilweise schwer. Und er passt so gar nicht zu Trummers eigentümlicher Stimme, die immer ein wenig am Ende scheint und erschöpft wirkt. Gleichzeitig ist da aber in seiner Betonung dieses kleine Aufbäumen, das seinen Gesang so unverwechselbar und die schleppende Müdigkeit so berauschend macht.

Vielleicht lässt sich Trummer ja an den Mast binden, wenn das Schiff am ­Loryplatz doch noch auftaucht und ­segelt für das nächste Album ohne ­Sirenen ins Studio.

«Loryplatz» (Endorphin) kommt heute in die Läden. Konzerte: 24.10. Schlosshof Köniz, 14.11. Chrämerhuus Langenthal, 11.12. La Cappella, Bern. (Der Bund)

Erstellt: 02.10.2015, 08:39 Uhr

Artikel zum Thema

War der kaputte Markt je ganz?

Video Wie kann der Einstieg in die Schweizer Musikindustrie gelingen? Rückblick auf das «Der Bund im Gespräch» mit Endo Anaconda, Roman Camenzind und Christoph Trummer. Mehr...

Geheim-Band mit Kassette

Ein junge Hamburger Band macht Musik zum Geschehen: Trümmer. Mehr...

Kommentare

Blogs

KulturStattBern Vergnüglicher Musical-Schabernack

Von Kopf bis Fuss Mit Selbstliebe an die Spitze

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Feuer frei für Feuerwerk: Wenn die Griechen auf Hydra die Seeschlacht gegen die Türken vom 29. August 1824 nachspielen, versinkt die türkische Flotte mit viel Schall und Rauch im Meer (24. Juni 2017).
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...