Songs, die das Jahr 2016 überdauern

Trotz eines regelrechten Popstar-Massensterbens hat das Jahr 2016 ganz erspriessliche neue Musik hervorgebracht. Achtzig Songs, die uns im auslaufenden Jahr aufgefallen sind.

Die New Yorkerin Kelsey Lu hat uns  eine der schönsten Dream-Pop-Nummern des Jahres beschert.

Die New Yorkerin Kelsey Lu hat uns eine der schönsten Dream-Pop-Nummern des Jahres beschert. Bild: zvg

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Die Jahresbestenlisten 2016 ähneln sich allesamt verdächtig. Wir haben versucht, den Blick ein bisschen zu weiten, haben Abertausende von Neuerscheinungen durchgehört – von Togo bis Kanada, von Biel bis São Paulo, von Frankreich bis Neuseeland – und die Perlen des Jahres herausgepickt. Das stilistische Spektrum reicht von Elektro-Gospel über die gute alte Mörderballade bis zum alpinen Dub und dem äthiopischem Metal. Beyoncé wird man hier ebenso wenig finden wie Rihanna oder Neues von Bon Iver. Es gibt keine Auto-Tune-Effekte und keine Plastikstimmen. Dafür achtmal zehn Lieder, die das Herz wahrhaftig erschüttern.


Teil 1 von 8
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1. Warhaus – «The Good Lie» Auf keinem anderen Album des Jahres 2016 vermengten sich Dekadenz, Brünstigkeit und abgetakelte Coolness trefflicher als auf dem Tonwerk «We Fucked a Flame Into Being» der belgischen Gruppe Warhaus. Es gäbe auf dem Soloalbum des Balthazar-Sängers Maarten Devoldere und seiner sonderbaren tanzenden Blondheit jede Menge andere Nummern, die hier auf dem ersten Platz stehen könnten. Wir haben uns für «The Good Lie» entschieden mit der tätowierfähigen Textzeile: «The best illusions that we make / Are the ones that we don’t fake.»


2. Mister Milano – «Zecchino d’Oro» Die beste italienische Platte des Jahres kommt ausgerechnet aus Biel. Das Puts-Marie-Nebenprojekt vermengt italienischen Kitsch und ostdeutschen Orgelbombast zu einer ernsten, psychedelischen Discomusik. Umwerfend.


3. Liima – «Amerika» David Bowie ist deshalb nicht auf der Liste der besten Songs 2016, weil wir seine Vorab-Single «Lazarus» bereits im letzten Jahr gefeiert haben. «Amerika» von Liima ist ein Song, der klingt, als würde sich der verstorbene Meister völlig berechtigterweise betrübliche Gedanken über sein Heimatland machen. Doch das Meisterwerk stammt aus Dänemark, wo sich die Musiker der Gruppe Efterklang zur neuen Band Liima formiert haben.


4. Sleaford Mods – «I Can Tell» Und was war eigentlich mit den Briten los? Die grossen Hype-Bands sind nicht zu uns gedrungen, und die Musiker machen sich nach dem Brexit berechtigte Sorgen, dass der Musikexport künftig etwas beschwerlicher vonstattengehen könnte. Zum Glück hatten wir 2016 die Sleaford Mods, welche die musikalische Ökonomie zelebrierten. Ein schmuckloser Beat und rhythmischer Schimpfgesang: Das sind die Ingredienzen, mit denen das britische Duo der Welt den Unmut des britischen Proletariats um die Ohren haut. Ist das noch Hip-Hop oder schon Punk? Egal. Es ist grandios.


5. Vaudou Game – «Don’t Go» Höchst produktiv waren 2016 die Afrikaner. Der Afrobeat boomt weiterhin auf der ganzen Welt, der Ethio-Jazz ebenso, dementsprechend viele Alben erschienen zu diesen Themen. Und es gab Bands, die alles miteinander vermengten. Nennen wir es tanzbaren Voodoo, was die Gruppe Vaudou Game aus Togo uns auftischt. Highlife wird mit afrikanischem Funk verrührt, Voodoo-Musik mit Juju, Afrobeat mit Ethio-Jazz. Eine der muntersten afrikanischen Platten des Jahres.


6. Fil Bo Riva – «Killer Queen» Das Jahr 2016 könnte man auch mit «Die Rückkehr der Schmirgelstimmen» übertiteln. Fil Bo Riva hat in dieser Disziplin mit «Killer Queen» das Paradestück geschaffen. Wir hören hier den klagenden Blues eines Italieners, der in Dublin aufgewachsen ist und nun von Berlin aus die Welt erobert.


7. Silva ft. Marisa Monte – «Noturna (Nada de novo na noite)» Und die Brasilianer? Das Land ist nach den Olympischen Spielen definitiv in die Krise geschlittert. Der neue Präsident ­Michel Temer wollte als eine der ersten Amtshandlungen den Kulturetat streichen, wurde jedoch vom wütenden Volk zurückgepfiffen. Der Slogan «Fora Temer» («Temer raus!») wird nun an jedem Konzert vielmundig skandiert. Die Aufmüpfigkeit der Künstler hat sich indes noch kaum auf die Musik ausgewirkt. Diese Meditation auf die Nacht ist das schönste Lied, das uns 2016 aus Brasilien erreicht hat. Es stammt vom jungen Liedermacher Silva, der ein ganzes Album seiner Muse Marisa Monte gewidmet hat. Für dieses kurze, unscheinbare Wunderstück hat er sie gleich leibhaftig ins Studio geholt. Ein Segen.


8. Melt Yourself Down – «The God of You» Das Saxofon hat 2016 ein ungeahntes Revival in der Popmusik gefeiert. Diese Entwicklung mag ebenfalls von David Bowie mitbegünstigt worden sein, der sein letztes Album mit einer jazzgeschulten Band eingespielt hat. Doch zu einer ekstatischen Vermengung von Postpunk, rauem Jazz, Afro-Getrommel und Funk hätte er sich dann doch nicht hinreissen lassen. Die Londoner Band Melt Yourself Down übernimmt.


9. Kelsey Lu – «Dreams» Man muss sich dieses Stück mit dem Erdulden eines fast dreiminütigen Intros verdienen. Was sich danach offenbart, ist Traum-Pop von einer Schönheit, wie wir sie letztmals von einer Band wie Cocteau Twins vernommen haben. Und das ist nun auch schon über dreissig Jahre her. Die New Yorkerin ist eine der erfreulichen Entdeckungen des Jahres.


10. Durand Jones & The Indications – «Make a Change» In der Soulmusik waren 2016 zwei Entwicklungen auszumachen. Grosse Begeisterung herrscht allerorts darüber, dass sich Sängerinnen wie Beyoncé oder Rihanna auf ihren neuen Alben zu politischen Statements haben hinreissen lassen und mit einigermassen tauglichen Produzenten ins Studio abgebogen sind. Sogar der Umstand, dass sich Alicia Keys nicht mehr schminken mag, wurde 2016 landläufig als politisches Statement gewertet. Nach Plastik klingt das alles aber immer noch. Die künstlerische Brisanz bleibt im Ungefähren. Andere verzichten konsequent auf Plastik und entsinnen sich an die Vintage-Ästhetik ihrer Vorfahren. So zum Beispiel der junge Durand ­Jones und seine Band. Was da klingt wie Soul aus den tiefsten Sechzigern, ist das Werk einer Studenten-Viererschaft einer Musikschule aus Indiana. Dieses kunstvoll auf Retro getrimmte Debüt-Album gehört zu den eindrücklichsten Soul-Alben des Jahres 2016.


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(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.12.2016, 08:50 Uhr

Die Songs auf Spotify

Die Songs finden Sie auf Spotify als Playlist zusammegestellt. Neben den ausgewählten Songs finden Sie in dieser Liste zusätzliche Lieder, die es nicht in die Top 80 geschafft haben.

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