«Es gibt kaum mehr Produzenten, die Risiken eingehen»

Er möchte nicht beschönigen, er will ehrlich sein. DJ Soulsource ist alles andere als begeistert über die kontemporäre Drum ’n’ Bass Szene.

DJ Soulsource

DJ Soulsource Bild: zvg

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Der Drum ’n’ Bass gilt als letzte grosse Innovation der Musikgeschichte. Seine Erfindung liegt nun aber auch schon über 25 Jahre zurück. Wie würden Sie seinen Zustand beschreiben?
Ich will da gar nichts beschönigen. Es findet derzeit eine Verwässerung statt. Es gibt eine sehr kommerzielle Seite des Drum ’n’ Bass. Rudimental läuft mittlerweile als Sound-Tapete in Restaurants, und niemand stört sich daran. Es gibt kaum mehr Produzenten, die Risiken eingehen, niemand will mehr Vorreiter sein, es wimmelt von Mitläufern. Und auch in den Clubs fehlt der Mut: Als Headliner werden seit Jahren immer die gleichen zehn DJs gebucht.

Das klingt resigniert. Was ist aus der Revolution von einst geworden?
Sie ist abgeebbt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie kreativ diese Szene einst war. Wie wir Tränen in den Augen hatten, als beispielsweise die Brasilianer ins Geschehen eingriffen und uns ihre ganz eigene Idee des DnB um die Ohren hauten. Solche Momente vermisse ich. Wenn ich heute an eine Party gehe, weiss ich nach einigen Tracks, was mich den Rest des Abends erwarten wird.

Und der Underground?
Den gibt es nicht. Neues wird kaum mehr ausprobiert, und es gibt kaum mehr Labels, welche die Perlen aus dem ganzen Mist ziehen. Um etwas spannendes Neues zu entdecken, gräbt man sich heute durch einen riesigen Berg an Schlechtigkeit. Aber das ist ja nicht bloss im DnB so.

Es gibt also auch keine neuen Trends innerhalb des Genres?
Lustigerweise ist es der Dubstep – also eine Folgeerscheinung des DnB – der das Genre gerade neu befruchtet. Das Sterben des Dubstep hat zur Folge, dass die Szene derzeit wieder grösseren Zulauf erfährt. Der DnB ist ohnehin so etwas wie der Heimathafen, in den all die enttäuschten Trend-Hopper immer wieder zurückkehren. Vieles kommt, genauso vieles vergeht wieder – doch DnB hat sich über all die Jahre gehalten.

Sie waren als DJ dabei, als in den Neunzigern mit Jungle ein neuer Stil aus England zu uns rüberschwappte und den DnB vorwegnahm. Was hat Ihr Interesse über all die Jahre wachgehalten?
Es ist eine ungemein physische Musik, die den Raum und den Körper erobert. DnB mit bloss 93 Dezibel, das geht nicht. Und man geht auch nicht an eine DnB-Party, um zu plaudern. Ich mag die Verbindung zwischen den langsamen, tragenden Bässen und den vorwärtstreibenden Beats, das ergibt ein sehr offenes musikalisches Gerüst. Und es ist eine Musik, die polarisiert. Entweder man mag sie, oder man hasst sie.

Am Wochenende treten Sie mit zwei sehr alten Helden des Genres auf. DJ Patife war der erste, der Samba mit DnB verquickte, und Suv war massgeblich am Erfolg von Roni Sizes wegweisendem Album «New Forms» beteiligt. Was haben die beiden zum Hier und Heute noch beizusteuern?
Sie spielen DnB, der nicht jedem gefallen muss. Es sind grosse Figuren und grosse Innovatoren des Genres. Patife hat den brasilianischen DnB massgeblich geprägt, und Suv hat in Bristol an der Zukunft der elektronischen Musik gebastelt, noch bevor Massive Attack aufgetaucht sind. Ich freue mich seit Monaten auf diesen Abend.

Und was hat DJ Soulsource zur Rettung des DnB beizutragen?
Ich werfe meine Erfahrung ins Rennen. Ich habe seit 1988, als ich als DJ begann, viele Musikstile in ihrer Blütezeit erlebt. Ich kann – glaube ich jedenfalls – prima zwischen Gut und Böse unterscheiden. Und ich muss nicht mehr von der Musik leben. Das ist hilfreich. Ich bin in diesen verrückten Zeiten froh um jeden, der etwas zur Clubkultur beiträgt, egal in welchem Genre. Der Spruch ist nicht von mir, aber er ist gut: «If people can dance together, people can live together.»

DJ Patife Quelle: Youtube.com (Der Bund)

Erstellt: 13.04.2017, 07:13 Uhr

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Zur Person

Andreas Wenger alias DJ Soulsource hat seine DJ-Karriere 1988 begonnen, damals noch als Hip-Hop- und Soul-DJ. Auf einer London-Reise wurde er zum ersten Mal mit Jungle und Drum ’n’ Bass (DnB) konfrontiert, die Musik mit den hurtigen, mehrfach gebrochenen Breakbeats und den tiefen Bässen hat ihn bis heute nicht losgelassen. Am Samstag, 15. April, legt er zusammen mit den Szene-Methusalemen DJ Patife aus São Paulo und DJ Suv aus Bristol auf. Die Plattenteller beginnen um 23 Uhr zu rotieren.

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