Die Jeanne d’Arc des Nordens

Musikalischer Pomp, der die Seele nährt: Die Geigerin Vilde Frang und der Pianist Aleksandar Madzar eröffnen in der Kirche Saanen das diesjährige Menuhin Festival.

Eine «fée verte» mit unglaublichen Kraftreserven: Vilde Frang.

Eine «fée verte» mit unglaublichen Kraftreserven: Vilde Frang. Bild: Raphael Faux/zvg

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Da steht sie im Chor der Kirche Saanen. Filigran, bleich, eine Fee in zartem Grün. Wenn man nicht wüsste, wer die junge Geigerin ist, man würde ihr das anspruchsvolle Programm kaum zutrauen, das angekündigt ist. Doch diese «fée verte» verfügt über unglaubliche Kraftreserven und ein Können, das sich immer noch weiterentwickelt. Es ist Vilde Frang.

Die 30-jährige Geigerin kommt aus einer Musikerfamilie aus dem hohen Norden und gilt als Naturtalent. Als Zehnjährige hat sie mit dem norwegischen Rundfunkorchester debütiert, Anne-Sophie Mutter, die erfahrene Talent-Spürnase, hat sie unter ihre Fittiche genommen. Frang räumte mehrere Echos ab. Am Menuhin Festival rangierte sie 2011 unter den «Jeunes étoiles» – als Hoffnungsträgerin. Und jetzt ist sie zurück als Artist-in-Residence und spielt drei abendfüllende Programme. Am 20. 7. mit Sol Gabetta und Nicholas Angelich, am 21. 7. mit der Camerata Salzburg. Und eben das prominente Eröffnungskonzert.

Die Ankündigung verspricht einen Sonatenabend. Doch das ist untertrieben. Hinter dem Programm verbergen sich Gipfelwerke der Kammermusik. Jedes der drei halbstündigen Stücke gibt Einblick in eine andere Seelenlandschaft. Romantisch-schwärmerisch ist der Ton in Brahms’ G-Dur-Sonate. Schuberts Fantasie in C packt als transzendenter Nachtzauber, der in einen Elfengesang über brodelnden Zickzackbewegungen mündet. Und am Schluss gehen die Schleusen auf: Die Geige verausgabt sich in überschäumenden Variationen.

Rein in die DNA der Musik

Aleksandar Madzar am Piano hält gestalterisch mit. Doch während Frang – etwa bei Schubert – mit der Geige wehmütig klagt, lamentiert, wütend attackiert und aus feinsten Klängen suggestive Farben der Sehnsucht destilliert, spielt er einfach Klavier. Solide, auch virtuos, zu Beginn etwas zu laut. Inspiration und Ausdruck aber kommen von der Solistin.

Wie sie das macht? Sie legt die Geige an die Schulter und schliesst die Augen. Es sieht aus, als wollte sie sich von jeder Äusserlichkeit verabschieden. Auch vom Publikum. Doch die Geigerin weiss, es wird ihr folgen. Sie nimmt es mit auf dem Weg ins Innere, in die DNA der Musik. Die drei halbstündigen Werke, welche sich die norwegische Künstlerin vornimmt, sind kein Programm für Leute, die Unterhaltung suchen. Es richtet sich an Kenner. Das mag für einige eine Überraschung sein. Denn das Motto des diesjährigen Menuhin Festivals verspricht «Pomp in der Musik». Wer das wörtlich nimmt, könnte darunter auch das verstehen: oberflächliche Verschmucktheit, übertriebene Zurschaustellung, musikalischer Blingbling.

Doch davon gibts nichts an diesem Abend. Im Gegenteil: Pomp wird als innerer Reichtum gelesen, als «richesse intérieure». Er fordert den Geist, nährt die Seele – und ist für die Augen unsichtbar.

Vilde Frang behauptete einmal in einem Interview, Musik sei für sie furchteinflössend. An diesem Eröffnungsabend versteht man, was sie damit meint. Die nordische Jeanne d’Arc des Geigenspiels sprach wohl von der Ehrfurcht, die sie verspürt, wenn sie sich der Musik hingibt. Jede Hingabe macht durchlässig, verletzlich. Bei Frang geschieht sie mit Intellekt und Gefühl.

Diese Mischung macht ihr Spiel auch in der Kirche Saanen so verführerisch. Zum Schluss gibts noch Bartok. Seine erste Violinsonate ist ein herbes Monstrum. Technisch halsbrecherisch, zum Hören anspruchsvoll und zuweilen ungemütlich, weil es zwischen Geige und Klavier gärt und rumort, dass man sich nie ganz sicher sein kann, was als nächstes passiert.

Nichts mehr anzufügen

Man zuckt zusammen, wenn Frang mit dem Bogen die Luft seziert, obsessiv und widerborstig. Dass man unter ihrem irisierenden Vibrato das Blut in den musikalischen Eingeweiden pulsieren sieht (Allegro appassionato). Und dann zieht sie elastisch die Klangstränge in die Höhe stufenlos, oder zerhackt sie, dass die Töne nachzittern wie Espenlaub, bevor sie verlöschen. Vilde Frang und ihr Begleiter Aleksander Madzar bewältigen den Abend mit Bravour, während sie dem Pomp im Festivalmotto mit verinnerlichten Interpretationen ein Schnippchen schlagen. Ein Glück, dass die Geigerin den Mut hat, gegen den tosenden Applaus auf eine Zugabe zu verzichten. Bartok gibt es nichts mehr anzufügen.

Das Menuhin Festival Gstaad dauert bis 2. September. Ganzes Programm unter www.gstaadmenuhinfestival.ch

(Der Bund)

Erstellt: 15.07.2017, 09:08 Uhr

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