Die Heiler vom Schattenhang

Mit dem Hang hat ein Berner Kleinbetrieb ein Musikinstrument erschaffen, das vom Schamanen bis zum Handy-Hersteller ziemlich allen den Kopf verdreht. Zeit für einen Besuch.

David, Felix, Basil Rohner und Sabina Schärer mit ihren neuen Instrumenten Pang, Gede, Gudu und Hang Bal.

David, Felix, Basil Rohner und Sabina Schärer mit ihren neuen Instrumenten Pang, Gede, Gudu und Hang Bal. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Tür zur Werkstatt ist meist abgeschlossen. Und es soll schon vorgekommen sein, dass Menschen aus purer Wut an diese verschlossene Tür uriniert haben. Manche, weil sie mit der Idee nach Bern gereist waren, ein Musikinstrument zu erwerben, um dann nach langer Anreise vor dem verriegelten Zugang aufgeben zu müssen. Neben der Tür hängt ein Schild, das darauf hinweist, dass kein unangemeldeter Besuch empfangen wird.

Andere wurden wütend, weil sie von den Werkstattbetreibern noch vor Verkaufsabschluss weggeschickt wurden. Mit dem Rat, sie sollten sich doch besser ein anderes Instrument kaufen. Heute ist es ein Asiate, der traurig von draussen durchs Fenster äugt. Auch er ist vergebens angereist. «Wir müssen eben manchmal streng sein», erklärt der Chef.

Eine Art Suchtsubstanz

Wir sind im schattigen Engehaldequartier am Sitz der Panart Hangbau AG – einem Ort, halb Atelier, halb Werkhalle, mit einer Bar, einer kleinen Ausstell- und Ausprobierecke und einem Manufakturbereich. Hier wurde bis vor kurzem das Hang hergestellt, ein Instrument, das seit seiner Geburtsstunde im Jahr 2000 die Welt erobert hat und als eine der grösseren Erfindungen dieser Stadt gilt, auch wenn längst nicht alle Bewohner davon wissen. Internationale Fernsehteams haben hier schon angeklopft mit der Idee, einen Schweiz-Beitrag zu drehen. Schwerpunkte: Schokolade, Uhren und Hang. Auch sie wurden abgewimmelt.

Um die Sache besser zu verstehen, muss man wissen, dass die beiden medienscheuen Hang-Erfinder Felix Rohner und Sabina Schärer zwei aparte Menschen sind: Freundlich im Umgang, aber durchaus eigensinnig und resolut in der Sache und in ihren Prinzipien. Auf Weltruhm und Expansion waren sie nie aus, seit sie vor 40 Jahren, unter dem Eindruck der ersten Steelbands, die von Trinidad in die Schweiz tingelten, begannen, am Blechklang zu arbeiten und diesen immerfort zu verfeinern. Sie sahen sich als Künstler, als Blechklangbildhauer, und nicht als Unternehmer, die Instrumente in Massenproduktion herstellen wollten. «Das hätte uns zerstört», sagt Sabina Schärer.

Werbung wurde nie gemacht, dennoch wollten auf einmal alle ein Hang haben. Und so kollidierte die zunehmende Nachfrage mit einem Geschäftsgebaren, das jeden Unternehmensberater zur Verzweiflung gebracht hätte. Wurden zunächst noch Musikgeschäfte in aller Welt mit dem Hang beliefert, stellte man den Vertrieb von einem Tag auf den anderen ein. Das Hang konnte nur noch in der Werkstatt in Bern gekauft werden. Man musste sich schriftlich anmelden, erst nach einem eingehenden Gespräch mit dem Kaufwilligen vor Ort wurde entschieden, ob dieser Ehrenhaftes im Sinn hatte mit dem Instrument – eine Art Charaktertest für Hang-Spieler, schimpften viele.

«Schlimmer als Heroin»

Doch die Dinge sind viel komplexer: «Wir sind ein Unternehmen, das nicht wächst und auch nicht wachsen will», sagt Felix Rohner. «Weil wir der Nachfrage nicht gerecht wurden, mussten wir selektieren», ergänzt Sabina Schärer. «Und weil wir das nicht über den Preis machen wollten, steuerten wir es, indem wir unsere Klangskulptur nur noch jenen verkauften, von denen wir annahmen, dass sie sie verstehen.»

Dennoch stapelten sich im Büro die Anfragen, und es wuchs der Stapel mit den Schmähbriefen der Abgewiesenen. Überhaupt schien es, das UFO-artige Metallgefäss mit den eingearbeiteten Klangfeldern sei nicht bloss ein Exportschlager, sondern auch eine Art Suchtsubstanz. «Schlimmer als Heroin», sagt Felix Rohner mit einem Schmunzeln.

Nachempfunden wurde das Hang der Steeldrum aus Trinidad, nur dass es eben nicht mit Schlägeln, sondern mit der Hand gespielt wurde, dass es aus einem eigens entwickelten Blech hergestellt und so handlich war, dass es auf jedem Schoss Platz fand. Ein zartes, niederschwelliges und angenehm vibrierendes Instrument mit offenbar magischer Ausstrahlung. Es gibt weltweit kaum eine Fussgängerzone, in der nicht irgendwo ein verträumter Hang-Spieler in Aktion tritt. Könige haben das Ding gekauft, Schamanen, italienische Geigenbauer, Berner Stadtpräsidenten, Therapeuten, georgische Umweltminister.

In Deutschland wurde seine Wirkung auf Demenzkranke erforscht, Philosophen haben sich seiner angenommen, ebenso wie Pre-Natal-Psychologen, Gospel-Hohepriester und Handy-Hersteller. Als Samsung einen Klingelton mit der Bezeichnung «Hang Drum» in eines seiner Modelle programmierte, wurde die Firma von einem Panart-Anwalt kontaktiert mit dem Ergebnis, dass der Klingelton ganz schnell wieder aus dem Sortiment verschwand. Auch die isländische Pop-Revoluzzerin Björk ist dem Klang des Instruments verfallen und hat es auf zwei Alben zum Einsatz bringen lassen, sehr zum Missfallen der Berner Erfinder, die nicht gerne sehen, wenn man sich mit ihrem Instrument zu sehr exponiert.

Noch mehr Missfallen hat bei ihnen der Umstand ausgelöst, dass vom Hang bis heute unzählige schlechte Nachbauten in Umlauf gebracht werden. Nicht wegen der entgangenen Einnahmen, wie sie versichern, sondern weil die meisten Kopien der Idee des Instruments nicht gerecht würden. «Die Instrumente müssen so lange gestimmt werden, bis sie wirken. Die Kopien sind nichts wert. Die Leute sind zu faul, diesen Prozess durchzuziehen und zu studieren. Die machen das nur wegen des Gelds», sagt Sabina Schärer.

Vom Hang zum Pang

Aber eben. Es ist alles hinfällig. Das traditionelle Berner Hang ist Geschichte. Panart hat die Produktion 2014 eingestellt. Dafür gibt es nun eine ganze Palette neuer, artverwandter Instrumente, an denen in letzter Zeit geforscht worden ist. Allen voran das Gubal, der nominelle Nachfolger des Hang. Es sei geerdeter, es habe mehr Bass, verlange mehr vom Spieler als das Hang. «Ein rationaler Mensch wird das Instrument kaum spielen können», behaupten dessen Erfinder.

Neu im Sortiment ist neben drei neuen Klang- und Perkussionstöpfen auch das Hang Bal, quasi ein Hang zum Umhängen: Im Vorstellungsvideo wird nahegelegt, dass es sich bestens zum tanzenden Spiel eigne, was im Streifen denn auch ziemlich beherzt vorgeführt wird. Und neuerdings gibt es auch Saiteninstrumente von Panart: Sie heissen Pang Sui, Pang Sai und Pang Sei. All diese Neuentwicklungen sollen zum kollektiven Spiel animieren.

Felix Rohner und Sabina Schärer sitzen an einem Tisch beim Entree. Er, ein reflektierter, gerne mal leidenschaftlich aufbrausender Herr mit hippiesker Vergangenheit und einem ungefähr in gleichem Masse aufgeteilten Interesse an der Wissenschaft und der Spiritualität. Sie, vom Typ anpackende Künstlerin, ein bisschen weniger zum Pathos neigend als ihr Partner, unverblümter und direkter in der Wortwahl.

Neben ihnen arbeiten noch Rohners Söhne David und Basil im Unternehmen – Panart ist ein Patchworkfamilien-Betrieb. Und im Gespräch wird bald klar, dass es hier um mehr geht als um den blossen Musikinstrumentenbau. Es geht um Transzendenz und Forschung, um Kunst und fast schon philosophische Werteschemen. Und es geht um Prinzipien. «Das Hang und das Gubal sind ein Lebensimpuls», sagt Felix Rohner mehrmals. «Unsere Instrumente bringen dich weg von deinem herkömmlichen Denken. Sie dienen Leuten, bei denen der Bauch und die Ratio aus dem Gleichgewicht geraten sind.»

Erklärungsversuche, warum ihre Instrumente zur Suchtsubstanz haben werden können, haben die Macher viele, und die meisten schrammen über die vernunftgemässe Sachlichkeit hinaus: «Vermutlich brechen die Schwingungen des Hang embryonale Erinnerungen im Uterus auf», erklärt Rohner. Immer wieder wird der heilende Aspekt der Instrumente hervorgehoben, es finde eine «Einmittung» statt: «Das Spiel auf unseren Instrumenten ist eine Arbeit, bei der dein Innerstes verlangt wird.»

Hämmern für den guten Ton

Und wenn Rohner über jene spricht, die sein Instrument auf der Bühne zum Einsatz bringen, dann lodert in ihm ein fast schon unheimlicher Furor auf. Dann fallen Stichworte wie Kokain und Porno.

Auf das Tun des Björk-Perkussionisten Manu Delago ist er beispielsweise nicht wirklich gut zu sprechen. Einer, der mit drei HangHang (das ist die Mehrzahl für das Hang) auf Ständern spiele, und dies auch noch unter Einbezug von Loopgeräten, der habe sich meilenweit von der Idee des Instruments entfernt. «Wir bauen diese Dinger eben an den Körper», sagt Rohner. «Man darf sich nicht zur grossen Pose verführen lassen.» Um das zu verhindern, hat Panart Richtlinien aufgestellt, wie ein Hang zu spielen ist: mit den Händen und möglichst nicht vor Publikum, weil das zum «Angeben» verleite.

Manu Delago, der sich mit seinem Soloprojekt gerade auf Welttournee befindet, bringen die Anwürfe nicht aus der Ruhe. Sein Hauptgefühl gegenüber Panart sei weiterhin Dankbarkeit für die tolle Erfindung, doch als Komponist versuche er eben, selber erfinderisch zu sein und mit verschiedenen Klangkombinationen zu experimentieren. «Natürlich finde ich es schade, dass Felix Rohner daran wenig Gefallen zu finden scheint», sagt Delago. «Auch ich komme immer wieder zum ‹reinen Hangklang› zurück, aber auf Dauer ist mir die Abwechslung und Vielfalt wichtiger, als Regeln zu befolgen.»

Doch warum dieses Beharren auf Prinzipien? Gibt es da nicht auch die Neugier des Instrumentenbauers darauf, was die Künstler mit dem Spielgerät anstellen? Wo bleibt die kreative Freiheit? Felix Rohner bleibt ungerührt. Die Metamorphose von der Steeldrum zum Hang oder zum Gubal sei ein bewusster Prozess gewesen: «Der spielerische Geist ist uns durchaus sympathisch. Aber hier bei uns geht es um eine Kultur. Eine Kultur des Menschen, der Berührung. Wir sind weggekommen vom Trinidader Karneval, vom Rausch, von Drogen und von Zigaretten. Wir wollen im Rausch Mass halten. Das Hang ist ein innerer Karneval. Es bringt das rationale Denken durcheinander.»

Etwas nüchterner sieht es Sabina Schärer: «Natürlich dürfen die Leute damit machen, was sie wollen. Doch es sind delikate Instrumente, es steckt ein Konzept dahinter. Sie sind für die Hände geschaffen. Nur so erfühlt man die Schwingungen, nur so bewegt man sich im Mass, in dem es weder verzerrt noch verstimmt. Wir müssen die Leute belehren, sonst wären wir nur noch eine Werkstatt, die verstimmte Instrumente repariert.»

Apropos Trinidad. Aus dem karibischen Eiland erheben sich brummige Stimmen, die die Berner des Diebstahls an ihrem Nationalgut bezichtigen. Das klingende Blech sei nichts, was ein Schweizer für sich reklamieren könne, egal ob dies nun auf einer konvexen oder konkaven Rundung, mit oder ohne Schlägel gespielt werde. Felix Rohrer hat Verständnis für diese Haltung: «Dieses Land hat eine eigene Kunstform entwickelt, und ein eigenes Nationalinstrument. Doch wir haben ihnen nichts weggenommen. Das Hang ist in einem Austausch entstanden. Wir haben von ihnen gelernt, sie von uns.»

Schnitt. Letzten September sind Sabina Schärer und Felix Rohner über den roten Teppich der Filmfestspiele Venedig geschritten. Er: so richtig mit Sonnenbrille und spektakulären Posen für die Fotografen. Sie: etwas zaghafter in der luftigen schwarzen Tunika. Anlass war der Essayfilm «Spira mirabilis», ein Werk über das Streben nach Ewigkeit, das in Venedig im Wettbewerb gelaufen ist (siehe Text rechts).

Gezeigt wird darin unter anderem der (wäre er nicht so lärmig) fast schon meditativ anmutende Schaffensprozess vom Blech zum Gubal, das unstete Einhämmern auf das Metall bis zum guten Ton. Eine Arbeit, die fast schon monoton und seriell anmutet. «Von aussen betrachtet mag das monoton wirken, weil wir scheinbar immer dasselbe tun. Und doch entsteht immer etwas Neues», erklärt Sabina Schärer. «Dieser Prozess ist sehr spannend. Jedes Instrument hat einen eigenen Charakter, in den wir uns einleben müssen. Ich habe Tausende gebaut, und ich habe immer noch Freude daran.»

Forschung an Neuem

Und tatsächlich. Trotz allem Eifer und Ernst, trotz allem Kummer mit Nachahmern und trotz dem traurigen Asiaten vor der Werkstatttür. Es herrscht tatsächlich Freude in der Werkstatt am Berner Schattenhang. Während des Gesprächs wird immer wieder eines der neuen Instrumente angefingert, und schon kommt einer der Söhne mit einem Pang um die Ecke und stimmt ein. Es wird gesungen und getanzt, es weht zuweilen ein wunderlicher Hippiegeist durch die Baulichkeit.

Es wird aber auch gearbeitet, und es wird bereits an neuen Instrumenten geforscht. Dem alten Hang wird hier nicht nachgetrauert. «Der Markt hätte gesagt, wir brauchen dieses Gift, diese magische Kugel», sagt Rohner. «Aber wir wollen die Leute nicht länger abhängig machen. Wir gründen keine Sekte. Wir wollen unabhängig sein.» Und dann setzt er an zum fulminanten Schlusswort eines Ewighämmernden: «Es ist ein tägliches Weitergehen. Wenn du stehen bleibst, dann bringt dich der Hammer um.» (Der Bund)

Erstellt: 20.04.2017, 06:58 Uhr

Mehr als ein Instrument, ingendwie: Szene aus dem Film (Bild: zvg)

Streben nach Ewigkeit

Was haben das Berner Blechklanginstrument Hang, die Schöpfungsmythen der Sioux, ein japanischer Meeresbiologe und die Marmorstatuen des Mailänder Doms gemeinsam? Sie kommen in «Spira mirabilis» vor, einem Essayfilm, der von der Berner Firma Lomotion koproduziert wurde. Und sie haben etwas mit dem Streben nach Ewigkeit zu tun.

«Spira mirabilis» ist ein Film wie eine Meditation: visuell und klanglich mit grosser Sorgfalt gestaltet – aber auch bedeutungsschwer ins Ungefähre raunend und recht anstrengend. Denn obwohl Jorge Luis Borges’ Text «Der Unsterbliche» als Leitmotiv hilfreich ist: Die Suche nach dem Sinn dieser Kombination von Schauplätzen und Themen überlassen Massimo D’Anolfi und Martina Parenti fast ganz dem Publikum.

Kino Rex. Premiere Donnerstag, 19 Uhr, in Anwesenheit von Massimo D’Anolfi und Martina Parenti (Regie) sowie Felix Rohner und Sabina Schärer. Spezialvorstellung am Freitag, 20 Uhr, in der Heiliggeistkirche.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Krankenschwester sucht erotische Abenteuer

Gute Neuigkeiten für Herren: Gerade Krankenschwestern sind oft sehr einsam und daher immer häufiger auf Erotikkontaktportalen anzutreffen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Infiltriert: Mitten in einem Weizenfeld im Südwesten Russlands streckt eine Sonnenblume ihren Kopf heraus. (19. Juli 2017)
(Bild: Eduard Korniyenko) Mehr...