Der Rapper, dem die Poesie näher liegt als die Pose

Mit Manillio wird am Wochenende ein Solothurner Rapper in die Hitparade schnellen, der tiefer gründet als so mancher Chart-Kollege.

Er beobachtet die Welt, ohne sie in Gut und Böse aufzuteilen: Der Rapper Manillio.

Er beobachtet die Welt, ohne sie in Gut und Böse aufzuteilen: Der Rapper Manillio. Bild: Mirjam Kluka

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Es spielt keine Rolle, ob er gerade an einer Flasche Rum nuckelt, ob er darüber fantasiert, seine Stadt in Brand zu setzen oder ob er seine Liebste anhimmelt: In der Stimme von Manillio sitzt stets diese bleierne Schwermut. Es ist, als würde sie ihm auf die Lungenflügel drücken, als würde sie die Poesie aus seinem bleichen Körper quetschen.

Das könnte auch die chronische Heiserkeit erklären, mit der sein Sprech­gesang belegt ist. Keine aufgesetzte Heiserkeit, wie wir sie von Sängern in Tom-Waits-Coverbands kennen, eher die Heiserkeit eines traurigen Übernächtigten.

In der Hip-Hop-Schweiz, in der es von Möchtegernphilosophen, Party-Biestern und Politschlaumeiern nur so wimmelt, ist Manillio ein Aussenseiter. Er besetzt die Rolle des grübelnden Chronisten, der die Welt um sich herum zwar minutiös beobachtet, aber darauf verzichtet, sie in Gut und Böse aufzuteilen.

Tod und Vergänglichkeit

Es dauert keine 15 Sekunden, und schon wird auf seinem neuen Album «Kryptonit» der Tod besungen. Die St. Galler Gastsängerin Elyn stimmt eine himmeltraurigschöne Blues-Ode auf ihn an. Ein paar Takte später prescht Manillio mit existenziellen Gewissensfragen hinter einem wurmigen Basslauf hervor: «Wo bisch du här, wohi wosch goh, was hesch du vor bis derthi?». Der Gedanke mündet in der Hoffnung, der Tod möge ihm noch ein bisschen Zeit lassen.

Es ist die Vergänglichkeit, die den 28-jährigen Ex-Solothurner, Noch-Zürcher und Bald-Berner umtreibt. Im zweiten Lied gehts um die Tristesse des Alters, um Superhelden, die nicht mehr in ihre Kostüme passen, um zu wenig Leben und zu wenig Zeit – «si säge ‹für immer jung› und i ha fasch dra gloubt».

Gescheiter Grübler

Dabei sollte das neue Album «Kryptonit» doch eigentlich von einem ganz anderem Naturell sein als sein ähnlich kummervoller Vorgänger aus dem Jahr 2013. «Unsere Prämisse war, dass es weniger melancholisch klingen sollte», sagt Manillio. «Wir haben uns im Studio angestrengt und gestritten, um irgendwann zur Erkenntnis zu kommen, dass wir der Sache freien Lauf lassen müssen. Die ­Poesie, die mich bewegt, und die Gedanken, die ich mir aufschreibe, sind nun mal selten fröhlich, auch wenn ich mich durchaus als optimistischen Menschen bezeichnen würde.»

Trifft man Manillio abseits einer Grossbühne, wirkt er eher scheu: Wenn er einmal lächelt, lächelt man gerne mit, vermutlich weil man ganz einfach erleichtert ist, dass dieser nachdenkliche, gescheite Mann überhaupt des Lächelns mächtig ist. Ganz anders sieht es aus, wenn Manillio auf der Bühne agiert.

Er tut dies mit der lockeren Selbstverständlichkeit eines selbstsicheren Entertainers. Er empfindet diese Momente vor Publikum denn auch als grosses Glück. «Der Prozess des Songschreibens ist kein einfacher für mich», erklärt er. «Ich hadere viel mit mir selber, bin übertrieben selbstkritisch. Mein Triumph ist es, wenn ich ein Lied fertig habe und wenn ich es dem Publikum vorstellen kann.»

Vertrauen aufs Bauchgefühl

Es wird nun Menschen geben, die völlig berechtigterweise einwenden, dass Melancholie im Verbund mit Hip-Hop noch selten erspriessliche Musik hervorgebracht hat. Und sie werden zum Unterstreichen dieser These Balladen von Tic Tac Toe oder von Stress ins Felde führen. Man kann sie in Bezug auf Manillio beruhigen.

Hier gibts keinen gefühlsduseligen Sprechgesang zu flauschigen Melodieführungen, und es gibt auch keine Kraftsängerin, die pünktlich zu jedem Refrain ans Studiomikrofon schnellt. Nein, Manillio und seine Produzenten Sir Jai (aus dem Kool-Savas-Umfeld) und Ruck P (aus Biel) haben ein vielgestaltiges, modernes Sound-Design erfunden, das der seelenwunden Stimme des Hauptdarstellers prima Halt bietet.

Da gibts hübsch angezerrte Tieftonbässe, sorgfältig ausgewählte Bassdrums, anheimelnde Gitarren-Hooks, Gastbeiträge von Jeans for Jesus über Baze bis Büne Huber. Und live setzt Manillio das Ganze mit einer Quasi-Rockband um. Ein Purist ist er nicht. Vieles erklärt er mit seinem Bauchgefühl. Mit seinem Interesse an aktueller Musik.

Kolossaler Tinnitus

Explizit Politisches, das gibts von Manillio kaum. Und trotzdem ist er nie unverbindlich. Kein Phrasen-, sondern ein Parabeldrescher ist hier am Werk. Einer, der die Gegenwart als grosse Rezykliermaschine entlarvt, dem der Wahnsinn der Welt einen kolossalen Tinnitus beschert, der darüber sinniert, wie sich die Wirklichkeit verändert, wenn man sie aus komplett unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

Und dann ist da immer wieder die Frage, was sich noch erleben lässt in der Zeit, die einem noch bleibt auf dieser Welt, die ihrerseits ständig rätselhafter wird. Der Philosoph Emile Cioran erkannte einst, dass das Leben womöglich bloss den «leichten Wesen» erträglich sei: den Scharlatanen, den Toren und den Schlagersängern. Manillio gehört definitiv zu keiner dieser Gattungen.

Manillio: Kryptonit (Universal Music). CD-Taufe: Freitag, 29. April, 22.30 Uhr, Bierhübeli. (Der Bund)

Erstellt: 23.04.2016, 09:14 Uhr

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