Das verbindende Subjekt

Der Berner Akkordeonist Mario Batkovic wird gerade von der halben Welt gejagt – von der Subkultur ebenso wie von den Klassikern.

«Ich hatte so viele Grenzen in meinem Leben, in der Musik will ich keine mehr haben»: Mario Batkovic.

«Ich hatte so viele Grenzen in meinem Leben, in der Musik will ich keine mehr haben»: Mario Batkovic. Bild: Franziska Rothenbühler

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Wenn man dieser Tage dem Berner Akkordeonisten Mario Batkovic begegnet, trifft man auf einen Mann im Gefühlsdurcheinander. Der Umstand, dass ihm auf einmal die halbe Musikwelt auf die Schultern klopft, behagt ihm einerseits, andererseits lässt ihn der Trubel auch merklich ratlos zurück.

Die englische Musikpresse bezeichnet ihn als «Akkordeon-Futuristen» und sein neues Album als «Meilenstein der zeitgenössischen Musik», der Kultursender Arte hat sein Konzert am holländischen Festival Eurosonic ausgestrahlt, kürzlich wurde er nach Berlin geflogen, um ein umjubeltes Konzert mit dem dortigen Kammerorchester zu spielen, und die Konzertveranstalter stehen bei seiner Hamburger Booking-Agentur Schlange. Es ist übrigens die gleiche Agentur, die sich auch um die Welteroberung der Sophie Hunger kümmert. Und ausserdem rangierte das von ihm koproduzierte Album «Endosaurusrex» von Stiller Has auf Platz 1 der Schweizer Hitparade.

Kurz: Der Mann hat einen Lauf. Doch Mario Batkovic schüttelt seinen schweren Kopf: «Bis vor Kurzem war ich noch allein mit meiner Musik. Ich wurde belächelt, weil ich ein Instrument spiele, das für viele auf die Strasse, aber keinesfalls in einen Konzertsaal gehörte. Und nun das.» Und so kommt es, dass sich in die Euphorie des Mario Batkovic immer wieder der Trotz eines Pikierten mischt. «Es war ein langer Kampf, und es gibt viele alte Narben», sagt er nicht ohne einen Schuss balkanesken Pathos. «Aber wenn der ganze Hype dazu führt, dass ich mir auf der Bühne mehr Freiheiten nehmen kann, dann ist ja alles in Ordnung.»

«Musik macht frei»

«Freiheit», dieses Wort fällt öfter, wenn man mit Batkovic über Musik spricht. «Ich hatte so viele Grenzen in meinem Leben, in der Musik will ich keine mehr haben», sagt er einmal, er, der Bosnier, der mit vier Jahren vom Onkel sein erstes Akkordeon geschenkt bekam und im Alter von elf Jahren mit seiner Familie vor dem Krieg in die Schweiz flüchtete. Die Musik und sein Akkordeon wurden für den Buben, der die fremde Sprache nicht verstand, zum Zufluchtsort. Hier gab es keine Kommunikationsprobleme. Hier wurde er verstanden.

Er habe nie in stilistischen Kategorien gedacht, sagt Batkovic, sie hätten ihn stets befremdet. «Musik macht frei, doch alle sind gefangen in ihren geistigen Schubladen», sagt er und macht ein Gesicht, als habe er gerade in eine Grapefruit gebissen. «Ich habe zum Beispiel nie begriffen, warum es unmöglich sein soll, dass nach einem Punkkonzert ein Sinfonieorchester auftritt. Ich würde das lieben. Und wenn ich etwas mit meiner Musik erreichen will, dann dies: Ich will die unterschiedlichsten Menschen und Szenen miteinander verbinden.»

Portishead und Stadionrock

Dies scheint kein allzu ambitionierter Wunsch mehr zu sein, seit ein gewisser Geoff Barrow – der musikalische Kopf der Gruppe Portishead – ein Auge auf Mario Batkovic geworfen hat. Nicht dass er zuvor ein unbeschriebenes Blatt gewesen wäre. Schweizweite Bekanntheit erlangte Batkovic zum Beispiel als langjähriges Mitglied der Lumpenkapelle Kummerbuben, und er gründete mit Destilacija die wohl unvernünftigste Band des Landes – ein rund vierzig Köpfe beschäftigendes Orchester mitsamt Pyrotechniker und Destilliermaschinenbauer.

Er vertonte Filme, spielte in der Stockhornarena Thun ein Stadionkonzert für zwölf Zuhörer, bloss weil er Lust hatte, mal in einem Fussballstadion aufzutreten. Und 2015 hielt sein erstes Solo-Album tatsächlich Einzug in die Schweizer Album-Hitparade. Zwar bloss auf Platz 56, und nur für eine Woche, doch er ist damit der erste Mensch der Welt, dem ebendies mit einem Solo-Akkordeon-Album gelungen ist.

Und das war keineswegs ein leicht verdauliches Stück Musik, sondern ein Werk von abgründiger Wucht. Virtuose Soli finden sich darauf keine. Batkovic wandelt im Distrikt der Minimal Music. Er baut auf immer wiederkehrende Klangmuster, formt gewagte Spannungsbögen, beschwört dunkle Atmosphären herauf, schafft Emphasen von purer Euphorie. Manchmal atmet es, sein Akkordeon. Ebenso oft hechelt es. Und es verschafft sich Raum, in allen möglichen und unmöglichen Frequenzen. Orchestral klingt das zuweilen, um im nächsten Moment wieder ins Kleinstmotivige zurückzuschnellen.

Philip Glass kommt einem in den Sinn, Steve Reich, Atmosphäriker des Repetitiven. Sein musikalisches Revier mag aufs erste Hinhören ein düsteres sein, doch es wird immer wieder aufgemischt von bunten Wirbeln. Offenbar genau das Richtige für den musikalischen Schwarzmaler Geoff Barrow, der das gleiche Album nun – ergänzt um zwei Tracks – über sein Label Invada auf den Weltmarkt bringt.

Zuerst kennen lernen

Das erste Zusammentreffen mit Geoff Barrow fand im Hinterbühnenbereich des Londoner Garage Club statt. Dem Engländer wurde zuvor das Solo-Album von Batkovic zugespielt, er war begeistert, wollte sich aber vergewissern, dass man ein Akkordeon tatsächlich ohne grössere produktionstechnische Tricks so voluminös und orchestral zum Klingen bringen könne. So lud er den Berner als Opener für ein Konzert seines krautrockigen Nebenprojekts «Beak» ins Vereinigte Königreich. Das Publikum soll geradezu paralysiert gewesen sein. Und Geoff Barrow war es ebenso.

Er bot ihm an, in seinem Studio in Bristol ein Album mit ihm zu produzieren. Doch so richtig überzeugen konnte das Mario Batkovic noch nicht. Er, der von der klassischen Musik herkommt und kaum Musik hört, kannte Portishead nicht, so wie er auch die ganze Horde vermeintlich wichtiger Leute nicht kannte, die ihm nach den Auftritten in England in der Garderobe gratulieren wollten.

Es waren unter anderem die Musiker und Produzenten von Massive Attack, und es waren Veranstalter der wichtigsten Magazine und Festivals der Insel. «Für mich zählt das Ansehen in einer Szene nichts. Ich habe mich nie dafür interessiert. Ich wollte den Mann zuerst kennen lernen, und hätte er mich als Musiker nicht überzeugt, dann wäre es nichts geworden aus unserer Zusammenarbeit», sagt Mario Batkovic.

Dissonanz und Bombast

Die beiden gemeinsam erarbeiteten Stücke des Albums fügen sich nahtlos ins kunstsinnige Geschehen ein. «Semper» baut im Wesentlichen auf ein sich stets wandelndes Melodiemotiv und ufert langsam in zunächst dissonanten, später schier sakralen Bombast aus. In «Eloquens» bringt das Akkordeon mit seinen Tieftönen das Bauchfell zu vibrieren, hier wird auch konsequent mit Effekten gearbeitet, was in Anbetracht der tonalen Möglichkeiten des Instruments gar nicht nötig erscheint.

«Geoff Barrow hat mich ermutigt, noch radikaler zu komponieren, als ich es selber gewagt hätte», sagt Mario Batkovic zur Zusammenarbeit mit dem Briten. Allerdings fallen die Arbeiten, die zuvor in seinem Studio im Berner Progr in Kooperation mit dem Tontechniker Nicola Jannuzzo entstanden sind, in Sachen Kompromisslosigkeit in keiner Weise ab.

«Die Leute haben einen anderen Zugang zu meiner Musik, seit Geoff Barrow dahintersteckt», stellt Batkovic nüchtern fest, und es ist nicht genau zu eruieren, ob er das nun prima oder auch ein bisschen bedauerlich findet. Der Weltkarriere wird es sicherlich nicht hinderlich sein.

Mario Batkovic: «Mario Batkovic» (Invada Records). (Der Bund)

Erstellt: 20.03.2017, 06:59 Uhr

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