«Das Publikum will umarmt werden»

Während der Sanierung des Kultur-Casinos 2017–2019 wird die Kursaal-Arena Bern zur Ersatzspielstätte für Berner Symphonieorchester und Meisterzyklus. Vor Ort wurden die Geheimnisse gelüftet, wie aus dem Kongressraum ein optimaler Konzertsaal für Klassik wird.

Die Zuhörer am Akustik-Check ahnen noch nichts: Im Kursaal wird künftig eine technisch fein abgestimmte Klangbrause für Wohlklang sorgen.

Die Zuhörer am Akustik-Check ahnen noch nichts: Im Kursaal wird künftig eine technisch fein abgestimmte Klangbrause für Wohlklang sorgen. Bild: Franziska Scheidegger.

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Samstagmorgen. Im 10-Minuten-Takt hält das 9er-Tram vor dem Eingang des Kursaals und spuckt Konzertbesucher aus. Dass es so viele sind, damit haben die Kursaal-Leitung und die Veranstalter von Konzert Theater Bern und Meisterzyklus nicht gerechnet. Im Nu sind die 1300 Plätze in der Kursaal-Arena im 5. Stock besetzt. Während der zweijährigen Umbauzeit des Kultur-Casinos soll hier – 382 Meter vom Casinoplatz entfernt – ein neuer Hotspot für Klassik etabliert werden. Da ein Konzertsaal akustisch andere Anforderungen erfüllen muss, als ein Kongressraum, in dem die Verständlichkeit des gesprochenen Wortes im Zentrum steht, müssen allerdings auch hier noch bauliche Optimierungen vorgenommen werden.

Die Arena wirkt einladend. Anders als im Kultur-Casino gibt es hier keine Säulen, die die Sicht versperren. Angenehm ist auch, dass die Sitzreihen im Parkett nicht ebenerdig flach wie im Kultur-Casino sind, sondern in sanften Stufen nach oben respektive unten zur hydraulischen Bühne führen, die bei Bedarf erhöht werden kann. Über die seitlichen Treppenaufgänge könnte man zudem vom Saal aus direkt zu den Galerieplätzen gelangen. Aus dem Angebot, während der Matinee herumzugehen und verschiedene Sitzplätze auf ihre Hör-Tauglichkeit zu prüfen, wird wegen des grossen Publikumsaufmarschs dann allerdings nichts.

Geheimnis Klangbrause

So paradox es klingt: Alle sind da, weil sie Klassik lieben und der Ort hier eben gerade kein Saal für klassische Konzerte ist. Die extrem trockene Akustik ist ideal für Konferenzen und Vorträge. Für klassische Musik aber fehlen Nachhall und «Umhüllung», wie Bernd Noack von der Hamburger Firma Müller BBM es nennt. «Das Publikum will umarmt werden. Es will das Gefühl haben mittendrin zu sein und vom Klang umspült zu werden», sagt er. «Dafür werden wir sorgen.»

Die klanglichen Defizite, die er anspricht, erfährt man bei Haydns 97. Sinfonie: Mit Verve und Souplesse gestalten die Mitglieder des Berner Symphonieorchesters das in Haydns Londoner Jahren entstandene Werk. Ausser einem Kontrabass sind da aber keine Streicher, gespielt wird die Bearbeitung für Bläser des böhmischen Oboisten und Komponisten Joseph Triebensee. Perfekt getaktet und fein ausbalanciert ist das Zusammenspiel.

Dennoch tönt es etwas dumpf. Der Raum scheint Teile des Klangs zu schlucken, bevor er ans Ohr dringt. Der Direktschall sei viel zu hart, analysiert Noack. Man werde den fehlenden Nachhall durch Reflektoren und unzählige Mikrofone in der Decke kompensieren. Nach der elektronischen Bearbeitung der Signale wird so die verlorene Klangenergie wieder aufbereitet und über feinste Lautsprecher nach allen Seiten zurück in den Raum gespeist.

So also entsteht das Wohlgefühl beim sinfonischen Hören, durch eine hochdifferenzierte, in die Architektur implementierte Klangbrause. Man verstärke nicht das Orchester, präzisiert Noack, sondern den Klang im Raum. Das sei ein akustischer Trick, der weltweit in vielen grossen Konzerthäusern angewendet werde, zerschlägt er die Befürchtungen, da werde plötzlich mit Technik ein Originalerlebnis zerstört.

Das Publikum wisse davon nichts, sagt der Experte, weil die Mikrofone versteckt eingebaut würden. Hier im Kursaal werde man sie aber aus praktischen Gründen nicht verstecken. Die akustische Optimierung ist eine Investition für die Zukunft: Denn die elektronischen Prozessoren können je nach Anlass oder musikalischem Programm neu justiert werden. Damit die zarten Klangfarben eines solistischen Klavierrezitals – wie es Teo Gheorghiu an diesem Morgen mit Schubert und Rachmaninow vortrefflich zeigt – ebenso gut klingen wie das tosende Tutti des fast hundertköpfigen Berner Symphonieorchesters. (Der Bund)

Erstellt: 20.03.2017, 07:09 Uhr

Erste Highlights sind bekannt

Apropos Programm. Der Meisterzyklus Bern wird im September 2017 mit der Pianistin Martha Argerich und Sergei Babayan spektakulär in die neue Saison starten.

Und auch Konzert Theater Bern gibt bereits erste Programmhöhepunkte preis, obwohl die BSO-Konzertsaison 2017/18 erst im Mai offiziell vorgestellt wird. Die je fünf Konzerte umfassenden Abos grün, rot und blau sollen beibehalten werden, die Inhalte aber werden neu thematisch gebündelt als «Kursaalkonzerte», «Romantik» und «Musica sacra». Neben dem Kursaal werden auch das Berner Münster, die Französische Kirche und das Stadttheater mit Sinfoniekonzerten bespielt.

Und die Sporthalle Wankdorf: Die Aufführung von Gustav Mahlers gigantischer 6. Sinfonie dürfte im März 2018 als Ereignis in die Geschichte des BSO eingehen. Auch das gab es noch nie: Wer das Abonnement für die neue Konzertsaison im Kursaal erneuert, kann die Glücksgefühle mit Beethoven, Brahms oder Bruckner nach dem Konzert verlängern – beim Zocken.

Mit dem neuen BSO-Abo gibt es nämlich einen 20-Franken-Jeton fürs Kursaal-Spielcasino. (mks)

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