Bescheiden und von berührender Tiefe

Das Berner Kammerorchester überzeugt zum Saison-auftakt mit guter Form und stimmigem Programm.

Für ihr Alter erstaunlich erfahren: Die Pianistin Beatrice Berrut.

Für ihr Alter erstaunlich erfahren: Die Pianistin Beatrice Berrut. Bild: ZVG

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Geerdet wirkt sie, wenn sie am Klavier sitzt. Die Finger gleiten geschmeidig über die Tasten und lassen den Flügel mit warmem, rundem, nie zu lautem Klang singen. Die abrupten Wechsel zwischen Dur und Moll kostet sie aus, als wären sie kein Grund zur Sorge. Trotz ihrem fast noch jugendlichen Alter klingt ihre Interpretation von Wolfgang Amadeus Mozarts letztem Klavier­konzert «Nr. 27 in B-Dur» erfahren und verzichtet auf unnötiges Gehabe. Ob Bea­trice Berrut die Gelassenheit am Himmel findet? Kann sein, denn da verbringt die 31-jährige Walliserin, die ein Flugbrevet besitzt, ihre Freizeit am liebsten.

«Schweiz pur» könnte das Motto des Abends lauten. Neben der Pianistin stehen der Oberländer Dirigent Philippe Bach sowie als Konzertmeisterin die Bernerin Sibylla Leuenberger auf der Bühne des Berner Kultur-Casinos. Während Bach vom Pult aus dafür sorgt, dass alles unter Kontrolle bleibt – sowohl bei der Lautstärke als auch beim Tempo lässt er keine Ausschweifungen zu –, hält Leuenberger der Solistin den Rücken frei. Die zwei Frauen scheinen sich auch ohne Sichtkontakt blendend zu verstehen. Überhaupt gelingt es Leuenberger, das gesamte Ensemble mitzureissen und Berrut auf Augenhöhe zu begegnen.

Reine Wiener Klassik

«Classique pure» lautet stattdessen die Parole, unter der das Berner Kammer­orchester am Freitag die neue Konzertsaison eröffnete; sie verweist damit auf das Programm des Abends. Neben Mozart erklingen zwei weitere Werke der Wiener Klassik. Zum Auftakt spielt das überschaubare Orchester – keine Trompeten und keine Pauken – Joseph Haydns «Sinfonie Nr. 91 in Es-Dur» und schlägt bereits den Ton an, der den Abend auszeichnen wird.

Effekthascherei und Prahlerei haben darin, nicht nur in Berruts Spiel, keinen Platz. Unter der Leitung seines Chefdirigenten wird das späte Werk des frühen Meisters auf das Wesentliche reduziert und dafür mit umso mehr Empfindung dargeboten. Der kompakte Streicherapparat wird von den leichten und unaufdringlichen Bläsern harmonisch ergänzt. Dynamische Kontraste werden sorgfältig herausgearbeitet und mit ausgeglichener Balance präsentiert. Einzig im abschliessenden «Vivace» gerät diese – sowie die rhythmische Verzahnung – kurzzeitig aus dem Lot, was jedoch von Bach unmittelbar aufgefangen wird.

Befreit im selben Klangbild

Im zweiten Teil des Abends folgt mit Franz Schubert ein Komponist, dessen frühe Werke aufgrund ihrer Anlehnung an Mozart zur Wiener Klassik gezählt werden können. Zu Recht, denkt man sich angesichts des abgerundeten Programms, das Bach mit der «Sinfonie Nr. 5 in B-Dur» vervollständigt, die Schubert 1816 im Alter von nur neunzehn Jahren verfasst. Das Klangbild der vorangehenden Stücke bleibt erhalten, aber die Musikerinnen und Musiker spielen befreiter, kosten die lieblich fliessenden Melodien aus und halten mit Spielfreude nicht zurück. Wer ihnen dabei zuhört, kann sich der Vorfreude auf die kommende Konzertsaison des Berner Kammerorchesters nicht entziehen. (Der Bund)

Erstellt: 05.09.2016, 08:26 Uhr

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