Artistisch elegante Prügel

Im Stück «Ronamor» des Cirque de Loin heiratet ein Artistenpaar und feiert sich schier in den Wahnsinn. Leider nur schier.

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«Mais amor, por favor», singt Franziska Schiltknecht gleich bei der Eröffnung. Es ist auch der Moment, in dem das Publikum merkt, dass es nicht einfach als solches dasitzt, sondern zur Festgesellschaft ernannt wird. Es soll mitsingen und vorbereitete Gedichte darbieten, weil: Brigitta und Leonard heiraten. Die beiden Zirkusartisten haben sich anno dazumal an einer Demonstration in Sachen Ozonloch gefunden und beschliessen, nach ewig wilder Ehe doch noch zu heiraten.

Ungesicherte Leidenschaft

So weit die Vorlage von Cirque de Lion, einer Compagnie rund um den Schauspieler und Regisseur Michael Finger, der das erste Mal von sich reden machte, als er 2002 den Schweizer Filmpreis für die beste Hauptrolle in «Utopia Blues» verliehen bekam. Mit dem Zirkustheater Cirque de Loin tourt er seit acht Jahren. Für «Ronamor» hat er mit Rona eine Band zusammengestellt, die eine komplette Tonspur zum aktuellen Stück liefert. Und er hat das nicht nur halb angezettelt, sondern vom Berner Luk Zimmermann produzieren und schleifen lassen, sodass diese Musik nun als Werk zum Kauf vorliegt (Sophie Records).

Wer sich mit der Arbeit des Zürchers Finger beschäftigt, merkt: Dieser Mann liebt die hohen Wogen und die ungesicherte Leidenschaft. Letztes Jahr hat er das im Stück «Mendrisch», einer Kooperation mit dem Schlachthaus, auf den Punkt gebracht: Die Geschichte spielt ebenfalls im Zirkusumfeld, lässt aber die Knie-Idylle aussen vor: Hier wird derb geredet und körperlich drangsaliert. Kinder gab es im Publikum kaum.

Anders bei «Ronamor». Es trägt eine kindliche Freude in sich. Es gibt viele Mitsingmomente, die Mundarttexte sind ulkig, so etwa, wenn sich Brigitta (Cecilia Manfrini) und Leonard (Noah de Loin) in einer Rückblende näherkommen und die Band das Lied «Schnäggeschüttle» anstimmt: Franziska Schiltknecht singt «Chli schnuddergöfle mit dir, oh, chum, wenn tüe mir mal / Chli schnäddertäschle mit dir, das fändi läss», und Michael Finger rappt «chli schiibewüscherle, chli schandfläckle». Und während sich die Band (Giuseppe Berardi an der Gitarre und Benedikt Utzinger am Schlagzeug) durch die perfekt gesungene Mehrstimmigkeit und die sauber arrangierten Lieder spielt, liefern Brigitta und Leonard den Zirkus dazu.

Es ist eine Wonne, wie sie gemeinsam auf Rollschuhen den Hochzeitstanz vollführen, von Lust getrieben im Wohnwagen verschwinden und sich in der Manege artistisch elegant verprügeln. Es gibt Momente, da fühlt man sich wie in einem Film von Federico Fellini, etwa, wenn die Braut den Bräutigam zusammenstaucht, weil er sie zu fest in der Luft herumgewirbelt hat, und sich ihr italienisches Gezeter mit der Musik vermengt. Solche Momente sind wahrlich poetisch.

Wo bleibt die Dynamik?

Weniger glaubwürdig ist da die Tonspur, die, so harmoniesüchtig und ausgefiedelt sie ist, zu viel des Guten will. Die Stimmen sind mit Halleffekten überladen und wirken zu dominant im Vergleich zu den Instrumenten. Rona mischt den Gypsy-Swing mit Balkan-Melancholie und hippieskem Charme. Das passt zum Zirkus. Genau so wie die hohen Emotionen. Die sind aber konstant so aufgebauscht, dass der Wunsch nach mehr Dynamik in Kürze aufkommt. «Ronamor» ist ein Hybrid mit vergnüglichen Momenten, irgendwo zwischen Theater, Zirkus und Konzert. Aber es bleibt lediglich beim Versuch, alle drei Disziplinen zu einem dichten Erlebnis zu vereinen.

Bis 16. Juli auf der Warmbächlibrache in Bern, www.cirquedeloin.ch (Der Bund)

Erstellt: 14.07.2017, 07:14 Uhr

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