«Z letschte Mau»
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 15.08.2011 1 Kommentar
Später an diesem Abend wird er plötzlich alleine sein auf dieser weiten Bühne, Serej, Rapper von Wurzel 5. Die Kollegen, die Musiker, der Bandmanager – sie alle haben sich dann schon zurückgezogen in die Katakomben des Kursaals. Er aber wird oben bleiben, im fahlen Licht der Saalbeleuchtung. Er wird mit hängenden Schultern über die Bretter tigern, genau wie während des Konzerts, nur ohne Musik. Dann wird er beginnen, wahllos Dinge ins Publikum zu werfen, erst CDs, dann T-Shirts, schliesslich die verbliebenen Bierdosen. Serej könnte wohl bis Weihnachten so weitermachen. Aber verdammt. Es ist nie genug Bier da. Und einmal muss einfach Schluss sein. Zumindest sagt man das.
Bad Boys vom Obstberg
Man muss mit 1997 beginnen. Da verbünden sich im Berner Obstbergquartier fünf junge Männer: Baldy, Diens, Link, Serej und Tiersch. Sie machen Rap, nennen sich Wurzel 5 und stehen schon bald im Ruf, die taffste und beste Crew auf dem Platz zu sein. Als 1998 der Sampler «Rapresent» einen Überblick über die Schweizer Hip-Hop-Szene verschafft, sind Wurzel 5 die Sensation schlechthin. Es ist die Stunde null des Berner Raps, der Jahre später noch Massstäbe setzt für die ganze Schweiz. Zwischen 2001 und 2009 veröffentlichen Wurzel 5 vier Tonträger. Manche erreichen die Top Ten der Hitparade. Der Höhepunkt wird «Für Di» gewesen sein, der Sommerhit von 2006, den Hörer von Radio DRS unlängst in einem Voting ausgezeichnet haben.
Dennoch, es gibt keinen Grund zu übertreiben. Ja, Wurzel 5 zählten zu den ersten Vertretern einer neuen Generation von Schweizer Rappern. Sie gaben sich als böse Jungs, sie rappten vom Automatenknacken und vom Kiffen, sie liessen sich auf Fehden und Scharmützel ein, suchten aber dennoch immer wieder die Nähe zum Pop. Das war neu und erstaunlich und begeisterte viele junge Leute für den Rap. Aber Wurzel 5 waren weder überragende Techniker noch überragende Texter. Sie waren zur rechten Zeit am rechten Ort. Und hatten in den folgenden Jahren das Gesetz des First Movers auf ihrer Seite.
Abschied ohne Ende
Scheiden tut weh. Scheiden nach fast 15 Jahren tut sicher sehr weh. Und wenn die Sache so vertrackt liegt wie bei Wurzel 5, dann ist es bestimmt besonders schlimm: Im Grunde genommen sind die Rapper schon seit über zwei Jahren nur noch hier, um Tschüss zu sagen. Im Juni 2009 erschien ihr Abschiedsalbum «Letschti Rundi». Im folgenden September verabschiedeten sich die fünf Herren im ausverkauften Bierhübeli von ihren Berner Fans. Zwei Tage später hängten sie ein Zusatz-Abschiedskonzert in der Dampfzentrale an. Dann folgte die lange Abschiedstour durch die Clubs der Schweiz.
Der Auftritt am Samstag im Kursaal ist dann quasi – nein, lassen wir das. Rapper Diens sagt es selbst am Schönsten: «Das isch würklech z letschte Mau, i versprich es.»
Das letzte Mal also, ein grosser Augenblick, nein: ein Rendezvous mit der Geschichte – das will dieser Abend sein. Und genau das ist dann auch ein bisschen das Problem an diesem insgesamt schönen Konzert. Da ist so viel Geschichte im Raum, dass für das Jetzt kaum mehr Platz bleibt. Oder anders herum: Es wird zwar sentimental angewärmt, aber nicht künstlerisch eingeheizt. Hier vertauschen die Jungs Textstellen, da vergeigen sie den Ablauf, die schnalzende Lässigkeit, die einst Kernmerkmal von Wurzel 5 war, ist weg. Die Rädchen in diesem Ensemble wollen nicht mehr richtig ineinandergreifen. Ausgerechnet jetzt.
Natürlich kommt es dann doch noch zum rührenden Finale. Kurz nach Mitternacht, als sich Baldy, Diens, Link, Serej und Tiersch um die Schultern fassen und verneigen. Man wird sie vermissen. Nicht wegen ihres Abschieds, sondern wegen ihrer Anfänge. (Der Bund)
Erstellt: 15.08.2011, 08:14 Uhr
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Herrschaften, wie doch die Zeit verfliegt! 1997 kommt mir vor wie vorgestern. Was waren wir jung, unerschrocken und hungrig! Schon beängstigend, wie schnell man älter wird. Die Zeit rennt davon wie Usain Bolt. W5 "Mached Lärm für Bärn City" - machets guet Gielä u vergässet nie: bern city represents. Antworten
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