«Wir sind so ängstlich»
Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 23.11.2011 3 Kommentare
Konzert
24.11., Bierhübeli, Bern.
www.bierhuebeli.ch
Kutti MC «Chumm nöcher»
«Freischwimmer» - das Album
Man durfte sich einiges erhoffen von dieser Paarung - Kutti MC und Stephan Eicher. Schliesslich trifft der Rapper hier den Chansonnier, der Provinzkrämer den Weltmann, der Grübler den Bonvivant und die Nischenfigur den Mittelstandsverführer.
Und ja, die beiden Berner haben sich wirklich viel vorgenommen mit «Freischwimmer» (Universal). In der Singleauskopplung «Freiheit» erklärt Kutti MC, hinter dem sich der Dichter Jürg Halter verbirgt, was kaputt ist mit uns: Wir sind frei, alles zu tun, aber verdammt zum Unglücklichsein.
Über die folgenden acht bis zehn Songs sucht der Rapper dann nach Auswegen aus dem Schlamassel. Da wird mit dem kleinbürgerlichen Glück geliebäugelt - nur vermag keine Nestwärme den Frost da drinnen aufzutauen. Da gibt es den «Amok 2012» - dem alltäglichen Nihilismus kann man nur mit entschlossenem Nihilismus begegnen. Und da denkt sich Kutti MC in den Weltuntergang - die ironischste aller Erlösungen aus dem postreligiösen Zeitalter. Es gibt keine höhere Macht, aber die bringt uns alle um.
Diese Texte sind - wie immer bei Jürg Halter - aussergewöhnlich in ihrer sprachlichen Raffinesse und einzigartig in ihrer Entschlossenheit. Kutti MC ist mehr denn je ein konfrontativer, gefährlicher Rapper. Er gibt einen Dreck auf Coolness, spielt stets mit Höchsteinsatz, auch auf die Gefahr hin, dass er alles verliert, einschliesslich sich selbst. «I schiitere lieber im Grosse, als im Chliine z’reüssiere», rappt Kutti MC im Song «Zum Glück». Besser kann man diesen Mann nicht beschreiben.
Es geht also um sehr viel auf «Freischwimmer». Nur leider etwas selten um die Musik. Stephan Eichers Kompositionen bewegen sich zwischen abgedunkeltem Pop für die Komfortzone und Klangcollagen, die bisweilen unfertig wirken und wahllos. Sie werden dem Rapper, der sich am Mikrofon aufopfert, nur gerade in ihren stärksten Momenten gerecht.
«Er geht ins Licht»: Eicher über Kutti MC. (Bild: Doris Fanconi)
«Ich hätte gerne eine Heimat»: Eicher über sich selbst. (Bild: Doris Fanconi)
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Herr Eicher, als Sie mit «Eisbär» Ihren ersten Hit landeten, hat Jürg Halter gerade seinen ersten Schrei getan. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an 1980 denken?
Stephan Eicher: Ein super Jahr, ähnliche Inflationsrate wie heute. Nein, im Ernst: Ich glaube, dass der wichtigste Unterschied zwischen 1980 und heute ist, dass wir damals noch eine Vorstellung von der Zukunft hatten.
Kutti MC: Und wir sind heute entscheidungsschwächer. Wir geben uns der Illusion hin, dass alles möglich ist. Aber wir haben Angst, uns zu entscheiden, da wir nichts verpassen wollen und vergessen so, was wir durch einen bestimmten Entscheid gewinnen könnten. Und am Ende ist ohne Entscheidung gar nichts möglich.
Beobachten Sie das bei sich selbst?
Kutti MC: Ja. Freiheit bedeutet heute, dass man sich nicht mehr festlegt . . .
Eicher: Der Trick ist dann zu sagen: Links oder rechts, PC oder Mac, Nike oder Adidas. Diese Entscheidungen sind profan. Als ich am «Eisbär» beteiligt war - geschrieben und gesungen hat den Song ja mein Bruder Martin -, damals löste die Vorstellung einer Zukunft noch einen Reiz aus. Im Sinne von: Komm, lass uns da hingehen. Man suchte sich einen Weg und arbeitete sich langsam aber stetig in die Zukunft hinein. Heute geht das viel schneller. Wir sitzen im Überschallflugzeug. Bumm! Schon sind wir da, schon ist es langweilig, schon überlegen wir uns, was wir als Nächstes unternehmen wollen.
Kutti MC: Ich glaube die 20-Jährigen von heute sind so sehr auf die Gegenwart fixiert, dass es gar keine Zukunft gibt. So ist der Zeitgeist: Es gibt nur die Gegenwart.
Kutti MC, beneiden Sie Stephan Eicher um diese Erfahrung, um diesen offeneren Begriff der Zukunft?
Kutti MC: Nein. Ich bin nicht hoffnungslos, aber ich bin auch nicht optimistisch. Ich weiss einfach, dass wir uns hier in der Schweiz auf einer der letzten Inseln befinden. Wie unter einer Käseglocke, die unser ganzes System noch perfekt konserviert. Manchmal denke ich, die Schweiz ist ein Museum inmitten des Weltuntergangs.
Eicher: Wie eine Musikbox, die man nicht berühren darf, die man nicht aufziehen kann.
Kutti MC: Die Musik spielt nicht mehr.
Eicher: (lacht) Das wird ein super Interview. Bevor wir uns jetzt den Fragen zuwenden, die man wirklich versteht, will ich noch sagen: Das Paradox ist, er (zeigt auf Kutti MC) glaubt. Er, der heute in der Gegenwart gefangen ist, hat einen Glauben an etwas. Kutti läuft wirklich ins Licht.
Morgen erscheint Ihr gemeinsames Album «Freischwimmer». Wie darf man sich ihren Arbeitsprozess vorstellen?
Eicher: Genau so, wie jetzt dieses Gespräch angefangen hat. Zwei Kaffeetassen und ein Schreibtisch. Wir haben diskutiert und diskutiert, und irgendwann sagte Kutti: Stephan, stell mal das Mikrofon auf, ich mache mal einen Freestyle.
Kutti MC: Stephan hat sich dann ans Klavier gesetzt und ich habe improvisiert. Aus diesem Rohmaterial sind einige der Songs auf dem Album entstanden. «Hüt rägnets no einisch Gäld» ist so ein Beispiel.
Dieser Song dreht sich um die Finanzkrise. Was ist der Hintergrund?
Eicher: Kurz nach der Lehman-Brothers-Pleite war ich in Brüssel. In der ganzen Stadt waren die Bankomaten ausser Betrieb. Ich rufe also einen Kollegen an, der sich in der Finanzwelt auskennt, und frage ihn: Ist es jetzt vorbei mit dem Geld? Seine Antwort: Nein, aber das Ende habe angefangen. Was wir im Moment erleben, ist vergleichbar mit dem letzten Bild in Michelangelo Antonionis Film «Zabriskie Point»: Eine Explosion in Zeitlupe. Das System bricht nicht gleich zusammen. Aber der Anfang vom Ende ist da.
Die Bankenkrise ist wohl nicht gerade ein Parademotiv für den Pop.
Eicher: Eben doch. In der Schweiz heisst es zwar, über Geld redet man nicht. Aber im Grunde genommen ist dieses Tabu ein Skandal. Über Geld muss man unbedingt reden. Schliesslich ist es der Motor, die Energie hinter dem ganzen System.
Das Album «Freischwimmer» lässt sich als Suche nach dem Ausweg aus der Misere deuten.
Eicher: Von mir aus trifft das zu. Aber das Wort hat hier Kutti.
Kutti: Es ist ein Album, das sich der Gegenwart stellt, weder resignativ noch beschönigend. Es ist vielleicht schon eine Art Ausweg, aber ohne Wegweiser. Ich weiss nicht, wie lange es mit uns noch so weitergehen kann.
Sie zeigen immerhin Handlungsmöglichkeiten auf: In einem Song denken Sie an Amok, in einem anderen an das kleine, private Glück. Auch das innere Exil wird verhandelt.
Kutti MC: Ja, Möglichkeiten. Man müsste sich nur entscheiden.
Wie haben Sie beide sich kennen gelernt?
Eicher: Das war am 24. Dezember. Ein jüngerer Mann und ein älterer Mann in der Stadt Bern, beide auf der Suche nach einem letzten Weihnachtsgeschenk. Wir kreuzten uns. Ich errötete.
Kutti MC: Stimmt, und ich trug einen weissen Anzug, der ebenfalls sofort rot wurde.
Sie standen sich also gegenüber mit den Einkaufstüten in den Händen.
Eicher: Ja. Und dann lud ich ihn zum Essen ein.
Zmittag oder Znacht?
Kutti MC: Znacht.
Eicher: Und zwar an einem Tisch, an dem Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch schon gemeinsam gespeist haben. Da vereinbarten wir, dass Kutti mich in der Camargue besuchen würde. So fing das an.
Beide wuchsen Sie in Bern auf. Welche Rolle spielt diese gemeinsame Herkunft in Ihrer Beziehung?
Eicher: Für mich war es vor allem ein grosses Vergnügen, in der Camargue zu sitzen und ein breites Berndeutsch sprechen zu können.
Kutti MC: Ich glaube, dass Bern uns noch auf eine zweite Weise verbindet. Uns beiden ist Bern zu wenig.
Wie meinen Sie das?
Kutti MC: In Bern ist der Grad der Selbstzufriedenheit sehr hoch. Ich musste oft raus, wenn ich irgendwas machen wollte. Zum Beispiel nach Zürich oder nach Berlin. Aber ich fand in Bern auch sehr viel inspirierende Menschen. Stephan verliess Bern schon für sein Kunststudium.
Würden Sie Bern als Ihre Heimat bezeichnen.
Eicher: Nein.
Kutti MC: Nein. Ich wohne zwar dort, ich liebe die Stadt und nerve mich über sie, aber meine Heimat sind meine Freunde und Familie, nicht die Stadt.
Eicher: . . . ich habe länger in Zürich gewohnt als in Bern . . .
Kutti MC: . . . nein . . .
Eicher: Ich bitte Sie, diese Frage ist wie ein schwarz-weiss-rotes Plakat.
Wegen des Begriffs Heimat?
Kutti MC: Wir müssen doch nicht über Heimat reden.
Eicher: Das hat so einen Geschmack. Haben wir in der Schweiz nichts anderes, woran wir uns festhalten können?
Kutti MC: Wir sind so ängstlich. Wir wagen es ja gar nicht mehr, in die Welt hinauszublicken, weil wir Angst haben, dass auch wir Teil dieser Welt im Umbruch sind. Deshalb schauen wir zu oft uns selbst an und unsere Wurzeln, die gar nicht existieren, die nur eingebildet sind.
Eicher: Schauen Sie mal, wer die Schweiz erfunden hat: Napoleon! Er hatte die holde Idee der Neutralität, um diesen widerspenstigen Teil Europas zu bändigen.
Kutti MC: Die Schweizer Flagge ist wirklich sehr wahrhaftig, wie eine Aufnahme aus der Vogelperspektive. Der Grund ist rot wie Blut. In der Mitte gibt es ein weisses Kreuz aus Zuckerguss, das ist die Schweiz. Kratzt man die Glasur weg, kommt das Blut zum Vorschein. Jede Nation ist aus purer Gewalt geboren.
Wo befindet sich denn Ihre Heimat?
Kutti MC: Meine Heimat ist dort, wo ich mich frage, ob ich hier noch Zuhause bin. Heimat, das ist für mich eine ständige Auseinandersetzung. Aber das ist auch nicht das grösste Thema. Ich mache World Music. Die Welt, meine Familie, die Liebe interessieren mich sehr viel mehr als die Heimatfrage.
Eicher: Ich hätte gerne eine Heimat. Ich würde gerne Ruhe finden und sagen: Das ist es jetzt. Aber bei aller Liebe für die Menschen in Zürich: Gestern Abend lief ich alleine durch die Stadt und dachte: Puuh, zum Glück bin ich in 24 Stunden wieder weg hier.
Sie waren erleichtert.
Eicher: Ja, aber nicht aus Boshaftigkeit oder Arroganz.
Kutti MC: Stephan ist ja auch immer erleichtert, wenn er aus Frankreich ausreisen kann.
Eicher: Stimmt. Es ist der neue Horizont. Eine Zukunft gibt es nur für den, der die Türe aufmacht und hinaus geht. Bei der Schweiz dünkt es mich hingegen, dass die Türschwelle immer höher gebaut wird. Das bedrückt mich, manchmal schon fast physisch.
Kutti MC, welche Momente der Erleichterung haben Sie?
Kutti MC: Weiss doch nicht. Wenn ich einen Plastiksack im Wind beobachte, gedankenlos und frei, das kann sehr erleichternd sein. (Der Bund)
Erstellt: 03.11.2011, 08:40 Uhr
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3 Kommentare
fotos und interview: kunst. wenn man bedenkt, wie sehr unsere zivilisation energiepolitisch ins schwimmen geraten ist, sich freizuschwimmen versucht: es gibt keinen besseren cd-titel. gegenwart ist die vereinigung mit der vergangenheit. die zukunft strömt andauernd herein. "postreligiös" - das würde ja heissen, leiden besser ertragen können als christus, ohne (kommunikativ) gewalttätig zu werden. Antworten
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