«Wie ne Plastiksack im Wind über dr Strass»
Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 27.08.2009 1 Kommentar
Kutti MC singt von «100'000 Ballön» und braucht doch nur einen zum Abheben. (Bild: PD)
Man kann Kutti MCs neues Album zum Abwasch hören. Man hört dann eine Clubmusik, die in guten Grooves vorwärtsmacht, und sauber eingeklinkte Raps. Man kriegt zwischen minimalem Funk, knallenden Beats und poppigen Refrains viel Abwechslung und kann schnell mal den einen oder anderen Refrain mitsingen. Kurz, es sind vielleicht banale Qualitäten, die das Album so beweist, aber das sind nicht die mindesten. Die 14 Songs von «Sunne» funktionieren an ihrer Oberfläche schon mal so gut, dass es ein umso grösseres Vergnügen ist, genauer hinzuhören.
Sehr schön zu hören ist dann, wie sich der 29-jährige Berner auf seinem dritten Album in die Tradition des Mundartpop stellt, indem er in seinen Raps von Rumpelstilz über Taxi und Züri West bis zu Stiller Has so gut wie jede wichtige Dialektband paraphrasiert. Nur dass er das behäbige Berner Idiom der weltstädtischen Clubzeitgenossenschaft aussetzt: Auf dem ganzen Album spielt das One Shot Orchestra aus Berlin, das an Schlagzeug, Bass, Gitarre und Synthesizer elastische, in technoiden Pulsen vorangehende Tracks generiert.
Grosse, kraftstrotzende Songs
Und natürlich verlegt Kutti MC die bekannten Zitate in neue Geschichten: «I schänke dir mis Härz» taucht hier in der düsteren Mörderballade von «Julia & Lukas» auf, einem Lied über zwei, die ein Herz und eine Seele sein wollten, aber bald feststellen mussten: «Si si eis zviel zum zäme glücklech si.» Und das unbestimmte Gefühl sich aufzulösen («Es isch, als gäbs mi nümme meh») ereilt ihn anders als weiland den Sänger von Taxi nicht bei einem Campari auf einem Swissairflug, sondern bei einem Kaffee im Zug nach Paris. Auch hier ist dieses Gefühl ein gutes: Es beschreibt die Möglichkeit, etwas von sich selber zurückzulassen.
Wo seine Figuren aber wegfliegen, lässt Kutti MC den alten Fernwehtopos des Mundartpop so souverän hinter sich, wie es sich gehört für einen, der seine Platte in Berlin aufnimmt und der sie mit einem Stück eröffnet, in dem es heisst: «I schribe mi furt vo hie.» Es geht hier nicht um Flughäfen, diese etwas lächerlichen Sehnsuchtsorte des Globetrottermainstreams. In «Du bisch nid allei» ruft er einem alten, in einem Heim verdämmernden Mann zuletzt ein feierliches «Flüg!» zu – ein sehr berührendes Lied. «100'000 Ballön» ist ähnlich stark: Hier geht es darum, nach vielen melancholischen Tagen wieder so etwas wie Leichtigkeit und Glück zu spüren.
Bei Rumpelstilz war das «Blatt im Wind» – das Kutti MC in seinem Ballonlied zitiert – eine Metapher für die Ungebundenheit des Bohème-Mackers auf der Landstrasse. Der Rapper nun verwendet das Bild aus der Erinnerung an die Windstille heraus, wenn er sagt: «U itz fahn i afa tanze, / U itz fahn i afe drähie / Wie ne Plastiksack / Im Wind über dr Strass.» Ein fröhliches und trauriges Bild zugleich. Überhaupt: Kutti MC hat mit «Sunne» oder «Irgendwo» grosse, kraftstrotzende, optimistische Songs auf seiner neuen Platte. Teil ihrer Stärke ist es durchaus, dass ihnen noch die Schrecken von «Dark Angel» in den Knochen stecken, vom düsteren letzten Album.
Keine Hip-Hop Disses
Weit hinter sich gelassen hat Kutti MC mit «Sunne» dagegen «Jugend & Kultur», sein Debüt von 2005. An den Klischees des Rap-Genres muss er sich heute nicht mehr abarbeiten. Allenfalls «Schuss» könnte man als Persiflage auf den Gangsta-Rap hören: Hier rappt Kutti MC linkisch lispelnd aus der Perspektive der Gewehrkugel, in der sich «di ganzi Wuet und Ohnmacht vor Wäut» konzentriert und die gerade auf dem Weg ist zu einem Cadillac an der Tankstelle. Und dann beschliesst umzukehren. Das ist nicht nur ein weiteres Beispiel dafür, wie virtuos Kutti MC ungewohnte Perspektiven einnimmt, sondern überhaupt ein schöner Gedanke: Es ist der Schuss, der entscheidet, ob er nach hinten losgeht.
Kutti und sein Compi
So kommt auch der grimmige Kutti-Humor nicht zu kurz auf «Sunne»; sehr lustig ist sein Diss an die Adresse eines «Wannabe-It-Girl» im gleichnamigen «Boogie»: Das Mädchen organisiert Unterwasser-Kunstausstellungen und hält sich einen Schauspielschüler im Out-of-Bed-Look. In «I & mi Compi» aber ist es dem One Shot Orchestra überlassen, die Pointe zu setzen. Während Kutti MC etwas vorhersehbar darüber rappt, wie ihn sein Computer gängelt, zitiert die Bassfigur einen Song aus dem Holozän des Computerzeitalters: In «Strike On Computers» warnte Johnny Guitar Watson vor 25 Jahren, der Computer werde uns allen die Arbeit wegnehmen. Heute rappt Kutti MC: «Er erzieht mi zum Sklavedasii.» Der Schluss ist der gleiche: ausloggen, ausstecken.
Kutti MC: Sunne (Two Gentlemen/Irascible); Konzert: Samstag, 31. Oktober, Moods Zürich.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.08.2009, 07:52 Uhr
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