Kultur
Wie eine Fee auf LSD
Ghetto Kraviz
Working
Album
Nina Kraviz: «Nina Kraviz». Rekids, 2012.
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Frauen-DJs, es ist leider so, werden in Clubs oft als Requisiten eingesetzt. Zwar drehen sie tapfer an den Knöpfen des Mischpults, aber ihre eigentliche Leistung besteht darin, dass sie weiblich sind und gut aussehen. Gerade die Schweiz hat mit Mahara Mc Kay, Tanja LaCroix, oder Lady Tom eine lange Tradition von solchen DJanes. Zum Glück gibts Ausnahmen, Sonja Moonear etwa. Die Genferin mischt mit konsequent unkommerzieller Musik seit Jahren in der internationalen DJ-Topliga mit. Oder aktuell Nina Kraviz, eine in Sibirien geborene Russin, die zwar gemodelt hat und aussieht wie eine Mischung auch Emanuelle Béart und Béatrice Dalle – aber trotzdem gut ist.
Kraviz’ Aufstieg begann vor ein paar Jahren, als der einst angesagte Minimal House auf Firmenfesten gespielt und von Deep House verdrängt wurde. Der Stil, weicher, atmosphärischer und auch erotischer als der kühle Minimal, katapultierte die 30-Jährige in kürzester Zeit an die Mischpulte der angesagtesten Clubs der Welt. Zum einen weil er ihr die Abgrenzung zu vielen ihrer männlichen Kollegen erlaubt, die Musik funktional auf die Tanzfläche hin konzipieren. Ausserdem kommt Deep House Kraviz’ Lieblingsinstrument entgegen: Ihre Stimme, die sich mal hauchend, mal raunend über die assoziativen Atmosphäre ihres Debütalbums «Nina Kraviz» erhebt. Zwar ist ihr Gesang alles andere als perfekt. Doch gerade dadurch verleiht er dem computer-erzeugten Klanggerüst eine menschliche Note.
Spiel mit diesen Versatzstücken
Man kennt das von Dieter Meier oder Miss Kittin. Wo diese mit Schwung zu Gang gehen, funktioniert Kraviz’ Gesang aber als Bremse zur pulsierenden Basslinie. Etwa bei «Ghetto Kraviz», ein Deep House Track, der seinem Namen und seiner Gattung alle Ehre macht: Über die pulsierende Grundstimmung des Songs erheben sich sinnlich-entrückte Vocals, wie von einer Fee auf LSD. «Working» wiederum ist pure Atmosphäre; man muss Kraviz für ihren Mut, trotz ihres Status als neue Club-Königin, solch laszive Stücke zwischen tanzbare Nummern zu streuen, ein dickes Lob aussprechen.
Kraviz’ Strategie, minimalistische Details wie Basslinien, Stimmfetzen oder dysharmonische Akkorde langsam zusammenzuführen, erinnert an James Blake, den letztjährigen Elektronika-Überflieger. Wie der Engländer schreckt sie nicht davor zurück, Leerstellen in ihre schleppenden Songs zu platzieren, auf die sie überraschende Samples folgen lässt. Wie meisterhaft Nina Kraviz das Spiel mit diesen Versatzstücken beherrscht, zeigt sich etwa auf «The Needle», einem Track, der das behagliche Knistern zum Ausdruck bringt, das eine Nadel auf Vinyl erzeugt.
Apropos Nadel: Kraviz ist ja nicht bloss Produzentin, sondern auch DJ. In dieser Funktion bleibt sie ihrem eigenwilligen Stil treu. Minutenlange Flächen wechseln sich mit brachialen Bass- und Hi-Hat-Salven ab. Das mag technisch nicht immer einwandfrei daherkommen, aber hat zumindest Unterhaltungswert, zumal die Russin ihre Sets mit Karatekicks und anderen Posen untermalt. Ob das ein DJ nötig hat, oder es besser den Rockstars überlassen sollte, ist natürlich eine andere Frage – die sich Kraviz angesichts ihres tollen Debütalbums aber nicht stellen lassen muss. Nur schon, weil man dank ihr wieder weiss, was man zu Hause hören muss, wenn man morgens aus dem Club gekrochen kommt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.03.2012, 13:23 Uhr












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