Kultur

Wer braucht hier einen Arzt?

Von Christoph Lenz. Aktualisiert am 18.07.2011 2 Kommentare

Ein Leistenbruch ist kein Grund für eine Konzertabsage. Herz- und Seelenleiden sind schon wesentlich schwieriger zu kurieren, aber musikalisch ergiebiger. Das Fazit der viertägigen Musikorgie Gurtenfestival 2011.

1/13 Ein Leistenbruch ist kein Grund für eine Konzertabsage: Jay Kay von Jamiroquai auf dem Gurten.
Bild: Eliane Baumgartner

   

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Etliche Konzerte auf der Zeltbühne waren auffällig leise

Normal ist das nicht, dass unmittelbar neben dem Mischpult, kaum 25 Meter von der Bühne entfernt, die Musik nur mehr in Zimmerlautstärke zu vernehmen ist. Und doch war gerade dies auf der Zeltbühne mehrfach der Fall. Etwa bei den US-Rockern Eels und – besonders irritierend – bei The Streets und Blumentopf, zwei Rap-Acts, die in der Vergangenheit immer wieder Massstäbe setzten, was musikalische Präsenz im Konzert angeht.

Auch ihm sei aufgefallen, dass manche Shows eher leise abgemischt gewesen seien, sagt Micha Günter, Mediensprecher des Gurtenfestivals. An den Rahmenbedingungen habe sich gegenüber früheren Jahren allerdings nichts geändert. «Die Lärmschutzvorschriften sind dieselben, das Equipment ebenfalls.»

Die Ursache müsse mithin bei den Tontechnikern der Bands gesucht werden. Über einen allfälligen Ausbau der Lautsprecheranlagen im Zelt will sich Micha Günter derzeit nicht äussern. «Wir warten erst mal die Feedbacks von den Technikern ab. Gegebenenfalls werden wir uns anschliessend mit diesem Thema befassen.»

Entweder er ist verdammt hart im Nehmen, oder er hat einen höchst kompetenten Mediziner. Ziemlich vergnügt schwoft Jay Kay, der Frontmann von Jamiroquai, am Samstagabend über die Hauptbühne. Trotz Leistenbruch, den er sich Anfang Woche zugezogen hat, und obwohl sein Auftritt am Gurtenfestival noch 24 Stunden zuvor im Ungewissen lag.

In dieser nicht eben aufregungsreichen Festivalausgabe war dies denn auch eine der meistdiskutierten Fragen: Kommt Jay Kay, oder kommt er nicht? Ebenso wichtig: Kommt die Kaltfront, oder kommt sie nicht? Und drittens: Gab es je ein ergreifenderes Konzert auf dem Berner Hausberg als jenes der Eels am Donnerstagabend? So viel vorweg: Die Kaltfront kam. Und: wahrscheinlich nicht.

Ein faszinierendes Relikt

Aber zurück zu Jay Kay, der jetzt gerade von kosmischen Mädchen und weiteren Raumfahrtphänomenen singt. Man staunt über den dynamischen Hüftschwung des Herrn, wendet sich aber schon bald wieder den anderen zwei Fragen zu.

Sicher, es ist ein animierter Auftritt von Jamiroquai. Aber da ist doch sehr viel antiquarischer Eifer mit im Spiel: Dieser aus Acid-Jazz, Pop und House zusammengefügte und mit sehr viel Euphorie verleimte Sound hat seit den 90er-Jahren kaum nennenswerte Neuerungen erfahren. Als gut erhaltenes Relikt einer weit zurückliegenden Vergangenheit ist das durchaus faszinierend, was das Jetzt angeht aber reichlich belanglos. Das beweisen auch die Pausen zwischen den Songs: Hier richtet Jay Kay seine ganze Aufmerksamkeit konsequent auf seine Mineralwasserflasche. Da ist wirklich nichts mehr, was er uns noch mitzuteilen hätte. Kurzum: Er war hier, es war okay, und man könnte ihn auch wieder einmal einladen – irgendwann.

Selbes gilt auch für Jamie Cullum. Seine eskapadenreiche Stunde am Samstagnachmittag könnte aber auch als Bewerbung für eine Zweitkarriere als Comedian durchgehen. Erfreulich immerhin, wie flink der Brite seinen sanftmütigen Jazz in dieses Kabarettprogramm einzuflechten versteht.

Keine Sentimentalitäten bitte

Eine erneute Berufung auf den Gurten erübrigt sich bei Mike Skinner. Jenem Rapper also, der als The Streets die Popwelt vor rund acht Jahren auf sehr inspirierende Weise aus den Angeln gehoben hat. Nach einem sich über drei weitere Alben erstreckenden Sinkflug hat der Engländer vor einigen Monaten seinen Rücktritt aus dem Musikgeschäft angekündigt. Er befindet sich auf seiner letzten Runde und holt sich am Freitagabend auf der Zeltbühne noch den Schlussapplaus ab. Dieser fällt aber ungemein bescheiden aus, nachdem der aufgekratzte Mike Skinner, die abgehangene Band und der unfähige Tontechniker alle ihren Teil dazu beigesteuert haben, dass da ja keine Sentimentalität mehr aufkommt.

Der beste Bassist: Ein Pianist

Wenige Stunden später ist es ein anderer Rapper, der ein grosses Ausrufezeichen hinter dieses Gurtenfestival setzt, nämlich Baze. Einerseits, weil der Berner von einer hinreissenden Miniformation begleitet wird. Sie verständigt sich auf eine radikal verknappte Spielart von Funk und liefert überdies das Faszinosum, dass der herausragende Bassist dieses Festivals ein Pianist ist. Ein Glanzlicht ist dieser Auftritt überdies, weil der Rapper seine Dämonen zu einem Showdown herausfordert, bei dem wirklich alles auf dem Spiel steht. Und wie Baze sich dann in diesen Kampf wirft – ganz ohne Sicherheitsseil, stets nur einen Wimpernschlag vom Absturz entfernt –, das ist in seiner beinahe grotesken Ernsthaftigkeit wirklich atemberaubend.

Und gleichsam die Antithese zum Konzert der Eels. Deren Mastermind, Mr. E, kann bekanntlich vieles nicht ausstehen, am wenigsten aber die Heiterkeit. Das bringt ihn an solchen Musikevents natürlich in die Bredouille, weswegen sich der bärtige Amerikaner stets auf besonders pointierte Positionen festlegt. Vor einigen Jahren gab er am Open Air St. Gallen den grimmigen Outlaw. Am Gurtenfestival entscheidet er sich nun für die Parodie: Ihr wollt Unterhaltung? Voilà, das Unterhaltungsorchester. In der Façon von Herb Alpert oder James Last legen er und seine sechs Mitstreiter los – wohlerzogen, überangenehm und sehr, sehr diskret rockend. Bis die Parodie nach einer knappen halben Stunde in bitteren Ernst umschlägt. Sie gipfelt in einer kolossalen Interpretation von «That Look You Give That Guy». Und dem Beweis, dass es für die Einsamkeit des Aussenseiters unter 14 000 feiernden Menschen keine Medizin gibt. Gegen dieses Leiden ist jeder Leistenbruch eine Lappalie.

Das Sedativum fehlt

Einen weiteren Vorstoss in die verschatteten Zonen menschlicher Befindlichkeit wagen am Sonntagnachmittag bei strömendem Regen The National. Diese fünf Männer aus Ohio haben sich mit den gravitätischen Hymnen ihrer letzten zwei Alben als Experten empfohlen für diese hoffnungslosen Fälle: wenn der Schmerz auf der Seele bohrt und das Sedativum fehlt.

Jedoch, wo The National auf ihren Platten diese Trauerarbeit noch mit vornehmster Haltung verrichten, explodiert dieses Konzert in hellster Verzweiflung. Das Piano, das diese Balladen eigentlich tragen sollte, steht unberührt am Rand, derweil die Gitarren wild kreischen. Und Sänger Matt Berninger, bewundert für seinen wohlgeformten Bariton, schreit waidwund in den Regen hinaus. Mit der Kontrolle ist auch das Vertrauen dahin und der letzte Funken Hoffnung futsch. Was bleibt, ist Kummer und Phantomschmerz am Gemüt.

Zweimal Phantomschmerz

Gutes Stichwort: Phantomschmerz gibt es nämlich gleich zweimal, wenngleich in sehr unterschiedlicher Qualität. Bei Sophie Hunger ist es die Rührung über Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie teilweise im Spiegel verbrachte. Also nur wenige Hundert Meter von der Zeltbühne entfernt, die sie am Freitagabend mit ihrer überragenden Band einnimmt. Zwischen ihren wunderbar sanften, kammermusikalisch arrangierten Meisterwerken berichtet sie vom Unihockey-Club, von der Schule, vom ersten Kuss – und hinterlässt ein sehr ergriffenes Publikum.

Der andere Fall betrifft Beady Eye, das neue Teil von Ex-Oasis-Sänger Liam Gallagher. Hier nimmt der Phantomschmerz ziemlich dramatische Ausmasse an. Wobei die gepeinigten nicht auf, sondern vor der Bühne stehen. Da, wo andere Bands das Talent zum Songwriting haben, ist bei Liam Gallagher und seiner zusammengecasteten Truppe ein schwarzes Loch. Aber immerhin erinnern Beady Eye nach einem musikalisch erfreulichen Gurtenfestival und dieser Kaskade von Gebresten daran: Man kann auch vor Langeweile sterben. Aber das Gurtenpublikum ist da verdammt hart im Nehmen. Und hat in den letzten Tagen so einiges an Medizin geschluckt. Mit dem guten Stoff war man jedenfalls üppig versorgt. (Der Bund)

Erstellt: 18.07.2011, 06:33 Uhr

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2 Kommentare

Bettina Weise

18.07.2011, 12:19 Uhr
Melden 4 Empfehlung

Was braucht die Welt ganz bestimmt nicht? Des Lebens überdrüssige, Häme ausschüttende, alte Männer (jeden Alters...) Antworten


Severin Keller

18.07.2011, 15:56 Uhr
Melden

Genüssliches Lesen! Ich finde die Kritik toll! Antworten



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