Kultur
Vor dem Ernstfall
Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 28.04.2012
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Tag 3. Überfahrt von Ouagadougou nach Bobo Dioulasso. Temperatur: ca. 24 Grad im Bus, 42 Grad draussen. Stimmung: abwartend.
Heute gibts den ersten musikalischen Ernstfall für die Faranas. die Berner, die ausgezogen sind, um Afrika den helvetischen Afrobeat zu überbringen. Ein Konzert in Bobo Dioulasso, mit zirka 500'000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Burkina Fasos. Das zurückliegende Ouagadougou ist als Stadt weitgehend unfassbar geblieben – ein Zentrum war aufs erste Hinschauen nicht zu erkennen, und ein Künstler, den man mit dem Auftrag betrauen würde, die Skyline von Ouagadougou grafisch umzusetzen, würde mittelfristig ein Leben in Malaise und Bredouille fristen.
Auf der zirka 400 Kilometer langen Überfahrt nach Bobo gibt es allerhand zu bestaunen; ein umgekippter Lastwagen, ein umgekippter Personenbus, ein nicht umgekippter, aber etwas in die Jahre gekommener Coop-Lieferwagen, und die wohl coolste Ziege Schwarzafrikas. Sie reiste auf dem Dach eines Kleinbusses und federte die Strassenunebenheiten vierbeinig-souverän aus.
Die leicht entrückte Seligkeit von Alig Dominik
Ein Passagier des Busses hat die ganze Fahr über ein seliges Strahlen im Gesicht. Der Mann heisst Alig Dominik, bedient bei den Faranas das Vibrafon und ist gestern mal so eben seinem Abgott begegnet. Auf einmal stand er im temporär gemieteten Übungsraum der Band, begann bereits nach den ersten Takten zu Wippen und zu Strahlen und den Bernern die erhobenen Daumen entgegenzustrecken. Der Mann, der Alig Dominiks Dauerstrahlen heraufbeschworen hat, heisst Paco Séry, war einst Schlagzeuger von Nina Simone und der Taktgeber des Zawinul Syndicates. Ausserdem spiele er das Daumenpiano so dermassen schnell, dass weitherum vermutet werde, dass er vier Daumen besitze, klärt mich Alig Dominik auf. Das tut er nicht, der Chronist und Herr Alig haben es mit eigenen Augen gesehen.
Paco Séry übt im Raum nebenan für einen Auftritt am Festival Jazz à Ouaga, an dem zum Abschluss der Reise auch die Faranas spielen werden. Und seit Neuestem ist dieser Zweidäumer also ein bekennender Faranas-Anhänger. «Eine verdammt positive Energie», attestiert er den Bernern beim gemeinsamen Daumenpiano-Plausch, er wolle deren Auftritt auf keinen Fall verpassen. Seither ist Alig Dominik – auch unter normalen Umständen ein durchaus fröhliches Gemüt – von einer leicht entrückten Seligkeit illuminiert. Ansprechbar zwar, aber irgendwie anders. Nu denn.
Die Willkommensband in Bobo
Der Bus ist heil in Bobo angekommen, die Dame neben dem Saxofonisten Jan Galega Brönnimann hat wiederholt ihren Magen in eiligst herbeigeschaffte Plastiktüten entleert, Schlagzeuger Bürgin Fabian fristete ein unwirtliches Dasein unter dem Bus-Beschallungssystem, über welches eher ungünstig ausgesteuerte burkinische Telenovelas gellten. (Nur so nebenbei: Die Lieblingsthemen burkinischer Telenovelas sind untreue Frauen, schelmische Bedienstete und tyrannische Diktatoren in Tarnanzügen).
Nach der Fahrt gibts extra für die Berner ein musikalisches Empfangsständchen, ebenso zum Abendessen. Was in Europa der Willkommensapero oder der –Blumenstrauss ist, ist in Burkina Faso offenbar die Willkommensband. Mit Ruhe vor dem Konzert ist nichts. Die Faranas sind müde, die Augen klein, der Teint speckig.
Bald spielen die Weissafrikaner aus Bern ihr erstes Konzert auf dem schwarzen Kontinent. Sagen wir es so: Es wird nicht ihr bestes sein. Und sie werden daran vollkommen unschuldig sein. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.04.2012, 14:42 Uhr
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