Kultur

Unser cooler Onkel Anthony

Von Samuel Reber. Aktualisiert am 14.12.2011 9 Kommentare

Kalifornien in Oerlikon: Die Red Hot Chili Peppers spielten am Dienstagabend im ausverkauften Hallenstadion. Souverän, wie die Stones. Wenn da nur nicht das alte Live-Problem wäre.

1/10 Fit und omnipräsent: Anthony Kiedis im Zürcher Hallenstadion (13. Dezember 2011).
Bild: Newsnet

   

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Der Auftritt war wie das jüngste Album «I’m With You»: Gut, aber ohne Überraschung. Die Red Hot Chili Peppers, das sind mittlerweile topfite Profis in der Unterhaltungsbranche. Keine heroinkranken Jünglinge mehr wie noch Ende der 80er-Jahre, als sie in der Roten Fabrik auftraten. Sänger Anthony Kiedis und Bassist Flea sind schlank und muskulös und längst in der Liga der Top-Acts dieser Welt angelangt. Auf ihrer Setlist steht ein Hit nach dem anderen, das Konzert erinnert an eines der Stones. Nur sind es hier nicht «Satisfaction» und «Brown Sugar». Sondern «Dani California», «Californication», «By The Way», «Under The Bridge» oder zum Abschluss «Give It Away».

Das Publikum – von 15- bis 55-Jährigen sind alle Altersklassen vertreten, es hat auch Mamis mit Teenager-Söhnen – applaudiert frenetisch und wogt jeweils ab den ersten Takten. Der Wiedererkennungseffekt der Ohrwürmer dieser ehemaligen Untergrund-Punk-Funk-Geheimtipp-Band ist gross. Dazu passt auch die nur wenige Tage alte Meldung: Die Red Hot Chili Peppers, 1983 von Schulfreunden gegründet, werden im April 2012 in die Rock’n’Roll Hall of Fame aufgenommen

Angst vor Währungsverlusten

Die Chili Peppers sind pünktlich und beginnen ihr Konzert wie vom Veranstalter geplant auf die Minute genau um 21.10 Uhr. Und drücken ihre Instrumente – wie den Medienvertretern vorgängig angesagt – um 23 Uhr zum letzten Mal dem Roadie in die Hand. Dann geht es übermorgen in Barcelona weiter, zwei Tage später in Madrid. Es folgt im Frühjahr eine ausgedehnte US-Tournee, bis sie wieder zurückkommen nach Europa, unter anderem ins Berner Stade de Suisse am 3. Juli 2012. Diese zusätzlichen Europa-Termine waren ursprünglich für später geplant und wurden vorgezogen, da das Management weitere Währungsverluste auf dem alten Kontinent fürchtet und die Ernte einfahren will, solange noch was zu holen ist (der «Tages-Anzeiger» berichtete).

So lernen wir: Eine Tour der Red Hot Chili Peppers ist mittlerweile ein scharf kalkuliertes Geschäft. Und diesen Eindruck nimmt man auch vom Konzert im Hallenstadion mit nach Hause. Es wird zwar noch leidenschaftlich gespielt, Nonsens gerappt und erzählt, Krach gemacht und mit nacktem Oberkörper getanzt. Doch unter dem Strich ist das mittlerweile hochprofessionelles US-Entertainment: clean und genau geplant. Disney für Erwachsene.

Wie nur Frusciante ersetzen?

Doch der Auftritt macht auch Spass. Es ist schön, die Band zu sehen. Sie sind wie alte Bekannte, die zu Besuch kommen. Sänger Anthony Kiedis scheint gut gelaunt, ein sympathischer Onkel. Tanzt unaufhörlich mit coolen Posen über die Bühne. Trägt seinen Pornostar-Schnauz zur Schau. Das T-Shirt bleibt gerade mal drei Songs lang auf dem Körper. Bassist Flea gibt sich gewohnt verrückt und bespielt seine Bässe mit stupender Technik, Drummer Chad Smith ist souverän und solide wie eh und je. Und der neue Gitarrist: Josh Klinghoffer, der Frusciante-Ersatz? Gut, wie nur soll man John Frusciante ersetzen? Der 32-Jährige macht seinen Job aber nicht schlecht. Sorgt für viele, fast zu viele Gitarrengewitter, viel verzerrten Lärm, gelegentlich wäre eine Breitseite weniger etwas mehr gewesen. Klinghoffer erinnert an einen Kunststudenten, der dem Werk seines Meisters eine paar neue Nuancen beifügen will. Schräge Töne, bewusst gesetzt. Mit Absicht anders. Man denkt sich ab und zu: Hätte er das nicht besser sein lassen und das Original gespielt?

Ansonsten hat die Band viel Druck und Energie. Huldigt dem Punk, dem harten Funk. Die Kalifornier grooven ekstatisch, schütteln wie irre ihre Köpfe und setzen mit langsameren Songs auch immer wieder Kontrapunkte. Gelegentlich schallt ein Sound-Brei von der Bühne, Lärm überdeckt alles, was schade ist bei einer Band, deren Bass- und Gitarrenläufe sich in Kombination mit dem gekonnt spärlichen Spiel von Drummer Smith oft genial ergänzen und in dieser Form einzigartig sind. Solche Feinheiten gehen unter. Ab und zu setzen die Instrumentalisten aber zu einem Jam an – und dann zeigt sich jeweils schnell, was diese Musiker alles können. In diesen Momenten bekommt das Konzert auch einen Anflug von Einzigartigkeit, von etwas Speziellem.

Stimmung wird verhaltener

Sänger Kiedis selber fängt gut an. Der Melodiebogen beim Eröffnungssong «Monarchy Of Roses» gelingt. Auch beim nachfolgenden «Dani California» gefällt die Stimme. Doch nach rund 40 Minuten ist es wieder da, das alte Live-Problem der Red Hot Chili Peppers: Der Gesang klingt falsch. Was auf den Tonträgern funktioniert und besticht, gelingt auf der Bühne nicht. Besonders deutlich wird es bei «Parallel Universe» oder auch bei «Under The Bridge».

Die harten Raps, das klappt problemlos. Doch die feinen Passagen irritieren. Auch das Publikum scheint das zu merken, die Stimmung wird jeweils verhaltener. Doch schnell folgt wieder eine schnellere und härtere Nummer. Die Freude kehrt zurück, das Publikum wogt auf und ab. Auch der netteste Onkel ist schliesslich nicht perfekt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.12.2011, 01:57 Uhr

9

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

9 Kommentare

walter viktor

14.12.2011, 09:09 Uhr
Melden 20 Empfehlung

Lieber Tagi, mir ist es lieber, dass es heute etwas mehr "Disney" ist und dafür das Heroin besiegt werden konnte. Das Konzert war sehr gut. Erstklassige Musiker die kein Playback nötig haben. Gute Musik ohne Schnick-Schnack. Bei Rammstein am Vortag hat der Schnick-Schnack übertüncht, dass ohne Pyros die Show eher langweilig gewesen wäre und die Musiker zweitklassig. Antworten


Beno Grütter

14.12.2011, 10:13 Uhr
Melden 12 Empfehlung

war auch am Konzert, aber nach gut einer Stunde wieder gegangen. Nicht dass es so wahnsinnig schlecht war, aber gepackt hat's mich nicht. Der saubere Groove in den Saiten, was diese Band auszeichnet, ging in einem Soundbrei unter. Und singen kann der Kiedis nun einfach nicht. Leider wirklich nicht.. Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.