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Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


«Und am Abend trat Miles Davis gleich nochmals auf»

Aktualisiert am 11.01.2013 14 Kommentare

Claude Nobs ist tot. Knox Troxler, Gründer des legendären Jazzfestivals Willisau, über Nobs' Vermächtnis, seine Gastgeberqualitäten und Konzerte im alten Casino, das während eines Zappa-Konzerts niederbrannte.

1/12 «Ich mache das Spiel mit, aber ich hasse es auch»: Nobs über das Musikgeschäft.
Bild: Keystone

   

Knox Troxler (*1948) gründete das Jazzfestival Willisau. Er leitete es bis 2009. Troxler ist ausserdem international bekannt als Grafiker und Dozent.

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Herr Troxler, welche Bedeutung hatte das Montreux Jazzfestival für die Karriere von Miles Davis?
Ich habe Miles vier- oder fünfmal in Montreux spielen sehen, und es war klar, dass er sich dort enorm wohlfühlte. Diese Konzerte waren sehr speziell. Er, der sich sonst häufig exakt an seinen Vertrag hielt, spielte viel länger als sonst. Meistens gab er bereits am Nachmittag ein Konzert, und am Abend trat er gleich nochmals auf. Dabei spielte er massig Zugaben und überzog manchmal bis zu einer Stunde.

Woran lag das?
Nobs war ein Musikliebhaber, es ging ihm nicht nur ums Geschäft. Das ist den meisten Musikern sehr wichtig. Auch bemühte sich Nobs, der ja auch ein exzellenter Koch war, sehr um seine Gäste, erfüllte ihnen fast jeden noch so extravaganten Wunsch. Miles wünschte sich während des Festivals schnelle Autos, gerne einen Ferrari. Und dann, wenige Stunden vor der Anreise, wollte er eine andere Farbe. Plötzlich musste der rote Ferrari schwarz sein – oder umgekehrt. Und dann ist Nobs gerannt, auf der Suche nach einem Lackierer oder einem anderen Auto. Wie gerne Miles nach Montreux kam, zeigte sich insbesondere in den 1990ern während Davis' letzten Konzerten.

Wann hatte das Festival seinen Bedeutungszenit erreicht, wann war sein Einfluss auf die internationale Jazzszene am grössten?
Das ist schwer zu sagen. Ganz am Anfang, in den 1960er-Jahren, war Montreux am Puls der Avantgarde. An seinen ersten Festivals bewies Nobs grossen Mut, er lud Leute des Free Jazz ein – John Sureman etwa oder Jan Garbarek, der damals ein sehr wilder Saxophonist gewesen ist. Die Konzerte im alten Casino, das 1971 während eines Zappa-Konzerts niederbrannte, waren fantastisch, unvergesslich. Grosse Konzerte gabs auch noch in den letzten Jahren, aber als Miles Davis von der Bühne ging, ging in Montreux auch der Jazz von der Bühne. Heute ist Montreux ein grosses Musik-Popfestival.

Was meinen Sie zur These, dass Nobs weniger ein Entdecker als ein Wiederentdecker gewesen ist – neben Miles Davis nach seiner Junkie-Zeit werden Musiker wie Qunicy Jones oder Carlos Santana genannt, denen Nobs quasi einen zweiten Frühling ermöglicht habe.
Das halte ich nun allerdings für einen Mythos. Miles war wieder in Form damals, er wollte spielen, und er spielte ja nicht nur in Montreux. Miles Davis hätte auch ohne das Jazzfestival Montreux seine Karriere gemacht, für Montreux war Miles aber enorm wichtig. Man sollte einen Veranstalter nicht derart überbewerten. Und Nobs notabene tat das auch nicht. Er suchte die privaten, aber ebenso die nüchtern geschäftlichen Beziehungen zu den Musikern. Er war ja auch ein Warner-Brothers-Businessman.

Wie zeigte sich das?
Er wollte immer die Nummer eins sein. Als der Jazz an Marktanteilen verlor, passte sich Nobs umstandslos an; Montreux war schon früh ein marktorientiertes Festival. Ich hatte nie ein Problem damit, Veranstaltungen wie mein Jazzfestival in Willisau konnten den Freiraum ausfüllen, den das breit aufgestellte Montreux, die grosse Kiste, uns Kleineren liess. Miles Davis war schon dort, da konnte ich mich auf andere konzentrieren, Ornette Coleman zum Beispiel oder Don Cherry.

Wie Nobs waren Sie rund vierzig Jahre Leiter eines Musikfestivals. Wie haben sich die Rahmenbedingungen verändert?
Früher ging der Kontakt meistens direkt über die Musiker. Jeder wusste, was die anderen Musiker für ihre Auftritte bekamen, man einigte sich persönlich. Heute ruft man einen Musiker an, er sagt «Yeah, I like to do that», und dann merkt man: Der hat drei Verträge und drei Managements. Das machts mühsam; häufig wirds geheimnisvoll und auch misstrauisch. Und insgesamt muss man feststellen: Der Jazz, die improvisierte Musik hat verloren. Das Publikum ist merklich geschwunden, und leider wurde die Musik dadurch auch «anpässlerisch» und weniger interessant.

Was war eigentlich das beste Konzert, das Sie in Montreux erlebt haben?
Da muss ich mehrere nennen. 1975 das Duo Bill Evans-Eddie Gomez, 1979 John Lewis, 1984 und die Jahre danach bis 91: Miles Davis.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2013, 17:05 Uhr

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14 Kommentare

Thomas Hanhart

11.01.2013, 17:27 Uhr
Melden 84 Empfehlung 4

Nobs schaffte es sogar, dass Miles 1991 nochmals die legendären Gil Evans Arrangements über Gershwin aus den 50ern aufführte (mit der George Gruntz Concert Jazz Band unter Quincy Jones). Sternstunden, die man als Jazzfan niemals mehr vergisst. R.I.P. Claude und all die Masters, die schon gegangen sind! A sad day! Antworten


Hanspeter Mathys

11.01.2013, 19:40 Uhr
Melden 43 Empfehlung 3

Von 1968 bis 1973 arbeitete und lebte ich in Montreux. Die Jazz-Festivals haben mir den Zugang in eine neue Welt eröffnet. Ich durfte Jazz- Blues- und Rockgrössen, wie z.B. Muddy Waters, Albert King, Led Zeppelin u.v.a. erleben. Unvergesslich bleiben die Jam-Sessions nach den offiziellen Konzerten. Diese Atmosphäre habe ich nicht mehr erlebt. Aber ich bin beim Blues geblieben - dank Claude. Antworten



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