Kultur

Übung macht den Meister

Von Tom Gsteiger. Aktualisiert am 12.01.2012

Andy Scherrer tritt nach 36 Jahren als Saxofon-Lehrer an der Berner Swiss Jazz School ab. Er wirft einen kritischen Blick auf die Entwicklung der Schule und erinnert sich an gute und schlechtere Schüler.

«Die Schüler, die es wirklich zu etwas gebracht haben, waren nicht auf eine Schule angewiesen»: Andy Scherrer.

«Die Schüler, die es wirklich zu etwas gebracht haben, waren nicht auf eine Schule angewiesen»: Andy Scherrer.
Bild: zvg

Letztes Dozentenkonzert

Das letzte Dozentenkonzert von Andy Scherrer findet am Donnerstag, 12. Januar, 20.30 Uhr, im Be-Jazz-Club im Liebefeld statt. Mit Colin Vallon, Patrice Moret und Dejan Terzic.

Der Nachfolger heisst Lutz Häfner

Nachdem Andy Scherrers designierter Nachfolger, Johannes Enders, einen Rückzieher gemacht hat, wird das nächste Semester ad interim vom Berner Jazzwerkstättler Marc Stucki gemanagt. Danach übernimmt Lutz Häfner das Kommando. Zieht man die Webpage des deutschen Saxofonisten als Ferndiagnose-Tool heran, darf man auf einen gewieften, ziemlich narzisstischen Allround-Sonnyboy schliessen, der auch gerne in populistischen Gefilden unterwegs ist: So tauchen in seiner Diskografie u. a. der Schnulzenopa Tony Marshall, die Popsängerin Sarah Connor und die Fantastischen Vier auf. Zum Glück ist bei Häfner nicht alles Schein: Wenn er nämlich mit seinem Quartett durchstartet, entpuppt er sich als draufgängerischer Virtuose, der die angesagten New Yorker Pappenheimer ganz genau studiert zu haben scheint. (tom)

Andy Scherrer erzählt eine Anekdote von einem Sinfonieorchester-Trompeter, der nach seinem letzten Auftritt sein Instrument nie mehr angerührt habe – und fügt hinzu: «So wird es bei mir ganz sicher nicht sein.» Wer weiss, vielleicht (hoffentlich!) wird der Tenorsax-Profi seine Konzerttätigkeit nach seiner Pensionierung sogar wieder ein bisschen intensivieren.

Nachdem Scherrers designierter Nachfolger als Dozent an der Swiss Jazz School, die eigentlich offiziellerweise als Jazzabteilung der Hochschule der Künste Bern zu bezeichnen wäre, kurzfristig abgesagt hat, hätte der Übergang in den Ruhestand sogar um ein Semester hinausgezögert werden können. Doch Scherrer winkte ab – im Gespräch sagt er: «Ich bin froh, dass ich gehen kann.» Hinter diesem bittersüss-lakonischen Satz verbirgt sich eine komplexe Gemengelage an Gefühlen und Meinungen, mit denen Scherrer auf die Entwicklung der Berner Jazzschule in den letzten Jahren reagierte.

Autodidaktischer Mentor

Einerseits begrüsse er die Öffnung des Curriculums, andererseits stelle er Jekami-Tendenzen fest, die zu einer Verwässerung des Profils führten. Kommt hinzu, dass er Aufgaben übernehmen musste, für die er sich nicht als kompetent genug empfand (als es um die Benotung eines von ihm als Trash-Metal bezeichneten Konzerts ging, trat er in den Ausstand). Scherrer diagnostiziert eine gewisse Orientierungslosigkeit und meint: «Je älter man wird, desto mehr konzentriert man sich auf das, was einen wirklich interessiert.» Es scheint so, dass die Zeit der autodidaktischen Mentoren à la Scherrer langsam abläuft und die akademisch gestählten Allround-Pädagogen mit ausgeklügelten interdisziplinären Konzepten das Ruder übernehmen – ob dies der Kunst wirklich zum Vorteil gereicht, darf allerdings infrage gestellt werden: Es könnte gut sein, dass Authentizität immer mehr durch Pseudo-Originalität ersetzt wird.

Obwohl er auch schon als Saxofonlehrer der Nation tituliert wurde, spielt Scherrer seine Rolle herunter. Er ist der festen Überzeugung, dass diejenigen seiner Schüler, die es wirklich auf einen grünen Zweig gebracht haben, eigentlich gar nicht auf eine Schule angewiesen gewesen seien. Damit meint er in erster Linie starke Charakterköpfe wie Roman Schwaller, Donat Fisch und Domenic Landolf, mit denen er auch auf freier Wildbahn des öfteren zusammengearbeitet hat. Das Beispiel dieser drei Saxofonisten, die alle überhaupt nicht wie Scherrer spielen und von denen jeder einen ganz eigenen Sound hat, lässt erahnen, wie der Unterricht bei Scherrer ablief: Da wurde nicht mit präzisen Methoden hantiert, sondern die Förderung von Individualität in den Vordergrund gestellt.

Am liebsten habe er mit seinen Eleven gemeinsam etwas ausbaldowert, sagt Scherrer, für den der Unterricht furchtbar langweilig wurde, wenn man von ihm pfannenfertige Rezepte verlangte. Für Scherrer ist diese intuitive Art des Unterrichtens ohne Sicherheitsnetz nie zur Routine geworden – so habe ihn bei jeder Zugfahrt von Basel nach Bern ein ungutes Gefühl in der Magengegend beschlichen, und er habe sich immer gefragt, ob er es wohl richtig mache, verrät er. Eines ist für Scherrer klar: «Man sollte auch das üben, was man kann, damit es nicht schludrig wird.»

Ohne Noten

Scherrer studierte klassisches Saxofon bei Ivan Roth am Konservatorium Basel. Die Jazzimprovisation brachte er sich selbst bei, wobei Schallplatten die wichtigste Orientierungshilfe für ihn waren – zu seinen Lieblingsjazzalben zählt er u. a. «Kind of Blue» und «Live at the Plugged Nickel» von Miles Davis, «Ballads» und «A Love Supreme» von John Coltrane, «Tetragon» von Joe Henderson, «Unity» von Larry Young (mit Henderson und Woody Shaw), «JuJu» von Wayne Shorter sowie Aufnahmen von Thelonious Monk, Ahmad Jamal und Ben Webster mit Oscar Peterson.

Als er an der Seite von «Heavy Cats» wie Dexter Gordon oder Sal Nistico auftrat, traute sich Scherrer nicht, diese in Fachsimpeleien zu verstricken, was er im Nachhinein bedauert. Scherrer hat nie Soli transkribiert, sondern sich stets auf sein Gehör verlassen – so kann es nicht verwundern, dass er die Einführung eines Workshops, bei dem ohne Noten gespielt wird, als seinen wichtigsten Beitrag zur Erweiterung des Unterrichtsangebots der Swiss Jazz School erachtet: Als er 1975 dort einstieg, gab es das noch nicht.

Alte Schule

Mit recht umfangreichem Notenmaterial wurde Scherrer allerdings bei seiner Tätigkeit als Big-Band-Saxofonist konfrontiert – eine wichtige frühe Station auf diesem Gebiet war sicherlich das Slide Hampton – Joe Haider Jazz Orchestra (u. a. mit Dexter Gordon und Billy Brooks am Schlagzeug); ab 1991 stiess Scherrer dann zum Vienna Art Orchestra.

Zu Höchstform läuft der zugleich expressive und lyrische, quirlige und knorrige Tenorsaxofonist allerdings erst dann auf, wenn er pro Abend mehr als bloss zwei oder drei Soli spielen darf. Und so nimmt man erfreut zur Kenntnis, dass Scherrer sein letztes Dozentenkonzert im Quartett-Format absolviert, in dem er sich wirklich zu Hause fühlt. Dass er bei einer Entourage, die aus Colin Vallon (Piano), Patrice Moret (Bass) und Dejan Terzic (Schlagzeug) besteht, auf ein Repertoire setzt, das viel Freiraum für die Entfaltung von improvisatorischer Spontaneität und kinetischer Swing-Energie lässt, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Scherrer ein Jazzmaestro der alten Schule ist: Vielleicht sollte man ihn unter Denkmalschutz stellen. (Der Bund)

Erstellt: 11.01.2012, 16:59 Uhr

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