Triumphzug der Helvetier
Von Michael Gurtner. Aktualisiert am 08.02.2012 2 Kommentare
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«Da waren Lachen und Lieder. Und da waren auch Tränen. Aber noch mehr als Tränen wurde Blut vergossen.»
Ein Sturm braut sich zusammen, ein donnernder Rhythmus baut sich auf, ein Dudelsack weint eine zeitlose Melodie, eine Frauenstimme klagt im Hintergrund. Und dann brandet mit voller Wucht der Folk-Metal der Band Eluveitie heran, eine mächtige Welle, vorwärtsgepeitscht von Chrigel Glanzmanns gnadenlosem, gutturalem Gesang und mittelalterlichen Drehleiern, Fiedeln, Flöten. Es sind Geschichten aus dem Krieg, welche die Winterthurer erzählen. Geschichten voller Dramatik. Voller Tränen und Blut, wie der eingangs zitierte Sprecher im Prolog zur fünften Studio-CD von Eluveitie festhält. «Helvetios» heisst das Werk – ein Konzeptalbum über den Gallischen Krieg, der von 58 bis 50 vor Christus tobte. «Wir erzählen die Story des Krieges aus Sicht der Helvetier», sagt Chrigel Glanzmann, ein ruhiger, besonnener Gesprächspartner. Es sei ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Gallier. Ein Kapitel mit jeder Menge Stoff für emotionsgeladene Storys.
11 Millionen Youtube-Klicks
Damit treffen Eluveitie ganz offensichtlich einen Nerv. Die achtköpfige Truppe gilt mittlerweile als eine der international erfolgreichsten Schweizer Bands, über 11 Millionen Mal wurde ihr Song «Inis Mona» auf Youtube angeklickt, zurzeit sind sie auf Südamerika-, Kanada- und USA-Tour. Eine Erklärung hat Glanzmann für den Erfolg nicht – für ihn ist er aber keine Überraschung. «Wieso nicht?», entgegnet er lachend auf die Feststellung, dass wohl kaum mit vorderen Hitparadenplätzen rechne, wer ein solches Projekt starte. «Das ist nicht hochnäsig gemeint, aber ich habe nie gezweifelt. Es war von Anfang an klar, dass es ein 100-prozentiges Commitment braucht und wir viel und hart arbeiten müssen.» Dass in Zeiten, wo das Marketing so wichtig sei, trotz allem am Ende der Hörer entscheide, ob eine Band etwas taugt oder nicht – das findet der 36-Jährige «schaurig schön». Als er seinen ersten Versuch mit Folk-Metal gestartet habe, sei er durchaus schräg angeschaut worden: «Das war ganz und gar nicht etabliert», sagt Glanzmann und betont: «Wir fühlen uns genauso als Folk- wie als Metal-Musiker.»
Wissenschaftliche Basis
Für «Helvetios» haben Eluveitie erstmals mit Orchestrationen und Chören gearbeitet. Und ein kraftstrotzendes Epos geschaffen, das bei allem Gitarrengewitter Platz lässt für Zwischentöne. Uralt klingt die liebliche Melodie in «Scorched Earth». «A Rose for Epona» ist ein eindringlicher Popsong, der sich einen Metalmantel übergezogen hat. «Hope» kommt ruhig und melancholisch daher – und macht den Kontrast zum brutalen Schlachtengetümmel von «The Siege» umso drastischer. Die Texte sind in Englisch und Keltisch gehalten. Zum Teil greifen Eluveitie auf gallische Texte zurück, die vor gut 2000 Jahren entstanden sind. Oder Chrigel Glanzmann schreibt sie selber. Und legt dabei auf eines besonders Wert: «Das ist nicht irgendwelches Braveheart-Fantasy-Zeugs.» Dafür arbeitet er mit Sprachwissenschaftlern zusammen. Die Geschichten sollen schliesslich auf einer fundierten, wissenschaftlichen Basis erzählt werden.
«Ich, der Helvetier»
Der Bandname Eluveitie stammt aus der Inschrift einer Tonschale und heisst so viel wie «Ich, der Helvetier». Was bedeutet es Chrigel Glanzmann, Schweizer zu sein? Seine Antwort fällt differenziert aus – und hat nichts mit übertriebenem Nationalismus zu tun. «Ich möchte vorausschicken: Die Schweiz ist mein Lieblingsland. Ich liebe die Berge.» Aber eigentlich sehe er keinen Zusammenhang mit den Helvetiern. «Natürlich sind sie ein Stück weit unsere Vorfahren. Aber historisch wäre es komplett falsch, wenn man den Link Helvetier = Schweizer herstellen würde.» Viel wichtiger ist die Faszination, welche die Geschichte der Kelten auf Chrigel Glanzmann ausübt. Und die er an immer mehr Fans weitertransportiert.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 08.02.2012, 08:43 Uhr
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