Sport und Musik

Züri West im ausverkauften Bierhübeli: Da ist der Triumph eigentlich programmiert. Dennoch sind da in den Zuschauerreihen einige erschreckende Dinge zu beobachten gewesen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Ungeheuerliche geschieht irgendwo in den hinteren Reihen des Bierhübelis. Züri West stecken gerade im komplizierteren ersten Teil ihres Sets und versuchen das Publikum mit den etwas minder aufgekratzten neuen Songs bei Laune zu halten. Da zückt ein jüngerer Herr sein Handy, tippt kurz auf diesem herum, beugt sich dann gemeinsam mit seiner Freundin über das Gerät, und schaut sich die Liveübertragung eines Sportanlasses an. Bald schart sich ein Pulk Interessierter um die beiden. Immerhin ist es kein völlig irrelevanter Uefa-Cup-Match, den die Leute hier während des Konzerts verfolgen (es ist der Eishockey-WM-Viertelfinal mit Schweizer Beteiligung), aber das macht die Sache nur unwesentlich besser.

Etwas später schwoft das Gespann dann begeistert in der Masse, als Kuno Lauener «Schachtar gäge Gent» anstimmt, diesen Song, in welchem ein Paar auf dem Sofa sitzt, sich ein bedeutungsloses Fussballspiel anschaut und ahnt, dass es für einen günstigen Fortbestand der Beziehung genau dieses eine bedeutungslose Fussballspiel zu viel gewesen sein könnte. Kuno Lauener hat da wieder einmal punktgenau eine Befindlichkeit seiner Hörerschaft getroffen.

Anflug von Ekstase

Egal. Die Freude, dass die Herren von Züri West wieder auf der Konzertbühne stehen, überwiegt im voll besetzten Bierhübeli. Ausser den zwei Neubesetzungen hat sich während der 5-jährigen Pause aufs erste Hingucken nicht viel getan (solid: Wolfgang Zwiauer am Bass; zwischenzeitlich erfreuliche Störgeräusche absondernd: Manu Häfliger an der Gitarre).

Es tanzen jetzt ausgeklügelt programmierte LED-Beleuchtungskörper über der Bühne, die zwar weniger Wärme abstrahlen sollen – was jedoch nicht verhindert, dass Kuno Laueners weisses Bühnenhemd bald hoffnungslos durchgeschwitzt ist. Und es gibt als Referenz an die Moderne eine Hinterbühnen-Grossleinwand, über welche je nach Lied-Thema Charlotte Gainsbourg, Sophia Loren, Alain Chervet oder eine Quitte flimmern. Auch das Sounddesign ist wie gehabt: Züri West klingt nach mal mehr, mal weniger zeitgemässem Pop-Rock – heute Abend mit auffallend flauschig-weichgezeichneter Snare Drum, was eine durchwegs schicke Sache ist. Und so unaufgeregt wie im ersten Konzertteil des 100-Minüters hat man Züri West noch selten erlebt. Als Kuno Lauener in einem Anflug von Ekstase seinen Mikrofonständer auf die Bühne schmettert, stellt er ihn kurz darauf etwas verschämt selber wieder auf.

Kür und Pflicht

Züri West im Bierhübeli, das sieht bald aus «wie ne Heimsieg» – wie Kuno Lauener am Ende des Auftritts richtig bilanziert. Am Schluss sind alle beglückt, der Triumph war nie ernsthaft gefährdet, auch wenn es einige Durststrecken zu durchleiden gab und die Mannschaft nicht in allen Phasen ihre Dominanz auszuspielen vermochte. So würde man das Konzert wohl aus sportlicher Warte beurteilen.

Aus musikalischer Sicht sind Züri-West-Auftritte in einen Kür- und in einen Pflichtteil unterteilbar. In Ersterem werden die Stimmungsbomben gezündet, in Form von Evergreens wie «Traffik», «I schänke dir mis Härz», «Echo», «I ha di gärn gha» oder «Toucher». Hier kann nichts schiefgehen. Hier schlägt der Applausometer schleunig in den roten Bereich aus.

Dann gibt es da aber auch die neuen Lieder von Züri West, mit Refrains, die niemand mitsingen mag, und ausgestattet mit einem eher schlurfigen Temperament. Die Band zielt seit einigen Alben bekanntlich eher aufs Zentralnervensystem als aufs Tanzbein. Viele dieser Songs sind von nicht geringerer Kostbarkeit. «Schlunegger» zum Beispiel, diese Taumelballade zu Ehren Jean-Pierre Schluneggers, des wohl traurigsten Poeten, den dieses Land je hervorgebracht hat: Sie wird im Bierhübeli mit elegischen Gitarrenemphasen zum umwerfenden Drama hinaufstilisiert. Oder die zarte Trennungsschmerz-Abhandlung «Schatteboxe», für welche man beinahe bereit wäre, eine Beziehung aufs Spiel zu setzen, bloss um sich hinterher in diesem Herzkummer mitsuhlen zu können. Diese Songs, wie auch «Schachtar gäge Gent» entfalten in der Live-Umsetzung ihre ganze Grossartigkeit.

Andere Neulinge bestätigen eher ihre Mittelmässigkeit – der etwas verknorzte «Sunntig Mittag i de Sächzgerjahr» zum Beispiel oder das harmlose Katzenlied «Semiramis». Und beim «Quitte»-Song will das von Kuno Lauener angezettelte Publikumsmitsingspiel nur sehr schleppend in die Gänge kommen.

Leidiger «Geri Gagarin»

Nach dem Konzert wird in einer kleinen Zuschauergruppe die Song-Auswahl diskutiert – ungefähr so wie die Mannschaftsaufstellung nach einem unentschieden ausgegangenen Fussballspiel debattiert wird. «Die hätten ja Spitzensongs für zwei Bierhübeli-Abende», sagt einer und zählt Lieder wie «Ohni Di», «Paris» oder «Popsong» auf, die er allesamt an diesem Abend vermisst hat. Er verstehe nicht, dass dafür alte Schmonzetten wie «Geri Gagarin» oder «Idiot» ausgegraben werden mussten. Ein anderer wartete vergeblich auf den «Hermann», noch ein anderer auf das «Monster».

Das sind Luxussorgen einer Band, die diese Stadt seit 33 Jahren mit musikalischer und geistiger Nahrung versorgt. Aber gewisse Anpassungen in der Liedgutauswahl dürften sicher nicht schaden, um auch die kommenden Auswärtsspiele erfolgreich zu gestalten. (Der Bund)

Erstellt: 19.05.2017, 17:53 Uhr

Artikel zum Thema

Lieb und Leid im leichten Leben

Das neue Album von Züri West heisst «Love». Es handelt vom langsamen Verrutschen der Gefühle. Ein Gespräch mit Kuno Lauener über Askese, Angst und andere Aufreger. Mehr...

Mit Stil, Klasse und Kummer

Video Es gibt zwei neue Lieder von Züri West zu bestaunen. Eine traurige Ballade und einen ebenso traurigen Rocksong. Die Freude daran ist gross. Und am 14. Juli spielt die Band am Gurtenfestival. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hast du mal Feuer: Forrest Scott schaut auf die Buschfeuer rund um sein Haus bei Santa Margarita in Kalifornien (26. Juni 2017).
(Bild: Joe Johnston/The Tribune) Mehr...